Newsticker

WHO: Steigende Coronazahlen sind kein Anzeichen für zweite Welle
  1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Vier Heilige ziehen um die Klosterkirche

Leiberfest

04.08.2011

Vier Heilige ziehen um die Klosterkirche

Die Klosterkirche und ihre Heiligen: Severina (großes Bild) mit Pater Rainer Rommens, Laurentia (links oben), Venantius (Mitte) und Valeria. Die Gebeine dieser ersten Christen werden an Mariä Himmelfahrt bei einer Prozession zu sehen sein.
4 Bilder
Die Klosterkirche und ihre Heiligen: Severina (großes Bild) mit Pater Rainer Rommens, Laurentia (links oben), Venantius (Mitte) und Valeria. Die Gebeine dieser ersten Christen werden an Mariä Himmelfahrt bei einer Prozession zu sehen sein.
Bild: Fotos: caj

Gläubige zeigen zu Mariä Himmelfahrt die Gebeine der ersten Christen bei einer Prozession in Roggenburg

Roggenburg Die Augen der Frau sind fest geschlossen, ihre Wangen zart gerötet. Die Lippen formen ein Lächeln, das weiße Gesicht wirkt friedlich – so wie in einem tiefen Schlaf. Doch ein zweiter Blick auf die in Öl gemalte Frau offenbart den Irrtum: Die Arme und Beine der Liegenden in den prächtigen Gewändern sind nur bleiche Knochen. Kein Fleisch, kein Blutstropfen – es handelt sich um ein Totenbildnis. Die Märtyrerin Severina ist eine von vier Heiligen, die in der Roggenburger Klosterkirche bestattet liegen. Sie wurden im Jahr 1720 aus den Katakomben unter Rom nach Schwaben gebracht. Jedes Jahr im Sommer müssen die Toten ihre Ruhe in den Särgen hinter den Gemälden für einen Tag unterbrechen. Bald ist es wieder so weit: Am Montag, 15. August, feiern Gläubige in Roggenburg Mariä Himmelfahrt mit dem so genannten „Leiberfest“. In einer feierlichen Prozession werden die Heiligen um die Klosterkirche getragen.

Die erste Christen lebten in Rom mitunter gefährlich

Die Geschichte beginnt im alten Rom, sagt Pater Rainer Rommens, der Prior des Klosters Roggenburg. Nach dem Tod Jesu bekennen sich immer mehr Menschen zum Christentum – und bringen sich mitunter in große Gefahr. Weil sie sich weigern, die Götter der Römer anzuerkennen und den Kaiser als Gott anzubeten, werden sie geächtet, gejagt und getötet. Tausende Christen verlieren in den Arenen in Rom ihr Leben: Sie werden wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen und danach in den Katakomben bestattet. Dort liegen ihre Gebeine unbehelligt – die Totenruhe gilt den Römern als heilig. Im Mittelalter werden die Gräber der Christen vergessen, erst im 16. Jahrhundert geraten sie in den Blick der Kirche. Im Konzil von Trient einigen sich Bischöfe und Kardinäle darauf, Heilige und Reliquien als verehrungswürdig zu erklären. Nun sind die Gebeine in den Grabkammern unter Rom gefragt. Viele Klöster im süddeutschen Raum versuchen, Knochen der ersten Christen aus den Katakomben zu erhalten: „Als Zeichen der Verbundenheit zum alten Glauben“, erläutert Pater Rainer Rommens. Eine Rückbesinnung auf den Ursprung der christlichen Kirche – und eine Antwort auf die Reformationsbewegung. Auch die Mönche des Klosters Roggenburg bewerben sich um Reliquien der ersten Christen und erhalten einen Zuschlag. Vier Heilige werden im Jahr 1720 nach Roggenburg gebracht.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Seitdem ruhen die Gebeine von Severina, Valeria, Laurentia und Venantius in den Seitenaltären der Klosterkirche – die Leichname sind seit 1970 hinter Ölgemälden verborgen. „Wir sind ja kein Gruselkabinett“, sagt Pater Rainer Rommens. Rom stellte bei der Überführung zwar eine Art Echtheitszertifikat aus: „Die Knochen stammen aus den Kammern unter der Stadt.“ Ob diese Angaben einer streng wissenschaftliche Untersuchung standhalten würden, sei aber fraglich, so Rommens: „In der Zeit des Barock hat man Gebeine oft recht unkritisch zu Heiligen gemacht.“ Über die persönlichen Geschichten der Roggenburger „Leiber“ sei jedenfalls so gut wie nichts bekannt.

Zu Mariä Himmelfahrt müssen die vier Heiligen ihre Ruhe unterbrechen: Ihre Skelette – die zum Teil über Glasaugen verfügen – in den prächtigen Gewändern werden dann von jungen Frauen und Männern um die Kirche getragen. Die Gestelle sind im Gedenken an eine Legende mit Blumen geschmückt. Ihrzufolge sollen die Apostel im Grab Marias einst zwar keinen Leichnam, wohl aber viele duftende Blüten vorgefunden haben.

Mit dem Fest lebe in Roggenburg eine alte klösterliche Tradition der Heiligenverehrung fort, sagt Pater Rainer: „Das ist keine Schändung der Totenruhe.“ Auch in anderen bayerischen Städten werde diese Art der Verehrung am Leben erhalten: In Augsburg werden etwa Reliquien des Heiligen Ulrich in den Dom getragen. Die alten Christen sind nur ein Teil der Roggenburger Prozession: Wie zu Fronleichnam wird auch die Monstranz zu sehen sein.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren