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Corona-Krise in den USA

15.07.2020

Ausländische Studenten sollen doch in den USA bleiben dürfen

Der Campus der US-Eliteuniversität Harvard: Ausländische Studenten dürfen nun doch bleiben.
Bild: XinHua, dpa

Die Trump-Regierung schreckt doch davor zurück, ausländische Akademiker auszuweisen. Aber nicht alle deutschen Studenten an der Eliteuniversität Harvard trauen dem Frieden.

Hans Pech bereitete gerade seinen Deutschkurs für Harvard-Studenten vor, als eine WhatsApp-Nachricht im Handy aufschien. „Ich war sehr erleichtert“, gesteht der 36-Jährige, der an der amerikanischen Eliteuniversität im Bostoner Vorort Cambridge über spätmittelalterliche Mystik promoviert. Zehn Tage lang hatte der Deutsche wie tausende Kommilitonen in der Sorge vor einer drohenden Ausweisung gelebt. Nun ist sein Verbleib in den USA erst einmal gesichert.

Völlig überraschend hat die Trump-Regierung am Dienstag eine radikale Kehrtwende hingelegt: Die Einwanderungsbehörde ICE zog ihre in der vergangenen Woche angekündigte Regelung zurück, die ausländischen Studierenden das Visum entzogen hätte, wenn an ihrer Universität wegen der Corona-Pandemie nur Online-Kurse angeboten werden. Genau das hat die renommierte Harvard-Universität angekündigt. Der internationale akademische Nachwuchs dort hätte nach den ursprünglichen Regierungsplänen nur die Wahl gehabt, sich an einer anderen US-Universität mit Präsenzunterricht anzumelden oder das Land zu verlassen.

Corona in den USA: Trump hat den Widerstand der Gesellschaft unterschätzt

Die abrupte Ausweisungsdrohung passt zur Politik von Donald Trump, der Einreise und Zuzug von Ausländern in die USA immer schwerer macht und Schulen wie Hochschulen trotz dramatisch steigender Corona-Infektionszahlen drängt, so schnell wie möglich zum Normalbetrieb zurückzukehren.

Doch dieses Mal hatte der Präsident den Widerstand der Gesellschaft unterschätzt. „Die Grausamkeit dieser Anordnung wird nur durch ihre Rücksichtslosigkeit übertroffen“, protestierte Harvard-Präsident Larry Bacow und kündigte an, die Hochschule werde sich vor ihre Studenten stellen. Auf die ist sie bei Gebühren von 49.653 Dollar pro Semester auch finanziell dringend angewiesen. Innerhalb weniger Tage reichten Harvard und das benachbarte Massachusetts Institute of Technology (MIT) Klage ein, mehr als 180 US-Universitäten und 26 Städte und Bezirke schlossen sich an. Auch 17 Bundesstaaten und die Hauptstadt Washington zogen vor Gericht.

Die Anhörung vor dem Distriktgericht in Boston am Dienstag dauerte gerade einmal vier Minuten. Richterin Allison Burroughs begrüßte den Anwalt der Hochschulen und den Vertreter der Einwanderungsbehörde. Noch bevor es zum Austausch der Argumente kommen konnte, berichtete Burroughs, dass sich die Regierung entschlossen habe, ihre Anordnung fallen zu lassen. So lautlos ist Donald Trump, der die Entscheidung der Harvard-Universität für den Online-Unterricht als „lächerlich“ bezeichnet hatte, noch nie eingeknickt.

Offenbar hat es irgendeinem Berater im Weißen Haus doch noch gedämmert, dass die Hauruck-Anordnung nicht nur juristisch auf wackligen Beinen stand, sondern auch politisch gewaltigen Ärger verursachen würde. Sie betraf nämlich potenziell alle 1,1 Millionen ausländischen Studenten – darunter 9200 Deutsche – , die der US-Volkswirtschaft 40 Milliarden Dollar im Jahr einbringen. Dutzende Tech-Unternehmen warnten, dass sie auf den hoch qualifizierten internationalen Nachwuchs angewiesen seien.

 

Viele junge Akademiker in den USA wären ohne Perspektive gewesen

„Die Entscheidung zeigt, wie unausgegoren der Plan der Regierung war“, sagt Johanna Schiele. Die 25-Jährige studiert in Harvard mit einem McCloy-Stipendium Politik. Nach dem Corona-Lockdown im März entschied sie sich, ein Freisemester zu nehmen und in dieser Zeit in London zu arbeiten. Doch nach der Ausweisungsorder musste sie befürchten, im Januar nicht wieder nach Cambridge einreisen zu können, wo im Keller einer Wohngemeinschaft noch die Kisten mit ihren Habseligkeiten stehen. „Ich bin total erleichtert“, sagt Schiele, nicht ohne hinzuzufügen, dass Studierende aus Deutschland trotz der misslichen Lage privilegiert seien: „Viele Kommilitonen von mir wären deutlich härter betroffen gewesen.“

Das sieht Ruth Hütte genauso. Die 27-Jährige studiert in Harvard Öffentliche Verwaltung mit einem Schwerpunkt auf Entwicklungsländern. Rund zwei Drittel ihrer Kommilitonen kommen aus der Dritten Welt. Diese jungen Akademiker wären mit der Annullierung ihres US-Visums ohne Perspektive gewesen: „Die können entweder gar nicht in ihre Heimatländer zurück oder haben dort nicht die erforderliche Infrastruktur für ein Online-Studium.“ Mit anderen Vertretern des Studentenparlaments hat Hütte in den letzten Tagen gegen die Ausweisungsorder gekämpft. „Das ist ein großer Erfolg“, sagt sie nun.

Hans Pech, der Germanistik-Doktorand, gesteht offen, dass ihn die drohende Ausweisung belastet hat: „Als ich das erfahren habe, konnte ich vier Tage nicht arbeiten.“ Für ihn steht nicht nur die Promotion, an der er seit vier Jahren arbeitet, auf dem Spiel. Er lebt hier mit seiner Freundin, einer Amerikanerin, zusammen. Ohne Visum wäre das Paar getrennt worden. Wegen der Einreisesperren aus Europa hätte er seine Partnerin auf absehbare Zeit nicht einmal besuchen können: „Der Gedanke macht einem schon extremen Stress.“

 

Diese Gefahr ist nun erst einmal vom Tisch. Doch ist unklar, ob die Trump-Regierung ihr Vorhaben tatsächlich ganz aufgibt oder in ein paar Wochen einen neuen Anlauf in abgespeckter Form unternimmt. Laut Wall Street Journal wird im Weißen Haus nun erwogen, zumindest ausländischen Neu-Studenten das Visum zu verweigern, wenn sie ausschließlich Online-Kurse belegen. Hans Pech würde das nicht treffen. Trotzdem kann er sich angesichts des sprunghaften Präsidenten nicht komplett entspannen: „Man muss immer damit rechnen, dass in ein paar Wochen die nächste Hiobsbotschaft kommt.“

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