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Kinderporno-Vorwürfe

06.09.2019

Darf die "Bild" so über Metzelder berichten?

Christoph Metzelder war ein Fußballstar, gewann die deutsche Meisterschaft. Medien-Experten sehen seinen Ruf durch die Berichterstattung von Boulevardzeitungen zerstört.
Bild: Oliver Killig, dpa

Welche Rolle das Boulevard-Blatt spielte und wie Medien über die Kinderporno-Vorwürfe gegen den früheren Fußballstar berichten sollten.

Der FDP-Politiker und Rechtsanwalt Wolfgang Kubicki ist erbost, als er am späten Mittwochabend in der Talkshow von Sandra Maischberger über den "Fall Christoph Metzelder" spricht. "Unverschämt" nennt er die Berichterstattung über den früheren Fußballnationalspieler, gegen den die Hamburger Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt.

Kubicki, der Metzelder mehrmals getroffen habe, ärgerte sich offensichtlich vor allem über die Bild, die groß auf ihrer Titelseite berichtet hatte – samt unverpixelten Fotos und Namensnennung. Die Staatsanwaltschaft habe einen Anfangsverdacht bejaht, erklärte Kubicki. Sie müsse jetzt logischerweise ermitteln. "Aber dass eine Zeitung so groß schon so tut, als sei das erwiesen, das zieht mir die Schuhe aus."

FDP-Politiker Kubicki: Es gilt die Unschuldsvermutung

Kubicki ist mit seiner Kritik nicht allein. Eine noch striktere Position nimmt in diesem Fall die Hamburger Rechtsanwältin Gül Pinar ein, Mitglied des Strafrechtsausschusses des Deutschen Anwaltvereins. Im Gespräch mit unserer Redaktion zweifelt sie an, dass überhaupt über Metzelder berichtet hätte werden dürfen: Er sei nicht prominent genug, als dass das öffentliche Interesse eine identifizierende Berichterstattung rechtfertige – würde es sich dagegen um einen Politiker handeln, wäre es ihrer Ansicht nach anders. "Was uns immer aufstößt, ist, dass in solchen Fällen eine Beweiswürdigung nicht den Gerichten vorbehalten bleibt, sondern durch Medien vorgenommen wird", sagt sie. Eine Verdachtsberichterstattung sei immer ein Problem, da die Gefahr einer Vorverurteilung bestehe. Gül Pinar appelliert an Journalisten, besonders vorsichtig zu berichten.

Auch der Erlanger Medienethik-Professor Christian Schicha kritisiert im Gespräch mit unserer Redaktion: "Was die Bild und andere Boulevardzeitungen gemacht haben, ist hochproblematisch." Die Bild sei mit mehreren Reportern im Einsatz und berichte großflächig, fortwährend und über jedes Detail. "Es entsteht durch die Berichterstattung ja fast schon der fatale Eindruck, dass Metzelder eine Straftat begangen hat, obwohl eine mögliche Schuld in keiner Weise bewiesen ist, sondern zunächst ein Anfangsverdacht besteht." Auf die Unschuldsvermutung sollte in jedem Fall in der Berichterstattung zusätzlich verwiesen werden, empfiehlt er.

Kubicki, Pinar und Schicha betonen in großer Übereinstimmung, dass Metzelder bereits jetzt "erledigt" sei: "Egal wie die Sache ausgeht – der Ruf von Christoph Metzelder wird auch dann langfristig beschädigt sein, wenn er nicht schuldig ist", meint Schicha. Generell hält er in diesem Fall eine Berichterstattung für gerechtfertigt – nur seriös müsse sie sein.

Medienethiker: "Ruf von Christoph Metzelder wird langfristig beschädigt sein"

So sieht es ebenfalls Hendrik Zörner, Pressesprecher des Deutschen Journalisten-Verbands. Dass die Bild über die Vorwürfe gegen den Profikicker Metzelder berichte, sei "völlig legitim", erklärt er auf Anfrage. "Dass sie das von der ersten Geschichte an mit voller Namensnennung tut, kommt jedoch einer Vorverurteilung gleich. Journalisten sind Berichterstatter und nicht Richter."

Auf besonderes Unverständnis stößt bei Rechtsanwälten, dass Bild-Journalisten einem Tagesspiegel-Bericht zufolge der Polizei "nicht nur vor Wochen gesteckt" haben, "dass Metzelder kinderpornografische Bilder per WhatsApp-Chat an eine Freundin in Hamburg geschickt haben soll, sie begleiteten am Dienstag auch die Durchsuchungen bei ihm zu Hause in Düsseldorf und holten den Ex-Kicker mit aus der Sportschule in Hennef".

