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Corona-Pandemie

24.05.2020

New York sucht verzweifelt nach Normalität

Die berühmte New Yorker Halbinsel Coney Island – Sinnbild für die ganze US-Metropole. Schwimmen am Strand ist wegen der Corona-Krise verboten. Und abgesagt wurde auch die Saisoneröffnung des Vergnügungsparks – das Riesenrad steht still. Eigentlich sollte sein 100. Bestehen gefeiert werden.

Plus Die weltberühmte Metropole schlittert immer tiefer in die Corona-Krise. Reiche verlassen massenhaft die Stadt. Für die Armen wird die Lage immer verheerender.

Capri Djiatiasmoro tastet sich langsam vor, lässt die Brandung erst die Knöchel umspülen, dann die Waden, bevor sie in die Wellen greift und mit beiden Händen ihren Oberkörper bespritzt. Der Atlantik ist noch kalt, er hat gerade einmal 11 Grad Celsius. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum sich Capri am vergangenen Wochenende, an dem in anderen Jahren in New York offiziell die Badesaison beginnt, nur vorsichtig ins Wasser wagt. Noch zwei Mal schaut sie sich um, ob am Strand der New Yorker Halbinsel Coney Island, die für ihren Vergnügungspark weltbekannt ist, auch wirklich keine Polizei zu sehen ist. Denn die achtet auf die Einhaltung der Corona-Verhaltensregeln, und das teils rigoros. Capri ist nun ganz im Wasser.

Das vergangene Mai-Wochenende, an dem in den USA der Gefallenen gedacht wird und das in den Memorial Day an diesem Montag mündet – es ist normalerweise ein Wochenende, das für Ausflüge genutzt wird, für Kulturveranstaltungen. Es markiert den Start in den Sommer. Die Menschen quetschen sich zu Zehntausenden in die U-Bahn, holen sich bei Famous Nathan’s an der Surf Avenue Hotdogs, werfen ihre Kleidung und die Schwere des Winters in den Sand und genießen es, draußen zu sein. In diesem Jahr herrscht am Memorial Day Weekend jedoch eine beklemmende Atmosphäre am Strand von Coney Island, den man auch den Himmel der einfachen Leute nennt.

Sinnbild der Krise: die leeren Strände und der Vergnügungspark von Coney Island

Bürgermeister Bill de Blasio sagte, man dürfe spazieren gehen, wenn man die Distanzregeln beachte, Sport und Schwimmen seien jedoch streng verboten. Wer es trotzdem wage, werde aus dem Wasser gezogen. Erfahrene Schwimmer wie Capri, die hier jeden Morgen kilometerlang auf und ab schwimmen, lassen es darauf ankommen.

New York sucht verzweifelt nach Normalität

Die Szene in Coney Island ist bezeichnend für die Stimmung in New York in diesen Tagen. Fast schon Symbolcharakter hat es da, dass auch die Party zum 100. Bestehen des Riesenrads von Coney Island ausfällt. Wie die Saisoneröffnung des Vergnügungsparks. Das 45 Meter hohe „Wonder Wheel“ steht still. Kein Wunder.

New York hat die Corona-Krise mittlerweile leidlich im Griff. Die Kurve der Neuinfektionen und Todeszahlen hat sich abgeflacht, die Krankenhäuser haben ausreichend Kapazitäten. Überall in der Stadt haben Testcenter eröffnet, in denen die Menschen sich kostenlos und unkompliziert auf Antikörper und auf das Virus prüfen lassen können. Doch es gibt noch immer jeden Tag 1000 Neuinfektionen und mehr als 100 Menschen sterben an den Folgen der neuartigen Lungenkrankheit Covid-19. Von sieben Kriterien zur schrittweisen Wiedereröffnung von Betrieben und öffentlichen Einrichtungen im Staat New York erfüllt die Stadt gerade einmal vier. Eine Rückkehr zur Normalität scheint fern.

