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Ehekirchen

24.02.2018

Lichte Tage in dunkler Zeit

„Willi“ Puff war nicht der einzige Remscheider Bub, auch einige seiner Klassenkameraden wohnten in der Nachbarschaft.
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„Willi“ Puff war nicht der einzige Remscheider Bub, auch einige seiner Klassenkameraden wohnten in der Nachbarschaft.
Bild: Heimatverein Ehekirchen (Repros)

Georg „Willi“ Puff kam per Kinderlandverschickung nach Haselbach. Seinen Aufenthalt auf dem „Golbahn“-Hof hatte der heute 89-Jährige aufgeschrieben und in Bildern festgehalten.

Im Zuge der Kinderlandverschickung wurden im nationalsozialistischen Deutschland ab 1940 Schulkinder und Mütter mit Kleinkindern aus den vom Luftkrieg bedrohten Ballungsgebieten in weniger gefährdete Gebiete auf dem Land geschickt. Die sogenannte „Reichsdienststelle KLV“ evakuierte bis Kriegsende über zwei Millionen Kinder, unter ihnen auch Franz Wilhelm Puff aus Remscheid. Jahrgang 1928, verbrachte der Bub drei unbeschwerte Sommer im Ehekirchener Ortsteil Haselbach. Weil „Willi“, so war er in Haselbach bekannt, ein aufgeweckter Bursche war, hielt er seine Erlebnisse fest. Er führte ein Tagebuch und besaß zudem eine Kamera, mit der die zeitgenössischen Szenen des bäuerlichen Lebens auf Zelluloid bannte. Heute lebt der 89-Jährige in einem Pflegeheim bei Fulda. Seine Dokumentationen hat er dem Heimatverein Ehekirchen überlassen, der das Material jetzt der NR zur Verfügung stellte.

„Es war schön, Haselbach noch einmal zu sehen“, schrieb Franz Wilhelm Puff nach seinem letzten Besuch vor wenigen Jahren an Josef Gerbl. Sein Enkel, der ihn begleitet hatte, hat auch die schriftlichen Erinnerungen und Fotodokumente gesichtet und zusammengestellt. „Wenig hat sich verändert, nur die alten Häuser gibt es vielfach nicht mehr.“ Und natürlich hatten sich die Menschen verändert. „Die Einwohner waren wohl alle jünger als ich“, fügte „Willi“ an. Mit dem Einmarsch in Polen hatte das Deutsche Reich am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen. 1940 kam der Krieg nach Deutschland zurück. Als die Luftangriffe schlimmer wurden, mussten Schulen in besonders betroffenen Großstädten den Unterricht einstellen, viele Kinder waren zudem schlecht versorgt. Das war ein Grund für manche Eltern, ihre Sprösslinge in die Kinderlandverschickung zu entsenden. Auf diesem Wege kam „Willi“ nach Oberbayern. „So war ich erstmalig 1940 mit meinem Freund Ernst Schüller in dem Ort Haselbach“, notierte er. Zwei andere Klassenkameraden waren im benachbarten Walda einquartiert. Und obwohl „Willi“ das Heimweh plagte, blieb ihm der Aufenthalt in guter Erinnerung. „Wir hatten es wirklich gut.“ Der Zwölfjährige kam in Haselbach im „Golbahn“-Anwesen unter. Das Ehepaar Schlicker war kinderlos und die Bäuerin hatte in zweiter Ehe Georg Schlicker geheiratet, der den Hof auf Vordermann brachte. Die Gasteltern hatten ihn freundlich aufgenommen, sein Spezi Ernst lebte beim Ortsbauernführer, der den größten Hof im Dorf bewirtschaftete.

