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Der andere Rückblick

31.12.2017

2017 ist gegessen: Was uns das Jahr kulinarisch gebracht hat

Die kümmerlichen Reste eines Kartoffelgerichts - ist das alles, was in kulinarischer Hinsicht von 2017 bleibt? Oh nein!
Bild: Ralf Hirschberger, dpa

Die letzten zwölf Monate waren: dönerlastig, textilarm, mit plastinierten Brezen, verschmähten Pilzen und ordentlich krimineller Würze. Welche Lehren wir daraus ziehen.

Messer und Gabeln raus, fertigmachen zur Jahresendspeisung. Julia Komp, 28, Deutschlands jüngste   Sterneköchin,  empfiehlt im Feinschmecker-Magazin Bild: bayerische Garnelen nach asiatischer Art, Rinderfilet mit Linsen, Süßkartoffeln und Apfelsalat, Maracujamousse. Was unsereiner natürlich schon seit Jahrzehnten am Silvesterabend cuisiniert, wenn das Käsefondue mal wieder am vergessenen Käse scheitert und Trilliarden Spinnweben das Raclette-Set verklebt haben. The same procedure eben. Danach: Dinner for One, Chaos in der Küche, a bisserl Kawumm, und das Jahr ist gegessen.

Nun stellt sich immer die Frage, ob am Tag 365 in kulinarischer Hinsicht nicht eine gewisse Kreativität angebracht ist. Zumal die Nachrichten in den vergangenen 363 Tagen diesbezüglich einen ganzen Supermarkt an Ideen zu bieten hatten. Ja, dieses Jahr hatte Würze. Zugegebenermaßen von manchem ein bisschen zu viel, von manchem eher zu wenig. Dann braucht es nicht viel und, zack, schon schlägt das Endprodukt auf den Magen.

Das hat, wir müssen es so deutlich sagen, der Döner 2017 gleich in dreierlei Hinsicht geschafft. Die erste schwere Kost bescherten uns die geschätzten Kollegen der Nachrichtenagentur dpa am 20. Oktober, als sie die Vollendung des „größten Döners der Welt“ vermeldeten. Das Ding aus einer Berliner Hobbyküche wog bedrohliche 423,5 Kilogramm und ging demnach nur schwer als Zwischenmahlzeit zum Mitnehmendurch. Fladenbrot, Dönerfleisch, Salat, Weißkohl – alles, wie man es eben kennt. Nur: „Wir haben Kräutersoße verwendet“, sagte der Rekord-Oberaufseher Olaf Kuchenbecker. „Knoblauch hätte bei der Größe für zu viel Geruchsbelästigung gesorgt.“

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Nun gut, könnte man einwenden, zwingt einen ja keiner, den Fleischberg auf einmal zu verschlingen; ist ohnehin nicht verdauungsfördernd. Die Nachricht, die dann allerdings Ende November aus der Hausküche der Europäischen Union herausbrodelte, machte der gedanklichen Portionierung den sofortigen Garaus. „Dem Döner droht das Aus!“, titelte der Boulevard. Der Umweltausschuss des EU-Parlaments störe sich am Phosphat in den tiefgefrorenen Fleisch-Spießen. Na Mahlzeit!

Als der Döner Hausarrest bekam

Das Ganze wurde dann doch nicht so heiß gegessen wie gekocht, sprich: Die Speise darf weiterleben. Aber dann kam auch noch die Geschichte aus Kempten, wo der Döner nachts nicht mehr auf die Straße darf. Ein Gericht verhängte am Nikolaustag Hausarrest. Der betroffene Dönerladen darf seine Spezialität nachts nicht mehr to go verkaufen.

Schwere Kost: der „größte Döner der Welt“ wurde im Oktober in Berlin präsentiert. Er eignet sich nur bedingt als kleine Zwischenmahlzeit.
Bild: Gregor Fischer, dpa

Und jetzt? Ist der Appetit – das geht ja gut los – erst mal weg.

Fangen wir also noch mal von vorn an, diesmal magenschonender. Die klassische Breze kann auf diesem Feld erstaunliche, weil wohltuende Wirkung entfalten. Wenn dann noch bei der Formung die royalen Händchen von Prinz William und Herzogin Kate am Werk sind wie im Juli in Heidelberg... Und wer durfte die beiden Exemplare (das von Kate sah natürlich besser aus) verspeisen?