Gab es hier also ein Gegengeschäft nach dem Motto Tipp gegen Tipp? Ein Sprecher der Hamburger Polizei bestätigte dem Tagesspiegel jedenfalls, dass die Bild-Zeitung sich mit dem Verdacht gemeldet habe – nicht die Empfängerin der Bilder. In Justizkreisen fühlt man sich an die Verhaftung des ehemaligen Post-Chefs Klaus Zumwinkel erinnert, der vor laufenden Kameras am Valentinstag 2008 festgenommen worden war.

Dass über Metzelder berichtet werden darf, ja muss, ist unter Journalisten mehrheitlich unstrittig. Ziffer 13 des Pressekodex, an den sich die meisten Zeitungen halten, erinnert sie gleichwohl daran: "Der Grundsatz der Unschuldsvermutung gilt auch für die Presse." Die Berichterstattung über Ermittlungs- und Gerichtsverfahren diene der sorgfältigen Unterrichtung der Öffentlichkeit. Voraussetzung dafür ist unter anderem: ein begründeter Verdacht, der auf sorgfältig recherchierten Tatsachen beruht. Dazu eine Sprache, die möglichst sachlich bleibt, nicht skandalisierend oder sensationsheischend ist.

Die Bild selbst hat das zum Thema in einem Artikel gemacht. Er endet mit dem Satz: "Wenn man sich für eine Berichterstattung entscheidet, muss auf Ausgewogenheit geachtet werden."

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07.09.2019

Demokratischer Rufmord oder erlaubte Vorverurteilung, das ist hier die Frage?

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07.09.2019

Wo bleibt ein Dementi des in der Öffentlichkeit stehenden C.M.?
Auf Sky analysiert und kommentiert er jeden Spielzug......und jetzt? Nichts!!!

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07.09.2019

Der Stellungnahme der im Interview genannten Personen kann ich nur zustimmen.
Egal wie auch immer diese Vorwürfe ausgehen, wird ein "Nachverdacht" gegenüber Metzelder
bestehen bleiben. Siehe Kachelmann u.a.
Was doch sehr auffällt ist, dass sich die genannte Boulevardzeitung an die Polizei gewandt hat.
Welche Quellen nutzten die "Journalisten" um eine Berechtigung erhalten zu haben sich mit den
Polizisten gemeinsam an der Verhaftung teilnehmen zu dürfen?
Und wieso sollte ein meiner Meinung nach doch recht intelligenter Metzelder so dumm sein und
kinderpornografische Bilder per WhatsApp an eine Freundin zu senden?
Wie auch immer sollte man sich Vorverurteilungen tunlichst sparen.
"Stille Post", kann nicht nur das Leben bekannter Menschen zum äusserst Negativen beeinflussen
oder sogar zerstören.
Gerüchte können jeden Treffen. Im Beruf kennt man dies als "Mobbing",
im Allgemeinen als "Verleumdung" oder "übler Nachrede"

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07.09.2019

>>Kubicki, Pinar und Schicha betonen in großer Übereinstimmung, dass Metzelder bereits jetzt "erledigt" sei: "Egal wie die Sache ausgeht – der Ruf von Christoph Metzelder wird auch dann langfristig beschädigt sein, wenn er nicht schuldig ist",<<

Die Herrschaften sind lustig. Sie empören sich über die Berichterstattung halten es aber für selbstverständlich, dass ein Verdächtiger auch wenn sich der Verdacht nicht bestätigt oder er vor Gericht frei gesprochen wird, 'erledigt sei'.

Damit machen sie auch nichts anderes, als dem Beschuldigten zu schaden. Warum betonen sie nicht, dass jemand, bei dem sich ein Verdacht nicht bestätigte ganz normal zu behandeln sei. Warum fordern sie nicht ein, dass er natürlich seine Posten beim Fernsehen, in den Sportschulen wieder aufnehmen können muss - ohne Zögern, ohne Zweifel? DAS würde, wenn es alle so handhabten etwas zugunsten von Unschuldigen bewirken, statt die Unsäglichkeit der Vorverurteilung oder des Eswirdschonwasdranseins auch nocht zu zementieren?

Man liest solche Dinge auch in Begründungen von Urteilen. Der Richter fällt nicht nur das Urteil der Haftstrafe, nein er befindet auch noch darüber, dass der Verurteilte sein Leben lang gebrandmarkt bleibe. Statt darauf hinzuweisen, was eigentlich unserem Rechtssystem entspricht: Strafe verbüßt, Wiedereingliederung in die Gesellschaft, zweite Chance.

Wie soll das gelingen, wenn die Rechtsfachwelt quasi legitimiert bzw. beinahe einfordert, dass jemand, der gefehlt hat oder der dessen verdächtigt wurde, sein Lebtag lang ein Paria zu bleiben hat.

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