Für die Jungs aus dem südlichen Ruhrgebiet mag die erste Zeit auf dem Land ein Kulturschock gewesen sein. „Die Dorfbewohner waren streng katholisch“, schreibt „Willi“. „Morgens, mittags und abends wurde gebetet und manchmal auch zur Kirche gegangen. Sonntags auf jeden Fall. Dann war ich alleine auf dem Hof.“ Doch eine Sache nahm den Gastkindern ziemlich schnell jede Scheu, die Versorgungslage bei den Bauern war viel besser als zuhause in den Städten. „Willi“ hat die Speisenfolge in seinen Erinnerungen akribisch festgehalten, ganz narrisch war er auf einen ganz besonderen Leckerbissen: „Ein Höhepunkt war, wenn die Bäuerin Brot mit viel Kümmel darin backte. Das gab es alle vier Wochen. Wenn dann noch frische Butter gemacht wurde, wobei ich die Buttermaschine drehen musste, hatte ich meine damalige Delikatesse. Frisches Brot, frische Butter und Salz, für Kriegsverhältnisse eine hervorragende Speise.“ Vom stets gedeckten Tisch fiel aber nicht nur für „Willi“ etwas ab, er konnte auch noch etwas mit nach Hause bringen. Seine freie Zeit nutzte „Willi“ nämlich auch, um das Dorfleben im Bild festzuhalten. „Alle wollten fotografiert werden und es entstanden viele Fotos. Die brachten mir dann für die Heimfahrt Speck, Eier, geschlachtete Hähne und vieles mehr. Damit konnten wir unseren Speiseplan in Remscheid gut aufbessern.“

Schnell hatten sich die Buben so in Haselbach eingelebt, taten aber auch etwas dafür. „Wir beide waren im Dorf gut gelitten, weil wir uns nützlich machten.“ Auf dem Hof war der Sommergast dafür zuständig, Wasser für die Kühe im Stall zu pumpen, denn fließend Wasser gab es nicht. Zudem musste er die Hühnereier suchen, die das Federvieh auf dem ganzen Gelände legte. „Zu tun gab es genug“, denn alles war Handarbeit. Im Sommer und Herbst war Erntezeit. „Die Bauernfamilien standen gegen 4 Uhr morgens auf, ich aber erst zwischen 7 und 8. Dann gab es zum Frühstück Milch oder Malzkaffee mit viel Milch und Zucker.“ Auch auf dem Feld hatte der Bursche seine Aufgabe. „Der Bauer mähte das Getreide, Bäuerin und Magd rechten dieses mit Sicheln zusammen und banden es zu Garben. Hierfür stellte ich das Bindematerial aus kleinen Büscheln des abgemähten Getreides her.“ Zudem war „Willi“ für das Aufstellen der Garben verantwortlich, die nach dem Trocknen mit dem Ochsengespann in die Scheune eingebracht wurden. Im Herbst kam dann die Dreschmaschine auf den Hof, die mit der Dampfmaschine angetrieben wurde. „Willi“ hielt das heute archaisch anmutende Geschehen fest: „Es war Schwerstarbeit für die Leute, aber auch ein großes Fest. Die Bauern halfen sich gegenseitig mit Arbeitskräften. In der Küche hatte die Bäuerin, unterstützt von Aushilfskräften, viel zu tun. Alle mussten bestens versorgt sein.“

Freilich wurde nicht nur gearbeitet. Den Buben blieb auch Freizeit, die sie etwa beim Baden im Weiher oder für Touren in die Umgebung nutzten. „Sonntags trafen wir unsere Freunde und zogen in die kleine Stadt Pöttmes. Es ging von Haselbach über Walda an Schorn vorbei. Die Landstraße hatte am Rande zahlreiche Apfelbäume. Den Geschmack testeten wir und aßen nur die besten Sorten. Dann wurde in Pöttmes Kuchen gegessen und wir marschierten wieder zurück.“ Diese unbeschwerten Sommertage blieben „Willi“ in Erinnerung haften, und so kehrte er auch nach dem Krieg noch mehrmals ins Haselbachtal zurück, zum letzten Mal 2011.

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