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17.01.2015

Von einem Blutwunder und einer Wallfahrt

Der heilige Sebastian wird oft mit Pfeilen dargestellt. Der Legende nach soll er diese Art der Folter aber überlebt haben.

Warum der heilige Sebastian besonders in Oettingen verehrt wurde und welches Gelübde die Wemdinger ablegten

Das Ries entwickelte sich im Laufe von Jahrmillionen zu einer fruchtbaren Landschaft mit Dörfern und Städten, Märkten und Residenzen. Vor allem die Grafen (und späteren Fürsten) von Oettingen mit all den Seitenlinien (insbesondere denen von Wallerstein und von Spielberg) beeinflussten seit dem 12. Jahrhundert Kultur und Religion im Ries, wenn auch ihr Herrschaftsgebiet nicht deckungsgleich war. In dieser geschlossenen Landschaft nun erwählten sich in vorreformatorischer Zeit die Bewohner den heiligen Sebastian zum Patron und stellten sich unter seinen Schutz.

Zwischen 1263 und 1273 verfasste der Dominikaner Jacobus de Voragine, Erzbischof von Genua, das populärste und verbreiteste religiöse Volksbuch des Mittelalters, die Legenda aurea, das Goldene Legendenbuch. Über Sebastian schreibt er, dass er einst in einer Gerichtsverhandlung nicht zwei Christen gerettet haben soll, sondern auch die Angehörigen bekehrte. Als der oberste Richter von Rom sich taufen ließ, nachdem ihn Sebastian im Namen des Herrn von einem schweren Leiden wunderbar geheilt hatte, fürchtete der Kaiser Diokletian um sein Ansehen und seine Macht und befahl, Sebastian zu töten. Der Verfasser der Legenda aurea schreibt weiter: „Da gebot Diocletianus, dass man ihn mitten auf dem Feld an einen Pfahl binde, und sollten die Kriegsknechte auf ihn mit Pfeilen schießen. Da schossen sie so viele Pfeile auf ihn, dass er stand gleich einem Igel. Und gingen danach von ihm und wähnten, er wäre tot.“ Irene pflegte Sebastian gesund. In seinem Versteck erfuhr er von einer weiteren grausamen Verfolgung der Christen durch den Kaiser. Sebastian beschloss, Diokletian zu bitten, von dem Morden abzulassen. Dieser aber ließ sich nicht bewegen und befahl, Sebastian endgültig auszulöschen. So starb der Heilige in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts als Märtyrer unter den Knüppelschlägen seiner Peiniger.

Auf dem Platz, wo heute die Oettinger Sebastianskirche steht, befand sich bis zum Jahr 1467 das Haus eines Schuhmachers. Dieser beging mit seiner ganzen Familie den Sebastians-Feiertag als Fasttag. Nur seine Magd („ancilla“) hielt sich nicht an das Fastengebot und schnitt während der Abwesenheit der Familie einen Laib Brot an, worauf Blut herausgeflossen sei. Diese Begebenheit kam auch Graf Ulrich von Oettingen zu Ohren, der kurzer Hand das Haus des Schusters erwarb und an seiner Stelle eine Kapelle errichten ließ. Eine Inschrift an der Außenwand der heutigen Pfarrkirche berichtet darüber: „Anno Domini 1469 am Sebastianstag hat der Wohlgeborene Herr Ulrich, Graf zu Oettingen, Stifter, Gott zu Ehren dies Gotteshaus angefangen zu bauen in der Ehre des Heiligen Himmelsfürsten St. Sebastian.“

