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USA

12.06.2017

Prozess: Die Bill Cosby Show

Bill Cosby will selbst nicht vor Gericht aussagen.
Bild: David Maialetti/Pool The Philadelphia Inquirer, dpa

Einst war der US-Fernsehstar der Vorzeigevater der Nation, doch nach etlichen Vergewaltigungsvorwürfen ist sein Image ruiniert. Gelingt ihm nun ausgerechnet vor Gericht die Wende?

Vor dem Gerichtsgebäude in Norristown spielt sich derzeit fast jeden Tag dieselbe Szene ab. Bill Cosby, der weltbekannte Fernsehstar aus der "Bill Cosby Show", steigt aus dem Wagen und lässt sich von prominenten Freunden in den Gerichtssaal führen. Mal wird der fast erblindete Mann von Keshia Knight Pulliam, 37, begleitet, die einst das Nesthäkchen "Rudy" in der US-Familienserie spielte. Mal bringt Cosby den US-Komiker Joe Torry mit, mal den Entertainer Lewis Dix oder die Schauspielerin Sheila Frazier. Der Promi-Aufmarsch soll ihm den Rücken stärken – und der Weltöffentlichkeit zeigen: Bill Cosby hat sich noch nicht aufgegeben. Und: Ein so beliebter Fernseh-Opa kann doch kein Sexualstraftäter sein.

Bill Cosby drohen bei Schuldspruch bis zu 30 Jahre Haft

Genau das will die Anklage in dem Strafprozess gegen den Entertainer beweisen, der seit vergangener Woche läuft. In den kommenden Tagen wird ein Urteil erwartet. Wird Cosby schuldig gesprochen, drohen ihm bis zu 30 Jahre Haft. Auf freiem Fuß ist er derzeit nur dank einer Kaution von einer Million Dollar.

Der Mann, der in diesen Tagen vor Gericht steht – das muss man noch einmal ins Gedächtnis rufen –, war einst Schauspieler, Sänger und Produzent, einer der beliebtesten Entertainer und Komiker der USA. Einer, der Konzertsäle und Arenen füllte. Vor allem aber war Bill Cosby so etwas wie der Vorzeigevater der amerikanischen Nation. Einer, dessen Seifenoper zu den erfolgreichsten Serien der Fernsehgeschichte zählt. Einer, der in fast 200 Folgen zeigte, wie Familien Probleme gemeinsam lösen können. Ab Mitte der 80er Jahre gab er als Oberhaupt des Huxtable-Clans den stets leicht verdatterten Ehemann, den ulkigen Übervater, den Grimassen-Schneider, der seine Stimme so toll verstellen konnte, den erfolgreichen Frauenarzt. Für seine Fans ist das Drama, das sich derzeit am Gericht in Norristown im US-Staat Pennsylvania abspielt, das traurige Ende eines in Ungnade gefallenen Stars.

Bill Cosby gibt sich als tapsiger und blinder Greis

79 Jahre ist Cosby alt, Mitte Juli wird er 80. Altersflecken zeichnen sein Gesicht, zum Prozess kommt er mit Gehstock und schiebt sich dann etwas schwerfällig zum Eingang. Er hakt sich bei Verteidigern unter, tapst hinterher. Ende April hatte er in einem Interview erklärt, seit etwa zwei Jahren blind zu sein – eines Morgens sei er aufgewacht und habe nicht mehr sehen können. Altersschwach oder nicht, Cosby muss sich den Vorwürfen stellen.

Rund 60 Frauen haben dem Schauspieler und Entertainer in den vergangenen Monaten sexuelle Belästigung, Missbrauch oder Vergewaltigung vorgeworfen. Weil die meisten Fälle verjährt sind, bleibt ihnen heute nur der Gang zum Zivilgericht: Mindestens sieben Zivilklagen wegen Verleumdung, sexueller Nötigung oder sexueller Belästigung haben 13 Frauen in drei Bundesstaaten gegen Cosby angestrengt.

Ein Fall aber hat es zum Strafgericht geschafft: Die frühere Angestellte der Temple University in Philadelphia, Andrea Constand, wirft Cosby vor, ihr im Januar 2004 Tabletten verabreicht und sie in seinem Haus sexuell bedrängt zu haben. Vor Gericht hat Constand den Entertainer schwer belastet. Er habe ihr drei blaue Pillen gegeben und sie sexuell genötigt, sagte die heute 44-Jährige. Durch Medikamente gelähmt habe sie mit ansehen müssen, wie sich der Fernsehstar an ihr verging. Danach sei sie wie "eingefroren" gewesen, beschrieb Constand. "Ich fühlte mich wirklich gedemütigt und war sehr verwirrt. Ich wollte einfach nach Hause gehen."

Ein mutmaßliches Opfer spricht von Todesangst

Auch eine weitere Frau konfrontierte Cosby vor Gericht. An einem Abend im Jahr 1996 habe der Schauspieler ihr eine Tablette verabreicht und sexuellen Kontakt mit ihr gehabt, sagte Kelly Johnson zum Prozessauftakt aus, während sie sich Tränen aus dem Gesicht tupfte. "Ich hatte Todesangst, irgendetwas davon zu erzählen", sagte die Frau, die damals als Assistentin in Cosbys Agentur in Los Angeles arbeitete. Sie ist bei dem Prozess als Zeugin zugelassen.