Kein Mensch. Stattdessen hat der durch die umstrittene „Körperwelten“-Ausstellung bekannt gewordene Mediziner Gunther von Hagens die Windsor-Brezen plastiniert. Wasser und Fett raus, Silikon rein. Das macht sie nahezu unsterblich, aber eben auch ungenießbar. Breze also auch gestrichen.

Dann doch lieber deftig? Dampfend aus den Händen des Postboten? Nicht nur Fritten zum Zunehmen, sondern auch per Nachnahme? Kein Scherz: In Neuseeland geht das. Die dortige Vertretung der Fastfood-Kette KFC und die neuseeländische Post haben im April ihre Dienstleistungen zu einem gemeinsamen Gericht verschmolzen. Auf dem Speiseplan sieht das so aus: Kunden bestellen Hähnchen und Co. im Internet. Und die werden dann von Postboten geliefert – zunächst testweise in der Stadt Tauranga.

Andere Länder, andere Sitten? Oh ja. Auf der anderen Seite: Was soll’s? Klingt immer noch massentauglicher als das, was sich ein skandinavischer Lebensmittelkonzern einfallen ließ. dpa meldete am 24. November feierlich: Finnen backen Insektenbrot. Ein Laib enthält an die 70 fein gemahlene Grillen. Weil: „Gute Proteinquelle“, jubilierte der „Innovationsdirektor“ des Konzerns. Und: „Gute Fettsäuren, Kalzium, Eisen, Vitamin B12...“ – der Mann kriegte sich gar nicht mehr ein. Womöglich stimmt das alles. Vielleicht müsste man sich einfach mehr trauen.

Wer hat da noch Lust auf Pilze?

Wer traut sich denn heute noch, mit Blick darauf, was passieren kann? Schon ein einzelner Speisepilz schafft es, den Beziehungs-Topf zum Überlaufen zu bringen. Ein Wald bei Feuchtwangen im September. Ein Paar auf der Suche nach Pilzen hatte sich ob des Dialogs über ein Exemplar derart in der Wolle, dass sie ihn stehen ließ und die Flucht ergriff. Er wartete im Auto – sie kam nicht. Er geriet in Panik und rief die Polizei. Die stellte fest, dass er getrunken hatte. Jetzt war nicht nur die Frau weg, sondern auch sein Führerschein. Als er nach Hause kam, saß sie schon auf dem Sofa; wenigstens das hatte sich geklärt. Aber wer hat da noch Lust auf Pilze?

Zumal nur ein paar Wochen zuvor in Los Angeles ein Brief von Albert Einstein aus dem Jahr 1938 für umgerechnet 26000 Euro versteigert worden war, in dem der Physiker einem langjährigen Freund geschrieben hatte: „Ich gebe keinen Pfifferling mehr für Europas Zukunft.“ Wenn selbst der für alternative Speisen aufgeschlossene Einstein („Nichts wird die Chance auf ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zur vegetarischen Ernährung“) den Pfifferling verschmäht, wer gibt dem Pilz dann überhaupt noch eine Chance?

Am Ende sind es negative Grundhaltungen wie diese, die die gute kulinarische Sache in die Schmuddelecke treiben. Oder war das Ausmaß an Blaulicht-Meldungen aus dem Küchen-Milieu 2017 deshalb so groß, weil dieses richtig lukrativ geworden ist? Nach dem Motto: Gold war gestern, für Geld gibt’s eh keine Zinsen, aber Kokosnüsse – wow!

Mittwoch, 15. März, 20.28 Uhr. Die Menschen in der Hauptstadt atmeten auf. dpa meldete: „Berliner Polizei stellt selbst gebaute Kokosnuss-Kanone sicher.“ Studenten hatten das fünf Meter lange und zwei Meter hohe Metall-Monstrum gebastelt. Zwar zu künstlerischen Zwecken, aber eben auch voll funktionsfähig. Was ein Hundebesitzer um ein Haar zu spüren bekam. Der wurde nächtens auf seiner Gassi-Runde beinahe von einem Kokosnuss-Geschoss getroffen. Die Staatsanwaltschaft – kein Witz – ermittelte wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz.

