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Ehekirchen

16.08.2018

Stammtisch unter freiem Himmel

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Immer zur Wochenmitte, wenn das Wetter schön ist, treffen sich die Männer zwischen sieben und 80 Jahren in Bonsal zum „Wochadoen“. Ab und zu verirren sich auch Besucher aus den Nachbarorten hierher. Zu besonderen Gelegenheiten gibt es eine Brotzeit.
Bild: Dorothee Pfaffel

In Seiboldsdorf und Bonsal treffen sich seit Jahren zwei Gruppen, um über das Leben zu diskutieren. Was es mit dem „Bankerl“ und dem „Wochadoen“ auf sich hat.

Wenn die Laterne brennt, dann ist am „Bankerl“ was los. Und das schon seit 26 Jahren. Das „Bankerl“ befindet sich auf einem begrünten Gemeindeplatz an der Ortsstraße in Seiboldsdorf. Es ist aber viel mehr als bloß eine Bank. Das „Bankerl“ besteht aus einem großen Steintisch mit betoniertem Fundament, umgeben von selbst gezimmerten Holzbänken. Es ist ein Wirtshausersatz, ein Treffpunk für die Anwohner, um zusammenzusitzen und zu ratschen.

Bevor es das „Bankerl“ gab, trafen sich die Leute auch schon an diesem Platz. Damals stand dort noch eine gemeindliche Maschinenhütte aus Holz. Die Menschen saßen einfach auf dem Gehweg, unter einer Esche, die dort wuchs. Als die Maschinenhütte abgerissen wurde, nutzten die Seiboldsdorfer die Gelegenheit. Sie säten Gras an, pflanzten Büsche und Bäume – und schufen sich ihren eigenen Stammtisch unter freiem Himmel inklusive Lagerfeuerstelle mit Grill. „Bankerl-Wirt“ Josef Habermayr versorgt die Anwesenden mit Getränken. In seiner Garage gleich nebenan steht ein Kühlschrank, den die „Bankerl-Freunde“ eigens dafür angeschafft haben. Wer etwas trinkt, zahlt in eine Gemeinschaftskasse ein. Von dem Geld, das übrig bleibt, wird einmal im Jahr ein Fest ausgerichtet. Die „Bankerl-Freunde“ haben aber auch schon einmal 300 Euro für einen Leukämiekranken aus dem Dorf gespendet.

In Seiboldsdorf wird am Bankerl die Welt hinterfragt und erklärt

Je später der Abend, desto hitziger werden die Diskussionen. Es geht um die Familie, um Autos, um Politik – Donald Trump im Speziellen – , um die Gemeinde und um die Landwirtschaft. „Wenn die Frauen nicht dabei sind, geht’s auch über Frauen“, sagt Peter Kranner. „Und wenn die Männer nicht dabei sind, über Männer“, fügt seine Frau Petra hinzu – und alle am „Bankerl“ lachen. Mit der Zeit kommen immer mehr Leute, auch ein Fahrradfahrer hält an. Langsam wird es eng. Die „Bankerl-Freunde“ rutschen zusammen. Nur zwei Personen haben seit Jahren Stammplätze: Habermayr und Kranner. Da setzt sich kein anderer hin.

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Zwischen 19 und 20 Uhr waren an diesem lauen Sommerabend bereits die ersten am „Bankerl“. Aber auch gegen 23 Uhr stoßen oft noch ein paar Schichtarbeiter dazu, erzählt Sepp Habermayr. Und die Hartgesottenen ratschen dann manchmal bis es hell wird...

„Zum ‘Bankerl’ gehen alle gerne“, sagt Maria, kurz Ria, Habermayr, die Frau des „Bankerl-Wirts“. Manche seien schon als Kinder hier gewesen und kämen jetzt als Eltern wieder mit ihrem eigenen Nachwuchs. Das „Bankerl“ diente einmal sogar als Frisierstube. Die Wette lautete: Geht Christian Braun, bekannt als Bobby, das Risiko ein, sich wenige Tage vor der Hochzeit seines Bruders, die Haare von Thea Stegmeyr schneiden zu lassen, die ansonsten lediglich die Haare ihres Buben in Form bringt? Ja! Schnell waren die Haare ab – und der Ärger bei Bobbys Mutter groß.

