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Neuburg-Schrobenhausen

31.10.2020

Hospizverein Neuburg: Wie die Pandemie das Sterben verändert

Das Abschiednehmen vom Leben hat sich in Corona-Zeiten verändert.
Bild: Hospizverein

Plus Die Corona-Pandemie erschwert das Abschiednehmen vor dem Tod enorm – sowohl für Sterbende als auch die Angehörigen. Was die Mitarbeiter des Hospizvereins Neuburg-Schrobenhausen dazu erzählen, klingt extrem traurig.

Es ist der Beginn des sogenannten „Totenmonats“. Allerheiligen, also der 1. November, läutet die Zeit im Jahr ein, die die Vergänglichkeit des Lebens vor Augen führt. Es ist der Tag, an dem viele Menschen den Toten gedenken, Gräber besuchen, oder sich verstärkt auf Angehörige besinnen, die sich in den letzten Zügen ihres Lebens befinden. Doch während normalerweise dann der Kontakt zu Verwandten in Altenheimen oder Palliativstationen vermehrt gesucht wird, hat sich in diesem Jahr eine gigantische Barriere gerade zu alten Menschen aufgebaut. Die Corona-Pandemie verbietet den Kontakt oder schränkt ihn zumindest massiv ein. Wie sich also von geliebten Menschen verabschieden, die kurz vor dem Tod stehen? Macht Corona einen würdevollen Tod überhaupt noch möglich? Der Hospizverein Neuburg sagt: Nein!

Hospizverein Neuburg kritisiert: Corona-Pandemie bringt einsames Ende

Der letzte Atemzug, der letzte Herzschlag, dann ist alles vorbei. In den Momenten vor dem Tod will wohl niemand alleine sein. Noch ein letztes Mal die Familie sehen, Abschied nehmen, so sollte es eigentlich sein. Doch die Corona-Pandemie verurteilt zahlreiche Sterbende zu einem einsamen Ende. Die Mitglieder des Hospizvereins Neuburg-Schrobenhausen kritisieren diese Umstände massiv. Sie fordern ein würdiges Ende für Jeden zu jeder Zeit, egal ob Pandemie oder nicht.

Als im März der Lockdown kam, war plötzlich alles anders. Claudia Heinrich und Helga Grunwald erinnern sich noch gut an den Moment, als von einem Tag auf den anderen die Besuche bei den Patienten gegen Null gingen. Eigentlich steht der Hospizverein für Lebensqualität vor dem Tod. Dazu gehören Gespräche, gemeinsames Singen, Gebete, die Erfüllung letzter Wünsche, oder einfach nur da zu sein. Doch wie soll diese Qualität gewährleistet werden, wenn den Mitgliedern des Hospizvereins und den ehrenamtlichen Helfern der Kontakt zum Patienten und dessen Angehörigen verboten wird?

Statt einer intensiven Betreuung vor Ort, einer Berührung zum Trost, waren durch den Lockdown plötzlich nur noch telefonische Gespräche möglich. „Ganz zu Beginn durfte ja niemand mehr zu den Palliativpatienten, sie waren wie abgeriegelt in den Krankenhäusern und Heimen“, erinnert sich Grunwald. In der Neuburger Geschäftsstelle des Hospizvereins breitete sich zu dieser Zeit Stille aus. Der Kontakt zu Patienten, der davor teils jahrelang intensiv gepflegt wurde, war plötzlich abgebrochen. „Es kamen keine Anfragen, die Leute haben sich nicht mehr getraut das Haus zu verlassen, man sollte schließlich nur noch in Notfällen aktiv werden. Doch woran wird ein Notfall bemessen?“, fragt sich Heinrich.

