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Faktencheck

04.08.2017

Haben es Österreichs Rentner wirklich besser?

Die Rente ist auch ein großes Thema im Bundestagswahlkampf.
Bild: Britta Pedersen/dpa

Ein Durchschnittsruheständler bekommt in unserem Nachbarland tatsächlich deutlich mehr Geld im Alter. Was es mit dem „Ruhegenuss“ auf sich hat, wie die Österreicher das finanzieren und wo deutsche Rentner im Vorteil sind.

Österreichs Rentner hängen die Nachbarn ab“, titelte die Stuttgarter Zeitung. „Renten in Österreich – Vorbild für Deutschland?“ fragte die ARD. Eines vorneweg: Ja, es stimmt, Österreicher bekommen im Durchschnitt deutlich mehr Rente, wie Durchschnittszahlen der Deutschen Rentenversicherung Bund aus dem Jahr 2015 belegen:

Altersrentner: 58 Prozent mehr

Erwerbsminderungsrentner: 64 Prozent mehr

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Witwen-/Witwerrentner: 31 Prozent mehr

Die durchschnittliche monatliche Bruttorente in Deutschland liegt bei 909 Euro, in Österreich bei 1231 Euro – wobei noch hinzukommt, dass unsere Nachbarn auch im Alter volles Urlaubs- und Weihnachtsgeld beziehen, also 14 Monatsrenten ausbezahlt werden. Das ergibt dann den Unterschied von 58 Prozent. Nur: Dieses Geld muss doch irgendwo herkommen? Ein entscheidender Faktor: Die Österreicher zahlen einen höheren Rentenbeitrag, er liegt schon seit vielen Jahren unverändert bei 22,8 Prozent (in Deutschland: 18,7 Prozent). Davon tragen die Arbeitgeber 12,55 und die Arbeitnehmer 10,25 Prozent.

In Deutschland teilen sich beide Seiten den Beitrag mit jeweils 9,35 Prozent. Zweiter Unterschied: In Österreich zahlen deutlich mehr Menschen in die „Pensionsversicherung“, wie sie dort heißt, ein: nämlich alle Erwerbstätigen, also auch die Selbstständigen, Freiberufler und Bauern, die den Großteil des Beitrags auch selbst tragen müssen, den Rest trägt der Bund aus Steuermitteln bei. Als einzige nicht pflichtversichert sind Rechtsanwälte. Zum Vergleich: In Deutschland müssen nur abhängig Beschäftigte, die sozialversicherungspflichtig sind, einbezahlen. Die österreichischen Beamten entrichten einen eigenen Pensionsbeitrag, der in den Staatshaushalt fließt, aus dem dann die Beamtenpension (der Österreicher sagt dazu „Ruhegenuss“) bezahlt wird.

Stichwort Pflegeversicherung: Die Deutschen zahlen zwar 2,55 Prozent (bzw. 2,8 für Kinderlose) Beitrag, haben dafür aber auch Anspruch auf Leistungen im Pflegefall. In Österreich, so erklären es die österreichischen Sozialversicherungsträger, wird das Pflegegeld aus Steuermitteln des Bundes finanziert und nicht aus Beiträgen zu einer Sozialversicherung. (siehe dazu auch unseren Korrekturhinweis am Ende des Textes)

Wer geht wann abschlagsfrei in Rente? Die Deutschen später als die Österreicher. Hierzulande gilt: Die Rente mit 67 ist das Ziel; wer heute 65 (Jahrgang 1952) ist, muss noch sechs Monate länger arbeiten, und das wird von Jahrgang zu Jahrgang mehr; zwischen Männern und Frauen gibt es keinen Unterschied mehr. Anders in Österreich: Die Regelaltersgrenze für Männer liegt bei 65 Jahren, für Frauen bei 60 Jahren – wobei dies erst ab 2024 schrittweise bis auf 65 angehoben werden soll.

Weitere Unterschiede, die eher für das deutsche System sprechen

Steuern Österreichische Renten unterliegen in vollem Umfang (in Deutschland derzeit bis zu 74 Prozent) der Besteuerung. Der Eingangssteuersatz liegt bei 25 Prozent (Deutschland: 14 Prozent), der Grundfreibetrag bei 11000 Euro (8800 Euro).

Mindestwartezeit Österreicher müssen mindestens 15 Jahre lang einbezahlt haben, bevor sie einen Rentenanspruch erwerben, Deutsche nur fünf Jahre.

Abschläge Für jedes Jahr, das sie früher in Ruhestand gehen, werden Österreichern 4,2 Prozent von der Altersrente abgezogen, den Deutschen 3,6 Prozent.

Was sagt die Deutsche Rentenversicherung? „Ob es die Österreicher besser haben, kann man nicht mit Ja oder Nein beantworten“, meint Experte Reinhold Thiede. Die Einbeziehung der Selbstständigen in die Rentenversicherung könnte Vorbildcharakter haben. Er kenne kein Land, in dem Selbstständige nicht irgendwie obligatorisch rentenversichert sind. Joachim Bomhard

Fakt ist: Die Österreicher können zwar früher in den Ruhestand gehen und bekommen im Schnitt mehr Rente, sie zahlen aber auch mehr ein. Deutsche Rentner haben auch noch andere Vorteile, etwa wenn es um Pflegeleistungen geht oder um den vorzeitigen Ruhestand. Außerdem wird die Rente in Deutschland nicht in vollem Umfang besteuert.

 

Korrekturhinweis der Redaktion

Die Aussage stammte von der Deutschen Rentenversicherung: Die Österreicher hätten keine Pflegeversicherung, wie es sie in Deutschland gibt. Deshalb müssten die Menschen im Nachbarland für Kosten der Pflege im Alter selbst aufkommen. So hatten wir es im Bericht oben zunächst berichtet.

Einige Leser haben uns danach zu Recht auf das österreichische Pflegegeld hingewiesen, das es bereits seit Juli 1993 gibt. Der entscheidende Unterschied zu Deutschland: Es wird, so erklären es die österreichischen Sozialversicherungsträger, aus Steuermitteln des Bundes finanziert und nicht aus Beiträgen zu einer Sozialversicherung.

Mit dem Pflegegeld wird zumindest ein Teil der pflegebedingten Mehraufwendungen, die jemand hat, durch eine Geldleistung ausgeglichen. Die Höhe des Betrages richtet sich nach dem Ausmaß des Pflegebedarfs und ist unabhängig von der Ursache der Pflegebedürftigkeit. Es gibt sieben Stufen: Stufe 1 (mehr als 165 Stunden Pflegebedarf pro Monat) beginnt aktuell mit 157,30 Euro, in Stufe 7 gibt es 1688,90 Euro, wenn jemand Tag und Nacht auf Hilfe angewiesen ist, sowie Arme und Beine nicht mehr zielgerichtet bewegen kann. Ende 2016 bezogen knapp 451 000 Österreicher ein Pflegegeld. Der Bund bezahlte dafür im vergangenen Jahr 2,36 Milliarden Euro.

Verwaltet wird das Pflegegeld von der jeweiligen Pensionsversicherung des Pflegebedürftigen (in etwa vergleichbar der Rentenversicherung bei uns.

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