Newsticker

Mecklenburg-Vorpommern erwägt Abschaffung der Maskenpflicht
  1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Weit mehr als nur lustig

Premiere

05.10.2016

Weit mehr als nur lustig

Die nächste Vorstellung von „Das Abschiedsdinner“ gibt es morgen Abend im Theater Neu-Ulm.
Bild: Dagmar Hub

Warum das Publikum von „Das Abschiedsdinner“ im Theater Neu-Ulm begeistert war

Pierre und Clotilde stellen fest: Zu wenig freie Abende zu zweit, zu viel Zeit sinnlos mit Leuten verbracht, mit denen zusammenzusein dem Paar nichts bringt. Das muss sich ändern – und zwar auf möglichst höfliche, aber finale Weise. Die Szenerie, in die der französische Autor Matthieu Delaporte die Protagonisten seines Stückes „Das Abschiedsdinner“ versetzte, spielt in Frankreich – doch ist sie problemlos auf andere Länder der westlichen Welt übertragbar. Das Ergebnis, das Claudia Riese und Heinz Koch im Theater Neu-Ulm präsentieren, ist äußerst vergnüglich und kurzweilig und führt doch bei genauerem Hinsehen weit über eine Boulevardkomödie hinaus.

Ziemlich genau 50 gemeinsame Abende finden Pierre (Heinz Koch) und Clotilde (Claudia Riese) aufgrund ihrer beruflichen Herausforderungen. Das tut beiden nicht gut – und Clotilde rechnet: Die dumpfen Pflicht-Essen mit den Berthiers und die langweiligen Abende mit Antoine, dem seit 25 Jahren auf der Couch eines Psychoanalytikers liegenden Dozenten für finno-ugrische Sprachen mit dem Spezialinteresse für waldkarpatische Dialekte, und seiner zickigen Frau Béa reduzieren die freien Abende um einen viel zu hohen Prozentsatz. Also sollen mit einigem Aufwand betriebene Abschiedsdinner jeweils einen unverrückbaren Schlusspunkt unter jene Beziehungen setzen – zum Zwecke der Freundschaftsoptimierung.

Doch Antoine, der allein kommt, hat nicht umsonst ein Vierteljahrhundert Psychoanalyse-Erfahrung: Andreas Gäbe verleiht dem egozentrischen, wehleidig-fordernden Zeitgenossen nicht nur einen tränenreichen Auftritt, sondern zeichnet ihn als mit allen Wassern psychologischer Spiele und Methoden gewaschenen Narziss. Antoine dreht mit der erlernten Erfahrung den Spieß um und positioniert sich zwischen dem Paar, indem er andeutungsreich Zwietracht sät. Er bringt Pierre dazu, in seine Identität zu schlüpfen – bis hin zu Unterwäsche und Socken.

Weit mehr als nur lustig

Wie ein werktreuer Regisseur lässt Antoine den Abend noch einmal ablaufen – mit umgekehrten Rollen und mit einem Garderobenständer als Clotilde, die zum Zuschauer mutiert. Was da gespiegelt wird, müsste eigentlich jeden der Akteure entsetzen: Man zeigt sich, wie arrogant respektive feige man den Auftritt des Gegenübers empfand. Antoines rücksichtslose Suche nach Aufmerksamkeit prallt auf Pierres Abfertigungs-Plan, und aus dem scheinbar überlegenen Hausherrn Pierre wird Wachs in den Händen des Neurotikers Antoine.

Am Ende gerät Pierre in eine Situation, in der er nur scheitern kann – wie auch immer er sich entscheiden wird. Den Beifall seiner Frau und den Antoines kann es nicht gleichzeitig geben.

Wer es allen recht machen will, der macht es letztlich niemandem recht. Dass eine solche Erkenntnis aber derart spritzig und temperamentvoll transportiert wird wie in der Neu-Ulmer Inszenierung des „Abschiedsdinners“, ist selten und verdient den Applaus, den das Premierenpublikum begeistert klatschte.

Die nächsten Aufführungen finden am 6., 7., 8., 13. und 14. Oktober statt.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren