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Mobilität

15.11.2019

Bahn stellt 200.000 Anzeigen im Jahr: Schwarzfahren entkriminalisieren?

Im Nahverkehr beträgt die Schwarzfahrerquote drei Prozent.
Bild: Armin Weigel/dpa

Exklusiv Temposünden und Falschparken sind in der Regel Ordnungswidrigkeiten, Fahren ohne Fahrschein gilt aber als Straftat. Neue Zahlen heizen die Debatte um eine Reform an.

Manchmal ist es ein Versehen im Tarifdschungel, ein anderes Mal hat man das Ticket zu Hause vergessen, oft jedoch ist Schwarzfahren kalkulierte Absicht: Tausende fahren jeden Tag in Deutschland ohne gültigen Fahrschein mit Bus und und Bahn – und hunderttausendfach muss sich die Justiz jedes Jahr mit Schwarzfahrern beschäftigen.

Allein in Zügen der DB wurden 1,52 Millionen Menschen ohne Ticket erwischt

Erstmals hat jetzt die Bundesregierung detaillierte Zahlen über den Umfang des Problems bei der Bahn vorgelegt: Bei Fahrscheinkontrollen wurden in den Zügen der DB im vergangenen Jahr insgesamt 1,52 Millionen Menschen ohne gültiges Ticket erwischt. Allerdings konnte davon jeder Sechste später seine zu Hause vergessene Fahrkarte vorlegen, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervorgeht. Interessant ist zudem, dass die Zahl der Schwarzfahrer trotz steigender Passagierzahlen deutlich zurückgeht.

Bei den kommunalen Verkehrsbetrieben fahren noch mehr Menschen schwarz

Im Fernverkehr sank sie in den vergangenen fünf Jahren um 20,6 Prozent auf 107.400 Fälle. Im weniger streng kontrollierten Nahverkehr inklusive S-Bahnen ging sie seit 2014 um 12,3 Prozent auf 1,42 Millionen zurück. Insgesamt hatten damit 99,93 Prozent der gut zwei Milliarden Fahrgäste in den Zügen der DB ein gültiges Ticket dabei.

Bahn stellt 200.000 Anzeigen im Jahr: Schwarzfahren entkriminalisieren?

Diese Quote ist deutlich besser als bei kommunalen Verkehrsbetrieben: So erwischen beispielsweise die Berliner Verkehrsbetriebe BVG bei Kontrollen drei Prozent Schwarzfahrer. "Das ist eine Quote, wie man sie auch in zugangskontrollierten Systemen wie Paris oder London erreicht, aber uns entsteht dadurch ein Schaden im zweistelligen Millionenbereich", sagt BVG-Sprecherin Petra Nelken. Gleichwohl setzt sich der Berliner Senat im Bundesrat dafür ein, dass Schwarzfahren nur noch als Ordnungswidrigkeit statt als Straftat gewertet wird, um die Justiz zu entlasten.

Rechnerischen waren 500 Polizisten im Jahr 2018 nur mit Schwarzfahrern beschäftigt

Das fordern auch die Grünen im Bundestag. Auch wenn die Zahl der Schwarzfahrer im Promillebereich liege, stelle allein die DB im Schnitt 200.000 Strafanzeigen jährlich, sagt Grünen-Verkehrsexperte Stefan Gelbhaar. "Das kostet Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichte und Justizvollzug massiv Zeit und Geld – bei nur einer Stunde pro Strafanzeige sind allein 2018 rund 500 Polizisten nur damit beschäftigt gewesen", rechnet der Grüne vor.

"Zudem ist es grotesk, dass Menschen für das Fahren ohne Fahrschein ins Gefängnis wandern können, notorisches Falschparken aber gerade mal ein kleines Bußgeld nach sich zieht", betont Gelbhaar. "Es darf nicht weiter mit Kanonen auf Spatzen gefeuert werden, deshalb muss Schwarzfahren als Ordnungswidrigkeit geahndet werden." Diese könnten zu deutlich geringeren Kosten völlig automatisiert verfolgt und geahndet werden.

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