Die „Bankerl-Freunde“ nutzen fast jedes Wetter, um draußen zu sitzen. Zwei Bäume schützen sie mit ihrem Blätterdach vor dem Regen. „So können wir die Zeit sinnvoll gemeinsam verbringen, anstatt dass jeder alleine vor dem Fernseher sitzt“, erklärt Ria Habermayr. Wer friert, wickelt sich in eine Decke oder wechselt direkt ans Lagerfeuer, das besonders bei den Kindern beliebt ist. Ist es zu kalt, wird das Bier auch mal kurzerhand zum Anwärmen neben die Kerze in der Laterne gestellt. An einem Faschingssonntag vor einigen Jahren haben die Seiboldsdorfer auch einmal eine Schnee-Bar neben ihr „Bankerl“ gebaut.

Zum zehnjährigen Bestehen haben die Seiboldsdorfer 2002 im Gras einen großen Stein aufgestellt, den sie der Jugend gewidmet haben. Und seit heuer gibt es eine Whats-App-Gruppe, in der man sich erkundigen kann, wer am jeweiligen Abend zum „Bankerl“ kommt. Wer unmittelbar in der Nähe wohnt, mit Blick auf den Gemeindeplatz, kann sich aber immer noch auf die altmodische Tradition verlassen: Brennt die Kerze in der Laterne, ist am „Bankerl“ was los.

Der Stammtisch in Bonsal ist eine frauenfreie Zone

Nur ein paar Kilometer weiter in einem anderen Ehekirchener Ortsteil – nämlich in Bonsal – sitzen ebenfalls einige der Einheimischen gemütlich zusammen. Vor einem Haus in der Landstraße sind drei Biertischgarnituren aufgebaut. Das Bier zapfen sich die Männer der Einfachheit halber gleich selber frisch von einem kleinen Fass, das am einem Ende der Biertische steht. Frauen sind hier nicht dabei. „Das hat sich nie ergeben“, sagt Andreas Stegmair, der bei gutem Wetter jeden Mittwoch gegen 17 Uhr die Biertische vor seinem Haus aufstellt. Die Faustregel lautet: „Es muss Mittwoch sein und es muss warm sein!“, erklärt Karl Karmann jun., genannt der Neuwirt Karli. Immer dann findet das „Wochadoen“ – bayerisch für „Woche teilen“ – in Bonsal statt.

Seinen Anfang habe dieser wöchentliche Stammtisch ungefähr vor 20 Jahren genommen, sagt Andreas Stegmair. Damals saßen lediglich sechs oder sieben Männer aus Bonsal im Hof der Stegmairs zusammen, unter anderem sein Vater Andreas Stegmair sen. „Das sprach sich im Ort herum und einige beschwerten sich, warum sie nicht dabei sein durften“, erzählt Stegmair weiter. Also setzten die Männer sich nicht mehr in den Hof, sondern vor das Haus – und seitdem kann jeder dazukommen. Dann wird geschimpft, zum Beispiel über die hoch verschuldete Gemeinde. Jeder der Anwesenden mutiert zum Bürgermeister, jeder weiß genau, wie er alles besser machen würde als der amtierende Ehekirchener Rathauschef, der übrigens hin und wieder persönlich vorbeischaut. Ansonsten steht auch in dieser Runde das Thema Landwirtschaft hoch im Kurs: Ein Bonsaler gibt zum Beispiel damit an, wie viel er heute schon gedroschen hat, nur um kurz darauf vom Nächsten in der Menge übertroffen zu werden. Sprücheklopfen gehört beim „Wochadoen“ eben dazu.

Je später der Abend, umso zünftiger wird die Stimmung. Keiner will zu früh von der Bierbank aufstehen – denn wer weg ist, über den wird geredet, erklärt Stegmair. Wann normalerweise Ruhe einkehrt? „Es geht immer bis halb“, gibt der Neuwirt Karli eine ganz präzise Antwort und lacht. „Nur einer bleibt immer bis dreiviertel, damit er auch ja der Letzte ist.“

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