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Arafat Abou-Chaker

19.01.2019

Frauen wehren sich gegen die Macht der Clan-Männer

Bushido (rechts) und Arafat Abou-Chaker bei der Premiere des Films „Zeiten ändern dich“ – der Filmbiografie des Rappers. Damals, im Jahr 2010, waren die beiden noch befreundet.
Bild: picture alliance, Eventpress Schulz

Dass Arafat Abou-Chaker, Oberhaupt einer ins organisierte Verbrechen verwickelten Großfamilie, hinter Gittern landete, ist auch Bushidos Ehefrau zu verdanken.

Starke Frauen setzen Berlins mächtigen Unterwelt-Bossen mächtig zu. So gleicht die Geschichte der Verhaftung von Arafat Abou-Chaker, dem Oberhaupt eines berüchtigten arabischstämmigen Clans, einem Hollywood-Thriller mit gleich vier weiblichen Hauptfiguren. Da gibt es die Schwägerin und Cousine des Clanchefs, die wie eine Löwin um ihre Kinder kämpft. Auch die stolze Ehefrau des bekannten Rap-Stars Bushido fürchtet um die Sicherheit ihrer Familie und lässt sich nicht einschüchtern. In weiteren Hauptrollen: Eine konsequente Polizeichefin mit Erfahrung in der Terrorismusbekämpfung sowie eine unbeugsame Staatsanwältin, die es auf die Millionen-Vermögen der Clans abgesehen hat.

Als Abou-Chaker am Dienstag mal wieder vor dem Landgericht Berlin-Moabit erscheinen musste, rechnete er wohl damit, dass alles so laufen würde wie immer. 33 Mal stand er schon vor Gericht, angeklagt wegen verschiedener Delikte, doch ins Gefängnis musste er am Ende nie. Meist wurde er aus Mangel an Beweisen freigesprochen, weil Zeugen in letzter Minute ihre Aussagen zurückzogen. Dieses Mal ging es um den Vorwurf, er habe einen Hausmeister brutal verprügelt, der ihn seiner Meinung nach nicht freundlich genug gegrüßt hatte. Und tatsächlich sah das Gericht die Schuld Abou-Chakers als erwiesen an und verurteilte ihn wegen Körperverletzung und Bedrohung zu zehn Monaten auf Bewährung.

Als der Prozess zu Ende war, kam es für Abou-Chaker sogar noch dicker. Eine Frau mit feuerrotem Haar und auffälliger Nickelbrille betrat den Gerichtssaal und eröffnete dem Clan-Boss, dass es weitere, noch schwerwiegendere Anschuldigungen gegen ihn gibt. Anschließend wurde Abou-Chaker von Polizisten abgeführt. Oberstaatsanwältin Petra Leister, spezialisiert auf Organisierte Kriminalität, wirft ihm vor, an der Entführung der Kinder eines Familienmitglieds beteiligt gewesen zu sein und einen Anschlag auf die Familie des Rappers Bushido geplant zu haben.

Abou-Chaker-Familie: Clan-Frauen wehren sich gegen Gewalt

Wie die Bild berichtet, war es eine Cousine Abou-Chakers, die Frau eines Bruders, die das eherne Schweigegebot der Clan-Familien brach und damit die Verhaftung des Clan-Bosses ermöglichte. Über die Frau wurde bekannt, dass sie aus einem in Dänemark lebenden Teil der Familie stammt und einen Hochschulabschluss hat. Im Herbst flüchtete sie demnach mit den beiden kleinen Kindern (1 und 3) vor den Schlägen und Drogen-Exzessen ihres Mannes in ihre dänische Heimat. Doch offenbar fuhr der Ehemann mit Unterstützung aus der Familie nach Dänemark und holte die Kinder nach Deutschland zurück. Arafat Abou-Chaker soll in die angebliche Kindesentführung verwickelt gewesen sein.

In ihrer Verzweiflung entschloss sich die Mutter zu einem in der verschwiegenen Welt der Clans ungewöhnlich mutigen Schritt. Sie fuhr, unterstützt von eigenen Familienmitgliedern, nach Berlin und vertraute sich Ermittlern der Polizei an. Im Rahmen ihrer umfassenden Aussage berichtete sie offenbar auch über den angeblichen Plan Abou-Chakers, der Familie des Rapstars Bushido etwas anzutun. Von einem Anschlag oder einer Entführung ist die Rede. Arafat Abou-Chaker soll, so der Vorwurf, im Familienkreis Leute gesucht haben, die eine solche Tat ausführen. In ihren weiteren Ermittlungen gelang es der Polizei allem Anschein nach, die Vorwürfe so weit zu erhärten, dass es für eine Verhaftung Abou-Chakers reichte.

