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Neuburg

03.04.2014

Ehepaar bei Kaffeefahrt abgezockt

Bild: Roland Furthmair

Das Amtsgericht erkennt auf Wucher und verurteilt den Veranstalter. Wie die unlauteren Machenschaften des Verkäufers aussehen

Eine Kaffeefahrt mit Folgen: Fast drei Jahre juristischer Streit mit einem Veranstalter von Verkaufsfahrten liegen hinter einem Ehepaar aus Königsmoos. Gestern nun gab das Amtsgericht Neuburg den beiden Rentnern Recht. Die Firma mit Sitz im Raum Cloppenburg ( Niedersachsen) muss ihnen den Kaufpreis von 1798 Euro zurückerstatten. Denn die erworbenen Gegenstände sind laut Sachverständigengutachten lediglich 626,60 Euro Wert – und damit ist der Kaufvertrag wegen Wuchers nichtig. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Reiselustige Senioren unternehmen gerne mal die eine oder andere Busfahrt. Raus aus dem Alltag, vielleicht neue Bekanntschaften schließen, Unterhaltung, Geselligkeit, Kaffee, Kuchen und das Ganze auch noch zum vermeintlichen Schnäppchenpreis. Warum also nicht? Manchmal wird ein Gewinn in Aussicht gestellt, mitunter stehen medizinische Vorträge im Programm oder eine Weinprobe. Für rund fünf Millionen Deutsche jährlich sind diese Aspekte Anreiz, an so genannten Kaffeefahrten teilzunehmen.

Dass dahinter Abzocke stehen kann, hat das Königsmooser Ehepaar im März 2011 feststellen müssen. Auf Einladung des Veranstalters aus dem Landkreis Cloppenburg ließ es sich damals gratis mit dem Bus nach Zusmarshausen fahren. Eine Tasse Kaffee und eine belegte Semmel gab es noch dazu, das Mittagessen musste dann bereits selbst bezahlt werden.

In einer Gastwirtschaft präsentierte ihnen ein eloquenter Verkäufer während einer fünfstündigen Verkaufsveranstaltung eine Reihe von Gegenständen und machte sie glauben, diese seien fast geschenkt.

Dabei legte der Moderator – so schildert Richard Winter, der Neuburger Rechtsanwalt des Ehepaars – ein äußerst dominantes Verhalten an den Tag. Der Jurist spricht von langen Reden des Verkäufers, denen die Teilnehmer aufmerksam zuhören mussten und keinerlei private Gespräche führen durften. Winter: „Wenn sich jemand trotzdem unterhalten hat, so hat er diejenigen – wie meine Mandanten erzählt haben – wie Schulkinder zurechtgepfiffen.“ Zudem habe der Moderator bei den Zuhörern das Gefühl einer moralischen Kaufverpflichtung geweckt, da ja alles so billig sei und die Busfahrt nichts gekostet habe.

Auf diese Weise geködert, und im persönlichen Gespräch nochmals bearbeitet, erwarb das Ehepaar schließlich zwei Magnetfelddecken, eine Videokamera, eine Kaffeemaschine, eine Friteuse/Fondue-Set, einen Einkaufstrolley, zwei Stofftiere und einen Messerkoffer und zahlte dafür 1798 Euro.

Als die beiden Rentner wieder zu Hause waren, machte sich ein mulmiges Gefühl bei ihnen breit. Allerdings verstrichen etliche Wochen, ehe sie juristischen Beistand suchten. Die 14-tägige Frist, innerhalb der man vom Kauf zurücktreten kann, war da längst vorbei, weshalb sich der Veranstalter auch weigerte, das Geld zurückzuzahlen.

Amtsgerichtsdirektorin Dorothea Deneke-Stoll bestätigte nun in ihrem zivilrechtlichen Urteil die Wucherpreise. Es liege ein „auffälliges Missverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung“ vor. Auch von einer „subjektiven Seite des Wuchers“ ist im Urteil die Rede. Denn der Veranstalter habe mit dieser Kaffeefahrt die Unerfahrenheit, Beeinflussbarkeit und mangelnde Geschäftsgewandtheit der überwiegend älteren Teilnehmer ausgenutzt. Rechtsanwalt Richard Winter rät Reiselustigen grundsätzlich, die Finger von Kaffeefahrten zu lassen, die diesem Geschäftsmodell entsprechen. „Wer dennoch an einer teilnimmt, sollte auf die 14-tägige Widerrufsfrist achten, wenn er die gekauften Sachen nicht will. Aber auch dann, wenn diese Frist bereits verstrichen ist, gibt es die Möglichkeit, zu prüfen, ob die Widerrufsbelehrung des Veranstalters überhaupt korrekt war.“

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