Gefährliche Kost: Studenten haben eine Kokosnuss-Kanone gebaut. Die Polizei hat dies entsprechend scharf kommentiert.
Bild: Polizei Berlin, dpa

Wo ist der Respekt geblieben vor den Schätzen der Natur? Und denen aus Muttis Ofen? Beispiel: „Einbrecher zerstört Weihnachtsplätzchen“, hieß es am 24. November. Ein Unbekannter war in ein Gartenhaus im Kreis Waldshut in Baden-Württemberg eingedrungen, hatte eine von 15 dort gelagerten Dosen (die mit den Mandelsplitter-Plätzchen) geöffnet und eigens mitgebrachte alte Schrauben obendrauf gelegt. Die Besitzerin musste daraufhin die oberste Lage entsorgen und beklagt nun einen Schaden von fünf Euro. Wer kennt den Täter?

Plötzlich lagen auf der Straße 53 Kilogramm Kinderschokolade

Steckt er auch hinter einem mysteriösen Fall, der in Ratzeburg in Schleswig-Holstein spielt? Dort entdeckte die Polizei im Mai auf offener Straße 53 Kilogramm Kinderschokolade. Raubgut? Vom Verbrecher entsorgt, weil ihm die Hundertschaften im Nacken saßen? Ein Privatdepot? Vom Hausherrn unglücklich platziert, als ihn angesichts seiner Wampe ein eheliches Naschverbot ereilte? Die Polizei ermittelt in alle Richtungen. Eine Lkw-Ladung Insektenbrot auf diese Weise loszuwerden – okay. Aber doch nicht Schokolade! Wo ist da der Stil?

Auch ein sehr hungriger Ladendieb hatte keinen Anstand, als er im Juni in Laupheim bei Ulm noch im Supermarkt eine Tiefkühlpizza vertilgte – in gefrorenem Zustand. Dass er außerdem zu Erdnüssen und zu Pfirsichen griff, darf ihm als Versuch unterstellt werden, ein kleines Menü zusammenzustellen, um ansatzweise die Etikette zu wahren. Angezeigt wurde er trotzdem.

Das gilt nicht für einen Metzgermeister aus der Nähe von Trier, der allen Ernstes Fleisch-Drinks entwickelt hat. Hühnchen und Rind aus der Flasche, wenn man so will – 0,33 Liter für 3,80 Euro. Danke, dpa, für diese Sommerloch-Meldung vom 29. Juli.

Auch Angela Merkel bekam unseres Wissens nach keinen Ärger mit der Justiz, obwohl sie Ende August dem Magazin Bunte ihren Hang zu Gewalt in der Küche offenbarte. Die Boulevard-Kollegen zitierten die Bundeskanzlerin mit den freimütigen Worten: „Ich zerstampfe die Kartoffeln immer selbst mit einem Kartoffelstampfer und nicht mit der Püriermaschine.“ Vier Wochen später kam der Dämpfer bei der Bundestagswahl. Ein Zusammenhang wurde bislang nicht untersucht.

Dafür zu Genüge das Speiseverhalten der Deutschen. Dass Frauen gesünder frühstücken als Männer, natürlich viel öfter kochen, aber viel weniger Übergewicht mit sich herumtragen – solche Sachen. Was heißt das für die Männer? Sie müssen Ballast abwerfen. Den entsprechenden Tipp für ein perfektes Date lieferte der britische Starkoch Jamie Oliver im September in der Zeitschrift Gala. Erstens: Mann greife selbst zum Kochlöffel. Zweitens: „Koche ein mild-scharfes Gericht, das nicht zu schwer im Magen liegt.“ Und drittens: Verbrenne dich nicht! „Denn natürlich solltest du unter der Schürze nackt sein.“

Was sagt uns dieses Jahr 2017 nun mit Blick aufs heimische Silvester-Menü? Eine halbe Tonne Döner, Brezen-Plastinat, Insektenbrot, Hühnchen aus der Flasche und dann noch ein kalter Hintern? Dann doch lieber Käsefondue (Ich muss 500 Gramm Käse kaufen. Ich muss ...) oder das Raclette-Set von den Spinnweben befreien.

Hat jemand eine Machete?

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