So tasten sich die New Yorker nach sieben Wochen in der Enge ihrer oft winzigen Wohnungen zaghaft ins Freie und probieren vorsichtig aus, wie ein Leben in der Öffentlichkeit unter Pandemie-Bedingungen aussehen kann. Wie Capri mit Wasser benetzen sie sich ein wenig mit der Freiheit – ein volles Bad in der Menge wagen die wenigsten.

Zur Unbefangenheit waren die vergangenen Wochen auch zu düster. Mehr als 20.000 New Yorker sind an Corona gestorben – fast sieben Mal so viele wie bei den Terroranschlägen am 11. September 2001. Die Bilder der Kühlwaggons für die Leichen vor Krankenhäusern sind den Menschen noch frisch im Gedächtnis. Viele kennen jemanden, der schwer krank geworden ist. In den 67 nach Postleitzahlen aufgeteilten Bezirken sind jeweils zwischen 100 und 400 Menschen gestorben. Auf den Bürgersteigen der am schwersten betroffenen Viertel Harlem und Bronx tauchen täglich improvisierte Mahnmale mit Kerzen und Blumen auf.

Corona-Krise in New York: In der Stadt herrscht eine beklemmende Atmosphäre

Zur beklemmenden Stimmung in der Stadt trägt bei, dass auch altbekannte Probleme wieder auftauchen. Während die Polizei in Parks in den besseren Gegenden Masken verteilte, wurden in den ärmeren Bezirken Menschen rabiat voneinander getrennt. Mehrere Videos zirkulierten in sozialen Medien, in denen schwarze Männer von Polizisten brutal zu Boden gerungen wurden. Polizei-Statistiken bestätigten den Eindruck, den man aus solchen Videos bekommen musste. Unter den New Yorkern, die wegen Verstößen gegen die Corona-Anordnungen angehalten wurden, gehörte die überwiegende Mehrheit zur schwarzen und zur Latino-Bevölkerung. Die New Yorker Polizei sah sich – einmal mehr – mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert. New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio entschuldigte sich und kündigte an, dass die Polizei nicht länger für die Durchsetzung der Anordnungen verantwortlich sei. Die Lage drohe, das fragile Vertrauen zwischen Schwarzen und Latinos und der Polizei zu ramponieren.

Die Einhaltung der Schutzmaßnahmen wurde an Nachbarschaftsorganisationen delegiert. Doch der Rückzug der Polizei macht die Verunsicherung nur noch schlimmer. Derzeit wissen viele New Yorker nicht mehr so genau, wie sie sich verhalten sollen.

Ihre Verunsicherung reicht dabei weit über die aktuelle Lage hinaus. Sie fragen sich, was wohl aus New York wird. Was sich abzeichnet, wirkt auf viele bedrückend. Bedrückend ist etwa, dass unter den wohlhabenderen Einwohnern eine regelrechte Massenflucht einsetzte. Es wird geschätzt, dass rund eine halbe Million New Yorker langfristig die Stadt verlassen haben. Vornehmere Wohnbezirke wie das Greenwich Village, Park Slope, die Upper East Side oder die Upper West Side sind wie leer gefegt. Bis zu 50 Prozent der Bewohner hätten diese Viertel verlassen, heißt es.

Auch der zentrale Geschäftsbezirk von Manhattan, die dicht gedrängten Wolkenkratzer von Midtown und dem Wall-Street-Bezirk, deren Silhouette New Yorks Markenzeichen ist, bleiben leer. Die meisten Firmen, von Finanzinstitutionen bis hin zu Technologieunternehmen, haben sich in digitaler Heimarbeit eingerichtet und sich gleichzeitig verschlankt. Unwahrscheinlich, dass sie bald wieder hunderttausende von Angestellten in ihre Bürotürme schicken werden. So droht der aufgeblähte Markt für Büroraum in Manhattan zu implodieren. Mit weitreichenden Folgen. Gegenden wie die gerade erst eröffnete, futuristische Wolkenkratzeroase Hudson Yards könnten zu Geister-Vierteln werden. Zumal die Branchen, die von den Büroarbeitern abhängig sind, ebenfalls durch die Folgen der Pandemie bedroht werden. Wann und ob Midtown Manhattan zu neuem Leben erwacht, steht in den Sternen. Restaurants, Geschäfte und Kaufhäuser: leer. Schaufenster: vernagelt. Noch immer ist Wintermode ausgestellt.

