1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Von der „stinkenden Kloake“ zum Vorzeigefluss

Landkreis Neu-Ulm/Memmingen

06.11.2017

Von der „stinkenden Kloake“ zum Vorzeigefluss

Copy%20of%20IMG_1202.tif
3 Bilder
An der Iller zwischen Buxheim (in Bayern) und Tannheim (Baden-Württemberg) ist am Wochenende der Startschuss für ein großes Renaturierungsprogramm des Flusses gegeben worden. Die Bundesländer investieren 70 Millionen Euro.
Bild: Jens Carsten

Die Iller wird zwischen Memmingen und Neu-Ulm für 70 Millionen Euro renaturiert. Doch es bleiben Fragen.

Der Start des Renaturierungsprogramms „Agile Iller“ hat am Wochenende mit einem Geständnis begonnen: Als Kind habe er in dem Flüsschen gerne mal geangelt, offenbarte Thomas Wonhas, der parteilose Bürgermeister der baden-württembergischen Gemeinde Tannheim, auf deren Flur der Festakt stattfand. Die Fische habe allerdings damals niemand essen wollen: „Die waren nicht genießbar.“ Die Iller sei damals nämlich eine „stinkende Kloake“ gewesen, das Memminger Abwasser habe bei Heimertingen in den Auen gestanden, sagte Wohnhas. Und er erinnerte an die Jahrhundertflut im Mai 1999, als die Iller über die Ufer trat – bei Oberopfingen nahe Kirchdorf seien es 4,5 Meter gewesen. „Das brachte große Zerstörungskraft“, so Wonhas.

Seit alledem sei viel passiert, die Länder Bayern und Baden-Württemberg hätten viel Geld für Kläranlagen und Hochwasserschutz ausgegeben. Mit dem nun aufgelegten Programm „Agile Iller“ werde ein neues Kapitel der Ökologisierung des Flusses aufgeschlagen, sagte Wonhas. Und er freute sich nicht alleine: Die Unterschriften der Umweltminister Ulrike Scharf (Bayern) und Franz Untersteller (Baden-Württemberg) auf den Kooperationspapieren wurden in einem Zelt an der Iller von zahlreichen Kameras und großem Beifall begleitet. Das markierte den offiziellen Start einer Serie von Vorhaben: Etwa 60 Maßnahmen sollen umgesetzt werden, zwischen Aitrach bei Memmingen und der Mündung des Flusses in die Donau bei Neu-Ulm. Dafür stellen die Länder in den nächsten zehn Jahren 70 Millionen Euro bereit.

Ziel ist es, der stark umgebauten Iller ein Stück weit ihre natürliche Gestalt zurückzugeben. Vorgaben der europäischen Wasserrahmenrichtlinie sollen umgesetzt werden. Geplant sind zum Beispiel 15 Umgehungsbauten für Wehre: Dadurch soll die Iller schneller fließen können, einst heimische Fischarten sollen sich wieder wohlfühlen. Zudem wird der Fluss breiter, an manchen Stellen zwischen 20 und 30 Meter: Dafür werden an den Seiten verlaufende Wege versetzt, Kiesufer sollen entstehen. Zu beiden Seiten der Iller sind neue Lebensräume für seltene Tiere vorgesehen. Zunächst soll ein Gutachten zeigen, wie hoch die Fließgeschwindigkeit der Iller sein muss, damit die EU-Vorschriften umgesetzt werden können.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Das Maßnahmenpaket sorgte nicht nur bei den Ministern für ein Lächeln: Naturschützer bezeichneten es vor Ort als „gutes Projekt“. Allerdings bleibt aus ihrer Sicht eine wichtige Frage unbeantwortet: Es ist die, ob der umstrittene (aber bereits genehmigte) Bau eines Schachtkraftwerks in ein Wehr bei Dietenheim stattfinden kann. Geht es nach Bernd Kurus-Nägele, dem Geschäftsführer des Bund Naturschutzes im Kreis Neu-Ulm, passt das groß angelegte Renaturierungsprogramm nicht mit den Kraftwerksplänen zusammen: „Entweder das eine oder das andere, beides geht nicht.“

Momentan läuft ein Rechtsstreit in der Sache: Gegner haben, wie berichtet, gegen die durch das Landratsamt des Alb-Donau-Kreises erteilte Baugenehmigung geklagt. Gerichte haben die Beschwerden (im Eilverfahren) abgewiesen, eine Entscheidung in der Hauptverfahren steht noch aus. Von dem Ökologisierungsprogramm erhoffen sich Kritiker des Kraftwerks eine Wende im Prozess: Er wolle sehen, wie die Gerichte die Ablehnung der Klage nun begründen, sagte Kurus-Nägele. „Wie sie die Quadratur des Kreises schaffen wollen, ist spannend.“

Ähnliche Töne schlug Hans-Joachim Weirather, Landrat im Unterallgäu (Freie Wähler) und zugleich Präsident des Fischereiverbands Schwaben an. Er habe eine „gute Idee“, um das Land Baden-Württemberg bei den Kosten für die Ökologisierungsumbauten zu entlasten, sagte er mit einem Augenzwinkern. So könnten doch künftig Genehmigungsverfahren für kleine Wasserkraftanlagen von der bayerischen Seite durchgeführt werden. Damit spielte Weirather als Kritiker des Kraftwerks bei Dietenheim darauf an, dass die Genehmigung des Projekts auf der anderen Seite der Iller mitunter kritisch gesehen wird: In Baden-Württemberg verfolge man politisch gesehen eine offensivere Strategie beim Ausbau regenerativer Energien, heißt es. Mit der Renaturierung gehe für ihn ein „jahrzehntelanger Wunsch“ in Erfüllung, so Weirather.

Der Neu-Ulmer Landrat Thorsten Freudenberger wollte sich in Tannheim nicht zu dem Streit um die Kraftwerkspläne äußern. Das liege im Ermessen der zuständigen Behörde. Die entscheidende Frage laute, ob Wasserkraftanlagen ins Flussbett sollten. Das Programm sei ein „deutliches Zeichen, dass die ökologische Nutzung Priorität hat“.

Wasserkraft und Renaturierung stehen sich bei Dietenheim nicht im Weg – dieses Fazit zog Peter Faigle, der im Regierungspräsidium in Tübingen für Gewässerbau zuständig ist: „An dieser Stelle widersprechen sie sich nicht.“ Es sei prinzipiell möglich, dort ein kleines Kraftwerk zu bauen. Das Wehr bei Dietenheim sei eines der jüngeren und soll deshalb nicht zu einer Rampe umgebaut werden. Vorgesehen seien eine Fischaufstiegstreppe und Arbeiten am Seitenarm der Iller.

Eine der ersten Maßnahmen im Zuge der „Agilen Iller“ ist der Umbau des Wehrs bei Altenstadt zu einer Rampe: Das soll die geforderte Durchgängigkeit des Flusses stark erhöhen – Steine und Fische können danach ungehindert passieren. Der Umbau soll vier Millionen Euro kosten. "Bayern, Kommentar

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20Gelbe%20S%c3%a4cke%20Schild.tif
Senden

Senden will den gelben Sack behalten

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser neuer Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen