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Interview

07.08.2012

„Ohnehin extrem schwierig“

Auch Dr. Jens Kahnert-Radon verurteilt die Vorfälle in Göttingen.
Bild: dpa

Dr. Jens Kahnert-Radon ist stellvertretender Transplantationsbeauftragter des Klinikums Ingolstadt. Der Göttinger Skandal ist seiner Aufgabe nicht zuträglich

Der Transplantationsskandal dämpft die Bereitschaft der Deutschen zur Organspende. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation hätten Angehörige von möglichen Spendern ausdrücklich mit Verweis auf das Geschehen in Göttingen eine Spende abgelehnt. Das ist Oberarzt Dr. Jens Kahnert-Radon seither noch nicht passiert. Dennoch verurteilt auch er die Vorfälle von Göttingen.

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Herr Dr. Kahnert, hatten Sie als einer der Transplantationsbeauftragten des Klinikums seither Kontakt zu Verwandten möglicher Organspender?

Kahnert: Nein, aber ich kann sehr gut verstehen, dass Angehörige nun fragen, ob die gespendeten Organe auch gerecht nach Dringlichkeit vergeben werden.

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Ist Vertrauen verloren gegangen?

Kahnert: Das Klinikum Ingolstadt ist kein Transplantationszentrum wie Regensburg oder Göttingen. Das heißt: in Ingolstadt wird nicht transplantiert. Dennoch haben wir hier pro Jahr vielleicht 20 Patienten, die für eine Organspende infrage kämen. Bei vielleicht sechs von ihnen kommt es tatsächlich zu einer Organentnahme, wenn die Verwandten einverstanden sind. Für die Angehörigen ist diese Entscheidung ohnehin extrem schwierig. Es sollte dann nicht auch noch das Vertrauen ins System fehlen.

Reichen die Kontrollmechanismen Ihrer Ansicht nach aus?

Kahnert: Die Gesetze und Vorgaben halte ich für ausreichend. Das Wichtigste vor einer möglichen Organspende ist die Feststellung des Hirntodes eines Patienten. Hierfür gibt es klare und unmissverständliche gesetzliche Regelungen. Beispielsweise muss der Hirntod von unabhängigen, das heißt nicht an der Explantation beteiligten Ärzten bestätigt werden. Erst danach erfolgt der weitere Ablauf mit Zuordnung und Explantation der Organe.

Was ist das Schwierigste für Angehörige möglicher Spender?

Kahnert: Wenn der Hirntod eines Patienten eintritt und man dann mit dessen Angehörigen in Kontakt tritt, geht es – sofern er keinen Spenderausweis hat – zunächst darum: Hat sich der Patient jemals zu dieser Frage geäußert? Da es sich aber nicht selten um jüngere Patienten handelt, weiß deren Familie das oft nicht. Damit wird die Entscheidung aber noch schwieriger. In dieser Situation ist es wichtig, den Angehörigen zu vermitteln, dass es keine richtige oder falsche Entscheidung gibt. Die Frage ist, ob man dem Patienten damit gerecht wird. Und die Angehörigen müssen mit der Entscheidung umgehen und leben können.

Das Klinikum Ingolstadt ist im Juli mit dem Bayerischen Organspendepreis ausgezeichnet worden. Warum?

Kahnert: Das ist eine Auszeichnung, die den Mitarbeitern gilt, die sich täglich um diese Patienten und deren Angehörige bemühen. Darüber hinaus wird damit die Arbeit von Dr. Angelika Grünes als Transplantationsbeauftragte gewürdigt. Nicht zuletzt auch die Bereitschaft unserer Geschäftsführung und des Ärztlichen Direktors, die diese Arbeit und die damit verbundenen Prozesse positiv unterstützen. Unter anderem sind Klinikseelsorger und Klinikpsychologen fest in die Betreuung der Angehörigen von Organspendern integriert. Wir haben Strukturen etabliert, in denen die Familien optimal betreut werden. Die Mitarbeiter werden beispielsweise in der Gesprächsführung geschult. Wir haben ein Kriseninterventionsteam, das zur Verfügung steht, wenn Angehörige in dieser emotionalen Extrem- und Ausnahmesituation Hilfe benötigen.

Laut Deutscher Stiftung für Organtransplantation warten in Deutschland etwa 12000 Menschen auf ein Spenderorgan. Etwa 8000 brauchen eine Niere. Verpflichtet zu einer Erklärung ist man auch nach der gesetzlichen Neuregelung nicht. Kommt es nicht genau darauf an?

Kahnert: Als Transplantationsbeauftragter würde ich mir das manchmal wünschen. Aber am Ende ist das eine zu schwierige und individuelle Entscheidung, um sie zwingend zu machen.

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