Die drei Koordinatorinnen/ PalliativCare-Fachkräfte in Neuburg (v. l.): Anita Arndt, Helga Grunwald und Claudia Heinrich.
Bild: Hospizverein

Erst nach einiger Zeit erreichte ein regelrechter Hilfeschrei einer Familie die drei Mitarbeiterinnen des Neuburger Hospizvereins. Ein verzweifelter Anruf von Menschen, die in der Not völlig auf sich allein gestellt waren. Dass man es soweit kommen ließ, schockierte Heinrich und Grunwald. „Für die alltäglichen Bereiche wurden Verhaltensregeln und Hygienekonzepte erarbeitet, die Pflege- und Sozialdienste dagegen im Stich gelassen“, sagt Heinrich. Nachdem das strenge Versuchsverbot aufgelöst wurde, übertrug sich die Verantwortung auf die Heime, jedes musste sein eigenes Konzept erarbeiten. In Neuburg bedeutete dies bei zehn Heimen zehn unterschiedliche Konzepte. Der Kontakt von Heinrich und Grunwald zu den Patienten wurde damit zur kaum stemmbaren Herausforderung. „In manchen Heimen darf man nicht einmal mit voller Schutzausrüstung zu den Patienten“, sagt Grunwald. Im Umkehrschluss bedeuten diese Verbote für einen sterbenden Menschen den einsamen Tod. „So sollte niemand sterben müssen. Das ist für uns unerträglich“, sagt Heinrich. „Wie soll man einen Palliativpatienten oder einen Demenzkranken ohne Berührung, mit vermummtem Gesicht noch betreuen?“

Hospizverein Neuburg: Palliativbegleitung soll zu jeder Zeit gesichert sein

Die Belastung ist auf allen Seiten enorm. Die jeweiligen Schicksale machen betroffen. So betreut der Verein beispielsweise seit Jahren eine Frau, die ihren demenzkranken Mann in einem Heim pflegen lässt. Durch den Lockdown durfte sie ihn nicht mehr besuchen. Als die Frau endlich zu ihrem Mann darf, erkennt er sie nicht mehr; kein Einzelfall in dieser Zeit. „Die strengen Vorschriften sollen die Menschen in den Heimen schützen, aber oft richten sie einen viel größeren Schaden an, als sie Schutz bringen“, ärgert sich Grunwald. Die angebliche Technisierung, bei der beispielsweise Tablets mit Videochat-Funktion an Heime gespendet werden, sei dabei ein Schlag ins Gesicht.

„Der Großteil unserer Patienten ist nicht mehr in der Lage zur Benutzung technischer Geräte. Sie verstehen nicht, was da gerade passiert und warum sie plötzlich alleine gelassen werden oder nur maskierte Gestalten durch Plexiglasscheiben sehen dürfen.“ Auch für die Angehörigen ist diese Form der Kontaktbeschränkungen eine enorme Belastung. Um ihre Verwandten vor dem Tod bei sich zu haben, haben einige Angehörige sogar Patienten aus den Pflegeheimen geholt und lieber zu Hause gepflegt - aus Angst, dass sonst ein Abschied vor dem Tod nicht mehr möglich ist.

Bei alldem fühlen sich Heinrich und Grunwald vor allem von der Politik im Stich gelassen. „Sie klatschen für uns, welch Hohn“, sagen die beiden. Stattdessen fordern sie Konzepte, die garantieren, dass Palliativbegleitung oder der Kontakt zu Demenzkranken zu jeder Zeit gesichert ist. „Man darf diese Menschen niemals isolieren, unter keinen Umständen, außer es wird von ihnen oder ihren Angehörigen ausdrücklich selbst gewünscht“, fordern die beiden PalliativCare-Fachkräfte. „Wir dürfen vor lauter Angst vor dem Virus nicht das Leben und die Lebenden vergessen.“ Auch und erst recht nicht, wenn diese kurz vor dem Tod stehen.

Die für 18. November in Schrobenhausen geplante Erinnerungsfeier für alle Verstorbenen dieses Jahres muss der Hospizverein aufgrund der aktuellen Corona-Lage leider absagen.

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