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Ulm

06.08.2020

„Walk in my Shoes“: Ulmer Heyoka-Theater will wachrütteln

Ein kleines Paradies, das ist dieser Spielort für den Heyoka-Vorstand Thomas Greulich. Die Dirigentin des Theaters, mit dem Regiebuch auf dem Schoß, ist Eva Ellerkamp.
Bild: Thomas Greulich

Plus Mit „Walk in my Shoes“ will das Ulmer Heyoka-Theater ein Gefühl wachrütteln, das in Corona-Zeiten oft fehlt: Empathie. Dafür wurden Menschen interviewt.

Bäume, Wiesen, Frischluft und eine kleine Bühne: Der Obere Kuhberg ist für die Mitglieder des Heyoka-Theaters ein großes Stück Glück. Hier haben sie ein eigenes Fleckchen für sich gefunden. An diesem Ort lässt sich auch im Corona-Jahr 2020 Theater spielen.

Im sogenannten „Zaubergarten“ auf dem Ulmer Hochsträß steht ein grüner Bauwagen bereit und hier probt das Ensemble. Schauspieler stecken die Nase noch in ihre Textbücher, der Gitarrist und die Geigerin zupfen, ein Tubist hat sich ein golden-blechernes Helikon über die Schulter geworfen, das im Sonnenschein blitzt. Bereit? Regisseurin und Theaterchefin Eva Ellerkamp gibt den Einsatz.

Das Stück, das am heutigen Donnerstag seine Premiere im Zaubergarten feiert, heißt „Walk in my Shoes“. Frei übersetzt: Lauf doch einmal in meinen Schuhen. Wie fühlt sich das an, nicht „ich“, sondern „du“ zu sein, vom eigenen Standpunkt abzuweichen und andere Wege zu wagen?

„Walk in my Shoes“: Ulmer Heyoka-Theater will wachrütteln

„Dieser Spruch stammt aus der indianischen Kultur“, erklärt Thomas Greulich. Er ist seit sechs Jahren Vorstandsmitglied im Heyoka-Trägerverein und seit drei, vier Jahren sieht man ihn auch als Darsteller auf der Bühne. Er verrät: Eva Ellerkamp hat eine große Leidenschaft neben dem Theater – schamanische Kultur und das Erbe der amerikanischen Ureinwohner.

Das neue Bühnen-Stück bezieht sich ganz konkret auf die Plage des Jahres: Corona

Die Idee, aus „Walk in my Shoes“ ein ganzes Stück für das Heyoka-Theater zu stricken, die hatte aber Ellerkamps junge Tochter Greta – schließlich gehört sie selbst zu den Heyoka-Darstellern. Der Versuch, in fremde Fußstapfen zu treten, mit Empathie und Feingefühl, den bezieht das neue Bühnen-Stück ganz konkret auf die Plage dieses Jahres: Corona.

Alle Menschen berührt das Virus unweigerlich, direkt oder indirekt – und so waren die Premieren-Tickets schnell vergriffen. Alle Menschen – oder zumindest eine möglichst bunte, offene Mischung – nimmt das Heyoka-Theater in sein Ensemble auf: Junge und Ältere, Schauspiel-Amateure neben Profis, Menschen mit und ohne Behinderung.

Diese Theatermitglieder wurden für die Recherche zum Stück zu Geschichtensammlern. Sie führten kleine Interviews in der Coronazeit, mit Freunden, Bekannten, Fremden. Wie geht es den Menschen? Thomas Greulich zählt die Kandidaten auf: „Ein Polizist, eine Intensivärztin, Corona-Demonstranten ...“ – vor allem Menschen, die Kontakt zu potenziellen Coronafällen kaum vermeiden können. „Manche gehen mit Angst zur Arbeit“, sagt Greulich. Sein Interviewpartner aber nicht. Er befragte einen sehr unerschrockenen Busfahrer. „Er musste fahren, ob er wollte oder nicht. Er fand den Anblick der Menschen mit Masken aber vor allem traurig. ’Die sitzen da wie die Mumien’, hat er gesagt. Die sollten doch eigentlich lächeln, gucken und reden.“

Der Blick des Busfahrers ist nun ein Mosaikstein in der großen Corona-Collage. All die Geschichten vom Leben erzählen Darsteller an vier verschiedenen Stationen, auf die sich jeweils zehn Zuschauer im Wechsel verteilen.

Greulich kann Argumenten der Corona-Demonstranten nicht viel abgewinnen

Was macht das mit einem kreativen Menschen, wenn er sich noch intensiver mit Covid-19 beschäftigt als nötig, mit allen Blickwinkeln und Perspektiven? Greulich: „Für mich persönlich bleibt eine Quintessenz: Offensichtlich gibt es viele verschiedene Wahrheiten. Objektiv stimmt einiges natürlich nicht – aber man muss die andere Sicht akzeptieren.“ Er kann zum Beispiel den Argumenten der Corona-Demonstranten in Berlin nicht viel abgewinnen. Aber akzeptieren zu lernen, dabei können persönliche Geschichten helfen. Und so eine persönliche Geschichte kann auch Greulich erzählen.

Greulichs Sohn gehört zu jenen, die laut Experten ein besonderes Risiko tragen. Er hat das Downsyndrom. „Mein Sohn lebt eigentlich sein eigenes Leben in einer betreuten WG. Aber Corona hat seinen Alltag zerschossen.“ Die Arbeit in der Werkstatt für Behinderte ruht. Der Sohn ist ins Elternhaus zurückgekehrt. „Er hat richtig gelitten. Die Arbeit fehlt ihm, die tägliche Aufgabe und vor allem Struktur.“

Die Theater-Gruppe entstand 2007 aus einem inklusiven Projekt, sie gewann 2016 den Deutschen Amateurtheaterpreis. Den größten Aufwand kann die kleine Gruppe inzwischen durch Einnahmen und Spenden alleine stemmen. Vor wenigen Wochen genehmigte die Stadt Ulm dem Theater Zuschüsse für die kommenden Jahre – trotz Corona. Corona bleibt trotzdem schwere Hemmnis. „Probenarbeit war zuerst nur in Kleingruppen möglich“, sagt Greulich.

30 Darsteller zählt Heyoka, 20 können jetzt spielen. „Wir mussten darauf achten: Wer ist vielleicht besonders gefährdet, wegen seines Alters oder Vorbelastungen?“ Doch einen Vorteil hat Greulichs Theatergruppe: „Wir haben das große Privileg, dass wir auf einer Mini-Freilichtbühne spielen können. Das ist ein paradiesischer Ort, ein Garten mit einem Blick über Ulm.“

Alle Infos zur Theatergruppe und zum Stück gibt es unter www.heyoka-theater.de

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