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Augsburg/Nördlingen

10.10.2015

Das Kind als Feind: Mutter misshandelt ihr Baby schwer

Eine 25-jährige Mutter ist vor dem Landgericht Augsburg zu fünf Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden, da sie ihre zwei Monate alte Tochter massiv misshandelt hat.
Bild: Patrick Pleul, dpa

Eine 25-jährige Mutter muss lange ins Gefängnis, da sie ihre zwei Monate alte Tochter in Nördlingen schwer misshandelt hat. Am Ende ging es nur noch um die Höhe der Strafe.

Was genau sie ihrem Kind angetan hat, das erzählt Aida B.* bis zum Schluss nicht. Nicht dem psychiatrischen Gutachter, der sie untersucht hat, nicht während der Gerichtsverhandlung. Weil sie es nicht kann, wie sie sagt. Weil sie es verdrängt habe.

Tochter wird ein Pflegefall bleiben

Möglich ist das allemal, denn was die junge Mutter ihrer zwei Monate alten Tochter im Januar dieses Jahres in einer Wohnung in Nördlingen zugefügt hat, war in jedem Fall furchtbar. So furchtbar, dass es nicht verwunderlich wäre, hätte die Täterin die Details aus ihrer Erinnerung verbannt. Aida B., eine 25-jährige Syrerin, hat das Baby misshandelt, so viel steht fest. Sie hat es derart massiv misshandelt, dass es sein Leben lang ein Pflegefall bleiben wird. Das hat sie am Dienstag, am fünften Prozesstag vor dem Augsburger Landgericht, auch zugegeben. Nun, am Freitag, dem letzten Verhandlungstag, verurteilt sie das Schwurgericht unter Vorsitz des Richters Christoph Wiesner zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren und neun Monaten wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung sowie gefährlicher Körperverletzung.

Die Mutter, sagt Wiesner in seiner Urteilsbegründung, habe ein Verbrechen gegen einen unschuldigen Säugling verübt. Dass ihre Tochter dabei hätte sterben können und wohl auch gestorben wäre, hätte nicht der Vater des Babys den Krankenwagen gerufen, sei ihr zumindest gleichgültig gewesen. Die 25-Jährige habe ihr Kind als Feind betrachtet und es für all ihre Probleme verantwortlich gemacht.

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Es sind vernichtende Sätze, doch Aida B. nimmt sie gefasst auf. Ab und an verkrampfen ihre Gesichtszüge, doch einen emotionalen Ausbruch gibt es nicht mehr. Das war bei ihrem Geständnis am Dienstag noch anders gewesen, und auch bei ihrer ersten Aussage im Gerichtssaal. Wiesner spricht von einer „an Wendungen nicht armen Verhandlung“, was sich vor allem auf diese erste Aussage der Mutter und ihr späteres Geständnis bezieht.

Am ersten Prozesstag erzählte die Mutter eine ganz andere Geschichte

Die Staatsanwaltschaft hatte Aida B. vorgeworfen, ihre Tochter massiv geschüttelt und mit dem Kopf gegen einen harten Gegenstand geschlagen zu haben, etwa eine Wand. Zudem habe sie danach stundenlang nicht den Notarzt verständigt. In einer Vernehmung im Januar hatte die Mutter auch eingeräumt, ihr Kind zumindest geschlagen zu haben, doch am ersten Prozesstag erzählte sie in einer fast dreistündigen Aussage eine gänzlich andere Geschichte.

So habe nicht sie, sondern ihr Mann, der Vater des Kindes, die Tochter misshandelt. Sie habe gesehen, wie er dem Baby ein Kissen auf das Gesicht gedrückt und es danach auf den Boden geworfen habe. Die Angeklagte erzählte auch etwas von einem Dolmetscher, der sie dazu gedrängt habe, die Tat auf sich zu nehmen; von einem Ex-Freund, mit dem sie den Tag im Januar verbracht habe. Sie erzählte, dass ihr Mann einen Sohn gewollt habe und sie Angst vor ihm und den Verbindungen seiner Familie habe.

Übrig blieb von dieser Aussage am Ende nichts. Mehrere Zeugen widersprachen der Darstellung der Angeklagten deutlich. Der Vater des Kindes, so schilderten sie es, gehe liebevoll mit seiner Tochter um. Die Mutter hingegen habe das Baby nicht gewollt. Spätestens nach der Aussage des Vaters, der allen Vorwürfen vehement widersprach, war offensichtlich, dass Aida B. Schwierigkeiten haben würde, mit ihrer Geschichte durchzukommen. Der Vater, sagt Wiesner in seiner Urteilsbegründung, sei in jeder Hinsicht glaubwürdig gewesen. Und der ominöse Ex-Freund? Falls er existiert, schaffte es die Verteidigung nicht, ihn zu einer Aussage vor Gericht zu bewegen.

Eine Rolle spielt das am Ende ohnehin nicht mehr. Die erste Aussage der Mutter wertet Staatsanwältin Andrea Eisenbarth in ihrem Plädoyer als „Inszenierung einer schlechten Gerichts-Show“. Eisenbarth fordert sechs Jahre und neun Monate Haft für die Angeklagte. Diese habe Reue gezeigt, das sei zu ihren Gunsten zu sehen. Sie habe jedoch erst gestanden, als der Tatnachweis sowieso schon erbracht worden sei. Die Strafverteidiger Stephan Lucas und Florian Engert fordern jeweils eine Gefängnisstrafe von vier Jahren und drei Monaten für ihre Mandantin. Lucas sagt, es handele sich um einen besonders tragischen Fall. Man habe im Gerichtssaal viele verschiedene Versionen gehört, das späte Geständnis der Angeklagten sei jedoch keine taktische Entscheidung gewesen, sondern Folge eines Bewusstwerdungsprozesses. Es rehabilitiere den Vater und habe einen besonderen Wert. Engert sagt, das Geständnis sei für seine Mandantin auch eine Befreiung gewesen. Beide Verteidiger betonen, man müsse berücksichtigen, dass ihrer Mandantin ihr Leben lang vor Augen geführt werde, was sie angerichtet habe.

Das Schwurgericht unter dem Vorsitz von Christoph Wiesner kommt zu dem Schluss, dass Aida B. möglicherweise Teile ihrer eigenen Tat schilderte, als sie ihren Mann in ihrer ersten Aussage belastete. Die verhängte Strafe, sagt Wiesner, liege eher noch im unteren Rahmen. Das Geständnis wirke sich strafmildernd aus. Zudem reduzierte das Gericht den Strafrahmen, da ein psychiatrischer Gutachter Aida B. attestierte, unter „hiesigen Bedingungen“ eine Persönlichkeitsstörung zu besitzen.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. * Name geändert

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