Cosby folgte dem Geschehen von der Anklagebank aus. Gefühlsregungen waren ihm in den vergangenen Tagen allerdings nicht anzumerken. Der gefallene Star hat angekündigt, selbst nicht aussagen zu wollen. Stattdessen wird eine Erklärung Cosbys aus einem zivilrechtlichen Verfahren im Jahr 2005 verlesen. Darin gab er zu, immer wieder Frauen vor sexuellen Kontakten mit Beruhigungsmitteln "entspannt" zu haben. Doch dies sei im beiderseitigen Einvernehmen geschehen. Ganz so rein scheint das Gewissen des Fernsehstars aber nicht zu sein. So gab er 2005 zu Protokoll, er habe sich bei Constand und ihrer Mutter entschuldigt, weil die Ereignisse in der fraglichen Nacht das Bild eines "schmutzigen alten Mannes mit einem jungen Mädchen" vermittelten.

Bill Cosbys Frau steht zu ihrem Mann

Man kann nur vermuten, ob die Skandal-Schlagzeilen und der Alltag an der Seite von Anwälten auch in der Familie Cosby Spuren hinterlassen haben. Cosbys Ehefrau Camille, mit der er seit 1964 verheiratet ist, begleitete ihren Mann am Montag erstmals in den Gerichtssaal, in den ersten Verhandlungstagen hatte sie gefehlt: Möglicherweise wollte sie sich die teils sehr drastischen Details der Kontakte ihres Mannes zu anderen Frauen ersparen. Doch Camille Cosby steht zu ihrem Mann. "Er sei ein wundervoller Ehemann, Vater und Freund", hatte sie noch vor Monaten betont. Das Paar hat vier Töchter zwischen 40 und 52 Jahren, der einzige Sohn wurde im Alter von 27 Jahren in Los Angeles auf der Straße ausgeraubt und erschossen.

Vor Gericht geht es um die Frage, ob Cosby sich beim Kontakt mit Constand an jenem Abend im Januar 2004 strafbar machte. Cosbys Verteidiger nahmen das mutmaßliche Missbrauchsopfer ins Kreuzverhör, um ihre Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Constand hatte sich erst ein Jahr nach dem angeblichen Missbrauch durch Cosby an die Polizei gewandt und teilweise falsche Angaben gemacht. So sagte sie damals, sie sei vor dem fraglichen Abend nie mit Cosby allein gewesen, was sich als falsch herausstellte. Zudem musste sie zugeben, 72 Telefonate mit ihm geführt zu haben.

Die Verteidigung muss nichts beweisen, sondern nur Zweifel wecken

Für Staatsanwältin Kristen Feden scheint die Sache dagegen klar: "Dieser Fall handelt von einem Mann, der seine Macht, seinen Ruhm und seine zuvor geübten Methoden benutzte, um eine junge Frau in einen handlungsunfähigen Zustand zu versetzen, damit er sich sexuell vergnügen kann." Doch das Problem der Staatsanwaltschaft besteht darin, dass die Nacht, um die es geht, mehr als 13 Jahre zurückliegt, und der mutmaßliche Tatort nie von der Spurensicherung untersucht wurde. Beweismittel gibt es nicht. Dagegen muss die Verteidigung nichts beweisen, sondern nur möglichst viele Zweifel bei den Geschworenen wecken.

Richter Steven O’Neill möchte das Verfahren möglichst zügig zu Ende bringen – nicht zuletzt, weil die Geschworenen für die Dauer des Prozesses in einem Hotel von der Außenwelt isoliert werden, um eine Beeinflussung zu verhindern. Insbesondere an den ersten Prozesstagen war das Medieninteresse enorm. Ohne Abschottung wäre es für die Geschworenen kaum möglich gewesen, Berichten oder Bildern vom Prozess zu entgehen.

Eine lange Haftstrafe könnte schwer durchsetzbar sein

O’Neill weiß, wie wichtig es ist, dass die Geschworenen motiviert und aufmerksam bleiben. Deshalb beendete der Richter in den vergangenen Tagen eine Verhandlung außergewöhnlich früh: Die Jury-Mitglieder sollten die Möglichkeit erhalten, sich im Hotel ein Eishockey-Spiel im Fernsehen anzusehen. Die Geschworenen waren auf Antrag der Verteidigung in Pittsburgh ausgewählt worden, fast 500 Kilometer westlich von Norristown: In Pennsylvania, wo Cosby lebt und der Prozess stattfindet, sei keine unabhängige Beurteilung des Falles möglich, argumentierten seine Anwälte und verwiesen unter anderem auf die Ankündigung des leitenden Staatsanwalt Kevin Steele, dem Star den Prozess machen zu wollen.

Manche Beobachter bezweifeln, dass die Abschirmung der Jury im Cosby-Prozess etwas bringt. Es sei so gut wie ausgeschlossen, dass die Geschworenen noch nie von Cosby gehört und eine Meinung über den früheren Star gebildet hätten, schrieb Autor Joe Trinacria im Philadelphia Magazine. Angesichts seines Alters und Gesundheitszustands würde sich bei einer Verurteilung ohnehin die Frage stellen, ob eine lange Haftstrafe durchsetzbar ist. "Seien Sie nicht überrascht, wenn er als freier Mann den Saal verlässt", schrieb Trinacria. mit dpa

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