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Synagoge Hainsfarth

14.11.2017

Noch immer antisemitische Vorbehalte

Ordinariatsrätin referiert zur Reichspogromnacht

In der Nacht des 9. Novembers 1938 ließen die Nationalsozialisten ihrem Hass auf die Juden freie Bahn. In dieser „Reichspogromnacht“, die „von oben“ gesteuert wurde, wurden die Menschenrechte und die Menschenwürde im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten. Mehr als 1300 Synagogen und Kultureinrichtungen wurden zerstört, Geschäfte und Wohnungen geplündert und mehr als 25000 Juden verhaftet, gefoltert und ermordet. Johlende und jubelnde Zeugen begleiteten die Vorgänge, andere nahmen sie schweigend und gleichgültig hin. Niemand hat seinen Unmut öffentlich zum Ausdruck gebracht.

Dazu nahm Ordinariatsrätin Brigitte Bagorski vom Bistum Eichstätt in einem Referat in der Synagoge Hainsfarth Stellung.

Die Juden seien über die Jahrhunderte hinweg Fremde geblieben, die Judenfeindschaft habe man zuerst religiös, später ökonomisch und seit 1880 rassistisch begründet. Im Unterschied zu den Indogermanen (bzw. Ariern) sei die semitische Rasse minderwertig. Dieser Antisemitismus habe die Juden beschuldigt, für alle Konflikte und Aggressionen verantwortlich zu sein. Die bisherige, mühsam erstrittene Emanzipation hätten die Nürnberger Gesetze 1935 schließlich vollkommen zerstört.

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Dass man sich daran erinnere, sei eine Verpflichtung gegenüber den Opfern und führe zu den Schriften der Bibel, besonders zum Buch Deuteronomium, dem zu Folge geschichtliche Ereignisse weitergegeben und vor das Angesicht Gottes gestellt werden sollten. Das halte die Wunden offen und gebe die Hoffnung, dass Gott selbst die Tränen abwische. Dabei sollten vor allem auch die Erfahrungen des Leids im Gedächtnis bleiben. Verpflichtung dazu sei nicht eine kollektive Schuld, aber eine kollektive Verantwortung für die Zukunft. Das Mittel zur Erinnerung sei das Erzählen der Geschehnisse und das Ziel, ein von Respekt geprägtes Miteinander. Erinnerung decke Versagen auf und könne zu Umkehr und Neuanfang führen, stets eingedenk des Bösen, das in jedem Menschen schlummere. Das Erinnern lasse sich nicht einfach befehlen, doch seien Gespräche über die Geschehnisse immer wichtiger, da es bald die Regel sein werde, wenig oder gar nichts mehr vom Holocaust zu wissen. Zu gedenken sei auch derjenigen, die sich der Mordmaschinerie unter Lebensgefahr widersetzt hätten. Zu denen gehöre Kreszentia Hummel, ein Bauernmädchen, das in einem mittelfränkischen Dorf nicht weit von Hainsfarth für das Kind Charlotte Knobloch das Überleben ermöglichte, indem sie es als ihr uneheliches Kind ausgab, was im Umfeld des erznazistischen Mittelfrankens äußerst gefährlich gewesen sei. Dafür habe ihr Name in diesem Jahr in der „Allee der Gerechten“ bei Yad Vashem (Israel) Aufnahme gefunden.

Zweifel bestünden, ob wir unsere Geschichte wirklich gut aufgearbeitet haben, wenn bei bis zu 20 Prozent der Bevölkerung heute noch antisemitische Vorbehalte bestünden. Radikale Strömungen brächen inzwischen Tabus ganz offen, auch bis in die gesellschaftliche Mitte hinein. Bis zu einer wirklichen Normalität des Miteinanders sei noch ein weiter Weg, bis die nichtjüdischen und jüdischen Deutschen den Weg der Versöhnung fänden, wenn sie ihr Grundgesetz mit der Wahrung der Menschenwürde beachten würden. Aber auch die Worte der Bibel seien Ermahnungen für die Christen: „Vergiss nicht, was du mit deinen eigenen Augen gesehen hast, und die Worte, die du gehört hast. Lass sie dein ganzes Leben lang nicht aus dem Sinn! Präge sie deinen Kindern und Kindeskindern ein!“ (Moses 5,4)

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