Das Blutwunder blieb der Bevölkerung des Rieses nicht verborgen, und Oettingen wurde Ziel zahlreicher Wallfahrten, sodass bald ein eigener Kaplan an der St.-Sebastians-Kapelle angestellt werden musste. Als erster Geistlicher ist 1473 Jakob Rietmüller Inhaber der Kaplanei. Ein weiteres Zeichen für den gewaltigen Aufschwung ist die Entstehung der Sebastiansbruderschaft im Jahre 1469. Die Bruderschaften hatten es sich zur obersten Aufgabe gemacht, Pestkranke zu versorgen, umher liegende Leichen zu bestatten und den Zorn Gottes zu besänftigen. Als 1483 in Donauwörth die Seuche ausbrach, suchten die Bürger der Stadt Hilfe im neuen Gnadenort mit seiner Sebastianskapelle. Zu Fünfhundert zogen sie in Oettingen ein. Bald darauf folgten Abt und Konvent von Heilig Kreuz und Pfarrherren von Auchsesheim, Tapfheim, Donaumünster, Baierfeld und Mündling mit 700 Gläubigen. Zunehmend mehrte sich die Zahl der Wallfahrten nach Oettingen auch aus entfernteren Riesgemeinden.

Die Berichte der Jesuiten an ihre Ordensoberen belegen dies recht deutlich: Von 1100 Kommunionen im Jahr 1644 stieg ihre Zahl auf gar 31723 Kommunionen im Jahr 1734. Ein „Bruderschaftsbüchlein“ aus dem Jahr 1689 gibt über diese Entwicklung Auskunft und zeigt auf seinem Titelblatt neben dem alten oettingischen Schloss die Sebastianskirche, zu der vom Markplatz her zwei Wallfahrtsgruppen mit Kreuz und Fahnen kommen. An der Turmfassade erkennt man die etwa lebensgroße Steinplastik des Heiligen. Unterschrieben ist das Bild mit „Ötting zu S. Sebastian im Rieß“. Jahr für Jahr wurde das Sebastiansfest am 20. Januar in feierlicher Weise begangen.

Kurz vor Ende des 30-jährigen Krieges, 1647, wütete in Wemding die Pest. Die Bürger der Stadt gelobten eine Wallfahrt zum Heiligen Sebastian nach Oettingen. Alle 20 Jahre wollten sie ein großes Wachsopfer darbringen. Tatsächlich haben die Wemdinger ihren Vorsatz anfangs sporadisch, seit 1832 treu gehalten und pflegen bis heute diesen Brauch. Es ist die einzige alte Wallfahrt, die die Zeiten überdauert hat. Die Kerze von 1972 wurde von der Wemdinger Künstlerin Emma Mönch geschaffen und seinerzeit von 2000 Wallfahrern nach Oettingen begleitet. Die Pestwallfahrt am 23. Mai 1992 mit der von Ingrid Steinacker geschaffenen Pestkerze führte 2500 Pilger nach Oettingen. Am 5. Mai 2012 wurde in der Wemdinger Pestprozession eine von den Schwestern des Wemdinger Karmels gestaltete Kerze am Sebastiansaltar entzündet.

Nicht nur die Kirche „beschlagnahmte“ den hl. Sebastian. Auch die Grafen und Fürsten von Oettingen bedienten sich seiner genauso, wie es die Rieser Sportschützen heute noch tun. Am nächsten Sonntag, 25. Januar, findet die 30. Wallfahrt der Rieser Sportschützen statt mit Kirchgang um 9 Uhr und sich anschließender Sebastiansfeier in der Dreifachhalle. Alljährlich erhalten hierbei verdiente Sportschützen seit 1985 den so genannten „Sebastianstaler“. Zudem geht an diesem Tag eine Sebastiansstatue als Wanderpreis an den jeweiligen Gewinner beim Gaupokalschießen.

Wie viele Heilige muss Sebastian als Wetterprophet herhalten: „An Fabian und Sebastian fängt der Baum zu saften an.“ Das bedeutet, dass am besten vorher Bau- und Brennholz im Wald geschlagen wurden. Das unterstreicht auch folgende Weisheit: „Wenn die Bäume säften, soll man nicht kläften!“ Ganz anders sehen es die Pessimisten: „Fabian Sebastian fängt der richtige Winter an.“ Unbeobachtet bleiben auch nicht die Haustiere: „Fabian Sebastian nimmt der Tauber die Taube an.“

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