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Nersingen: Apotheke in Nersingen muss schließen: "Ich kann gar nicht öffnen"

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Apotheke in Nersingen muss schließen: "Ich kann gar nicht öffnen"

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    Apothekerin Franziska Utzinger muss die St.-Ulrich-Apotheke in Nersingen wegen Fachkräftemangels schließen. Die Büttel-Apotheke betreibt sie aber weiter.
    Apothekerin Franziska Utzinger muss die St.-Ulrich-Apotheke in Nersingen wegen Fachkräftemangels schließen. Die Büttel-Apotheke betreibt sie aber weiter. Foto: Max Sonntag

    "Wir schließen!", steht ganz oben auf dem Zettel, der an der Eingangstür zur St.-Ulrich-Apotheke in Nersingen klebt. Schon an Heiligabend wird diese Tür das letzte Mal aufgehen. "Ich kann gar nicht öffnen", erklärt die Apotheken-Betreiberin Franziska Utzinger im Gespräch mit unserer Redaktion. Denn weiter heißt es auf dem Info-Brief: "Auch uns trifft der Fachkräftemangel." Ganz offensichtlich ist sie mit diesem Problem aber nicht alleine.

    "Zwei sind schwanger, eine zieht weg", schildert Utzinger ihre Personalsituation, die sie zu diesem Schritt zwinge. Unter jenen, die sie verlassen, seien auch die sogenannten approbierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – also jene, die eine Erlaubnis haben, Medikamente zu verkaufen. Wenn nicht eine dieser Personen anwesend ist, sei ein Betrieb nicht möglich. Doch solche Kräfte sind offenbar schwer zu kriegen: Seit Monaten habe sie nach Verstärkung gesucht, aber niemand habe sich gemeldet.

    Utzinger hat die Apotheke in Nersingen erst vor knapp drei Jahren übernommen

    Vor drei Jahren hatte sie die Apotheke übernommen. Dass sie sie jetzt schon wieder schließen muss, mache sie nicht, weil sie "geldgeil und böse" ist. Sie bekomme schlicht und einfach die notwendigen Kräfte nicht her. Und eine "Apotheke light", die mal einen Tag geöffnet und an einem anderen Tag geschlossen hat, komme für sie nicht infrage, auch wenn sie sich bewusst ist, dass es in Nersingen immer noch Menschen gebe, die gerne in ihre "Stamm-Apotheke" gehen würden.

    Für den Ort ist der Verlust halbwegs zu verkraften: Neben der Easy-Apotheke am Einkaufszentrum "Im Riedle" gibt es nur wenige Meter von St. Ulrich entfernt mit der Büttel-Apotheke eine weitere Anlaufstelle. Die wird ebenfalls von Franziska Utzinger betrieben. Dort will sie jetzt das Angebot erweitern und anpassen. Auch das Personal werde dorthin übernommen.

    Die Büttel-Apotheke betreibt Franziska Utzinger weiter.
    Die Büttel-Apotheke betreibt Franziska Utzinger weiter. Foto: Max Sonntag

    Apotheken-Schließungen nehmen in Bayern zu

    Doch mit Apotheken-Schließungen hat offenbar nicht nur Utzinger zu kämpfen, die weitere Standorte in Burlafingen und Pfuhl führt. "Das ist auch kein bayerisches, das ist ein bundesweites Problem", erklärt Thomas Metz, Sprecher des Bayerischen Apothekerverbandes. Und das schon seit Jahren. So seien es im Freistaat Ende September dieses Jahres erstmals seit der deutschen Wiedervereinigung weniger als 3000 öffentliche Apotheken gewesen: 2984. Davon entfallen 384 auf den Bezirk Schwaben, zu dem auch der Kreis Neu-Ulm gehört. Vor fünf Jahren waren es 3215 Apotheken in ganz Bayern und 421 in Schwaben.

    Die Gründe für diesen Rückgang seien vielschichtig, so Metz. Am gravierendsten dürfte aber der Fachkräftemangel sein. Aber warum wollen zu wenige diesen Beruf ausüben, zeigt doch gerade die Pandemie, dass er systemrelevant und damit eigentlich gesichert ist? Corona habe eben auch seine Kehrseiten. "Die Arbeit hat extrem zugenommen, vor allem die bürokratische Arbeit – gerade jetzt in der Pandemie", sagt Metz. Das würde viele davon abschrecken, den Schritt in die Selbstständigkeit als Apotheker zu wagen. Auch politische Entscheidungen verstärken das, meint Metz. 80 Prozent des Umsatzes einer Apotheke würden für gewöhnlich durch rezeptpflichtige Arzneimittel generiert. Obwohl überall die Preise und die Lebenshaltungskosten steigen würden, sei seit 16 Jahren der Abschlag von drei Prozent pro Produkt nicht erhöht worden. Wenn dann beispielsweise gerade im eher ländlichen Raum auch noch ein Hausarzt mit seinen Patientinnen und Patienten wegfällt, kann das schwerwiegende Folgen haben. "Das hält keine Apotheke lange aus", so Metz.

    Apotheker gehen unübliche Wege, um ihre Filiale am Leben zu halten

    Um einen Standort am Leben zu halten, geht mancher Apotheker auch unübliche Wege. In Babenhausen im Unterallgäu hat sich der Chef selbst zum Mitarbeiter degradiert, um Platz zu machen für eine jüngere Nachfolgerin. Seit dem Sommer ist nicht mehr der 62 Jahre alte Ernst-August Hasemann Chef der Apotheke "Auf der Wies", sondern die 28 Jahre alte Marie-Therese Palige. Hasemann will damit einer Entwicklung zuvorkommen, die sich in der Branche andeutet. Er gehöre zu den geburtenstarken Jahrgängen. In den kommenden Jahren würden viele Apotheker einen Nachfolger suchen – und nicht alle werden einen oder eine finden.

    Inhaberwechsel nach drei Jahrzehnten bei der Apotheke "Auf der Wies" in Babenhausen: Ernst-August Hasemann macht Platz für Marie-Therese Palige.
    Inhaberwechsel nach drei Jahrzehnten bei der Apotheke "Auf der Wies" in Babenhausen: Ernst-August Hasemann macht Platz für Marie-Therese Palige. Foto: Sabrina Karrer

    Hinzu kommt: Ein Großteil der jungen Pharmazeuten ist weiblich. Laut einer im September 2020 veröffentlichten Statistik lag der Anteil der Absolventinnen an Hochschulen in Deutschland im Fach Pharmazie im Jahr 2019 bei etwa 69,7 Prozent. Nach der langen Ausbildung sind viele potenzielle Apothekerinnen in einem Alter, in dem sie über die Familienplanung nachdenken. Den nicht immer leichten Schritt in die Selbstständigkeit traue sich dann die eine oder andere Frau nicht zu, vermutet Palige. Im Fall Utzinger hat es nun dazu geführt, dass sie die Filiale schließen muss.

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