Arafat Abou-Chaker und Bushido galten lange Zeit als enge Freunde und Geschäftspartner. Doch im März 2018 sagte sich der Rapper von dem Clan-Chef los. Sein Song „Mephisto“ gilt als musikalische Abrechnung mit dem früheren Vertrauten, der einen Großteil seiner Einnahmen aus dem Musikgeschäft kassiert haben soll. Als treibende Kraft hinter der Trennung des Bambi-Preisträgers von Abou-Chaker gilt Bushidos Ehefrau Anna-Maria Ferchichi, 37. Die Schwester von Pop-Sängerin Sarah Connor hatte in einem Interview mit dem Stern gesagt: „Natürlich haben wir Angst, dass jemand aus Rache auf mich oder meinen Mann schießt. Eigentlich rechnen wir jeden Tag damit.“ Wie sich nun zeigt, war die Sorge wohl nicht unbegründet. Doch Anna-Maria Ferchichi, die vor ihrer Ehe mit Bushido zweimal verheiratet und zeitweise mit Fußballstar Mesut Özil liiert war, will sich nicht einschüchtern lassen.

Starke Frau: Anna-Maria Ferchichi ist mit Bushido verheiratet.
Bild: Michael Kappeler, dpa

Möglicherweise bleiben Bushidos Frau und die Schwägerin des Bosses nicht die einzigen Frauen, die sich gegen die Macht der Clan-Männer wehren. Ralph Ghadban, führender Experte für das Phänomen der kriminellen Großfamilien, schreibt in seinem aktuellen Buch „Arabische Clans – die unterschätzte Gefahr“: „Vor allem Frauen lehnen sich gegen die Clanregel auf, speziell gegen die patriarchalischen Autoritätsstrukturen.“ Ihr Streben nach größeren persönlichen Freiheiten führe zu einer enormen Steigerung familiärer Konflikte „hauptsächlich wegen häuslicher Gewalt“.

Berlin: Behörden kämpfen gegen kriminelle Clans

Hoffen können die Frauen, die sich gegen die archaischen Regeln des Clan-Milieus auflehnen, auf eine neue Entschlossenheit der Berliner Behörden, die den Kampf gegen die Clans nach Jahren der Untätigkeit massiv verschärft haben. Als treibende Kraft gilt dabei Berlins Polizeichefin Barbara Slowik. Erst im vergangenen Frühjahr war die Juristin aus dem Innenministerium gekommen, wo sie das Gemeinsame Terror-Abwehrzentrum von Bund und Ländern mit aufgebaut hatte. Nach diesem Vorbild hat sie in der Berliner Polizei nun ein „Zentrum für Analyse und Koordination zur Bekämpfung krimineller Strukturen“ gegründet. Es soll für einen Schulterschluss zwischen verschiedenen Polizeibereichen und anderen Behörden sorgen. Ziel sei ein konsequentes Eingreifen, nicht erst bei schweren Straftaten, sondern bereits bei kleinen Regelverstößen. Clan-Männer, die sich mit getunten Autos Rennen liefern oder verbotene Waffen mitführen, sollen künftig nicht mehr auf Milde hoffen können.

Für den Mafia-Experten und Autoren Sandro Mattioli ist diese „Politik der Nadelstiche“, wie das Vorgehen gegen Clans in Berlin und anderswo genannt wird, „sicher ein Fortschritt“. Allerdings zeigten die Erfahrungen, dass Organisierte Kriminalität konsequent und anhaltend bekämpft werden müsse. Nötig seien etwa verstärkte Präventionsmaßnahmen sowie deutlich verstärkte Maßnahmen gegen Geldwäsche.

Die Clans dort packen, wo es sie am meisten schmerzt, beim Vermögen nämlich, das ist der Ansatz von Oberstaatsanwältin Petra Leister. Sie war es auch, die im Sommer Immobilien des R.-Clans beschlagnahmen ließ, 77 Häuser und Wohnungen im Wert von rund zehn Millionen Euro. Die berüchtigte Großfamilie wird mit zahlreichen schweren Straftaten in Verbindung gebracht, von Bankraub bis zum Mord.

Petra Leister will in den Anstrengungen nicht nachlassen und kriminellen Clan-Mitgliedern weiter nach der Devise „Festnehmen, Vermögen wegnehmen“ das Leben schwer machen. Und so ließ sie es sich dann auch nicht nehmen, Arafat Abou-Chaker am Dienstag persönlich den Haftbefehl zu überreichen.

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