Vor einer New Yorker Suppenküche bilden sich lange Warteschlangen

In der Metropole zurückgeblieben ist derweil die Masse derer, die kein Wochenendhaus auf Long Island oder im Hudsontal hat. Für sie wird das Leben in New York schwieriger. Zu Beginn der vergangenen Woche hatten zwei Millionen New Yorker Arbeitslosenhilfe beantragt – ein Viertel der Gesamteinwohnerzahl. Und Ökonomen gehen davon aus, dass die Wirtschaftskrise etliche Branchen noch gar nicht erreicht hat. Wie dramatisch die Lage ist, war kürzlich etwa vor dem Barclays Center in Brooklyn zu sehen, der hypermodernen Hochglanzarena des Basketball-Klubs Brooklyn Nets. Die Nets richteten hier eine Suppenküche ein, um Solidarität zu demonstrieren. Schon um sieben Uhr morgens bildeten sich lange Warteschlangen.

Auch andernorts wird die Armut offenkundig: Vor verlassenen Geschäften und in Hauseingängen tauchen immer mehr Lager und Zelte von Obdachlosen auf. Viele von ihnen fliehen aus Angst vor dem Coronavirus aus den dicht gedrängten Notunterkünften. Die Stadt hat andere Prioritäten, als sie zu vertreiben. Eigentlich. Doch das Problem wurde zu groß: Weil so viele Obdachlose in U-Bahn-Waggons übernachteten, schloss Andrew Cuomo, Gouverneur des Bundesstaates New York, kurzerhand das U-Bahn-Netz, das seit Jahrzehnten rund um die Uhr läuft. Für Reinigungsarbeiten. Die Obdachlosen werden jetzt um ein Uhr morgens an der Endstation rausgeschmissen. Die Glücklicheren von ihnen landen am Strand. Andere irren in Vierteln umher, die sie nicht kennen.

New York gibt ein erschütterndes Bild ab. Da Steuereinnahmen schwinden und der Bedarf an Sozialleistungen wächst, sagen manche Experten der Stadt noch für dieses Jahr den Bankrott voraus. Das New York, dass es noch vor wenigen Wochen gab, dürfte so schnell nicht wiederkommen – jenes glänzende, reiche New York, das aus der letzten Krise, dem Finanzcrash von 2008, hervorgegangen ist. „New York wird ärmer sein“, schreibt die Kolumnistin Molly Jong-Fast in der Zeitschrift The Atlantic. „Diese Bundesregierung wird wohl kaum das Wuhan von Amerika retten und wir werden Budgetkürzungen zu verkraften haben, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben.“ Sie findet das übrigens nicht weiter schlimm. „New York wird nicht sterben, nur das New York der Gegenwart wird sterben. Und das New York der Gegenwart stirbt immer.“ Das sieht auch Sally Randall Brunger so, die in der Stadt geboren wurde und in den vergangenen 50 Jahren mehrere Reinkarnationen von New York erlebt hat. „Dann kommen eben wieder mehr junge, kreative Leute und tun interessante Dinge“, sagt sie. „Und in 20 Jahren haben wir ein neues New York.“

Eine Kolumnistin schreibt: „Das New York der Gegenwart wird sterben.“

Brunger war in den 80ern im wilden New York Teil der Subkultur. Sie erlebte die legendäre Downtown Klub-Szene, zu ihren Freunden zählte sie Künstler wie Andy Warhol und Keith Haring. Sie hat auch sich selbst mehrmals neu erfunden, heute arbeitet sie als Flugbegleiterin. Angst davor, in einem „neuen New York“ noch einmal von vorne anfangen zu müssen, hat sie nicht. „Ich habe die Manhattan-Universität des Lebens besucht“, sagt sie. Und mit dem Abschluss dort sei man für alles gerüstet. Sogar für eine Pandemie.

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