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Hintergrund

24.03.2020

Chance und Belastungstest: Corona-Krise treibt Digitalisierung voran

Wegen der Corona-Pandemie haben viele Unternehmen auf Homeoffice umgestellt – und Schulen auf digitale Lernplattformen.
Bild: Rainer Berg, dpa

Plus In der Corona-Krise stellen Unternehmen und Schulen auf neue Arbeitsmodelle um. Experten sehen darin eine große Chance. Hält das Internet der Belastung Stand?

Die ganze Welt ist in diesen Tagen ein Ort der Extreme, und doch sticht Frankfurt heraus. Bange Blicke aus ganz Deutschland richten sich in die nördliche Innenstadt, dorthin, wo mit der Börse ein zentraler Schauplatz der großen Coronakrise liegt. Ein Sinnbild des Ausnahmezustands im gesetzten Teil der Main-Metropole. Extrem hat sich das Virus aber auch im angrenzenden, aufstrebenden Ostend-Viertel ausgewirkt: Wegen der Pandemie wurde dort jüngst ein Weltrekord aufgestellt. Er ist ein Hinweis darauf, wie sich die Welt nach Corona verändert haben könnte.

Ein Großteil des deutschen Online-Datenverkehrs fließt über Frankfurt – und dort über De-Cix. Am Abend des 10. März maß der größte Internetknoten der Welt einen Datendurchsatz von über neun Terabit pro Sekunde – das entspricht etwa der Übertragung von zwei Millionen hochauflösenden Videos in der Dauer eines Herzschlags. Ein noch nie dagewesenes Volumen. Doch auch rund um diesen einen Höhepunkt stieg die Datennutzung in den vergangenen Tagen stark an, laut De-Cix um rund zehn Prozent. Ein Grund: die Jahreszeit. Aber der entscheidende Grund: das Coronavirus. Es zwingt die Menschen, zuhause zu bleiben – und viele Unternehmen und Bildungseinrichtungen dazu, auf digitale und dezentrale Arbeitsmodelle umzuschwenken. Eine Chance, ein wenig Sinnstiftendes in all dem Unheil, das das Virus anrichtet?

Digitalisierung: Führt die Corona-Krise zu posttraumatischem Wachstum?

In seinem Buch „Antifragilität“ antwortet der Ökonom und Essayist Nassim Nicholas Taleb auf die Frage, wie man Innovationen anstoßen könne: „Man sollte zusehen, dass man sich in Schwierigkeiten bringt.“ Notlagen führten nicht zwangsläufig zu einem posttraumatischen Stresssyndrom, sondern in einigen Fällen zum exakten Gegenteil: zu posttraumatischem Wachstum. Auf welche – begrenzten – Bereiche dieses Prinzip im Nachgang der Corona-Krise zutrifft, bleibt abzuwarten. Doch dass Deutschland zumindest im Bereich Digitalisierung langfristig von der aktuellen Situation massiv profitieren wird, darauf deutet schon jetzt viel hin.

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Einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom zufolge arbeitet jeder fünfte Berufstätige wegen Corona erstmals im Homeoffice – eine der Umstellungen, die sich laut Gordon Thomas Rohrmair, Präsident der Hochschule Augsburg und IT-Experte, bewähren dürften. „Viele Unternehmen bekommen gerade einen Schubs“, sagt Rohrmair im Gespräch mit unserer Redaktion. „Sie richten Arbeitsprozesse dezentraler und digitaler aus, weil sie ihren Betrieb sonst ganz einstellen müssten. Von diesen Reformen wird innerhalb der Unternehmen viel Positives hängen bleiben – so schlimm die aktuelle Situation insgesamt ist.“

Prof. Gordon Thomas Rohrmair, IT-Experte und Präsident der Hochschule Augsburg.
Bild: Bernd Hohlen

Unternehmen und Schulen stellen auf digitale Arbeitsmodelle um

Wo bisher vielerorts Skepsis gegenüber neuen digitalen Technologien herrschte, hat inzwischen Pragmatismus Einzug gehalten. „Gelernte Methoden, wie etwa ein Event oder eine Besprechung physisch stattfinden zu lassen, funktionieren jetzt nicht mehr“, sagt der Geschäftsführer des Internetwirtschafts-Verbands eco, Alexander Rabe. Er arbeitet derzeit selbst im Homeoffice, laut eigener Aussage ohne Probleme. „Mit digitalen Werkzeugen wie Kollaborationstools und Livestreams können wir aus der Ferne dieselben Inhalte transportieren, für die wir vorher physisch zusammenkommen mussten.“ Das, was ein Flug um die Welt leiste, könne manchmal eben auch eine Videokonferenz leisten. Und so seien auch die meisten anderen Erfahrungen, die Arbeitgeber aktuell mit neueren Technologien machen würden, positiv. „Ich gehe davon aus, dass hier viele Augen geöffnet werden.“ Dies treffe auch auf Behörden zu, die verstärkt auf digitale Angebote setzen sollten.

Das Coronavirus hat viele Schwachstellen offengelegt und ihre Beseitigung immens beschleunigt. Das gilt für Unternehmen, besonders aber für den Bildungsbereich. „Jetzt rächt sich, dass sich in Deutschland bei der Digitalisierung der Schulen so lange nichts richtig bewegt hat“, klagte zu Beginn der Corona-Krise Udo Beckmann, Bundesvorsitzender der Lehrergewerkschaft VBE. Und doch hat sich seitdem Bemerkenswertes getan: Lehrkräfte haben sich angesichts der kurzfristigen Schulschließungen schnell und hemdsärmelig neuorganisiert. Viele Schüler bekommen erstmals Unterrichtsmaterialien auf elektronischem Weg, arbeiten mit Clouds, vertiefen den Stoff mit empfohlenen Online-Videos. Erstmals lernen sie so, wie ein wichtiger Teil ihrer Zukunft sein wird: digital. Auch an Universitäten werden mehr Vorlesungen, Seminare und Kurse per Video-Übertragungen angeboten. Dass sich am Ende keine der neuen Methoden bewähren und den Bildungsalltag langfristig erleichtern wird, ist schwer vorstellbar.

 

Hochschulpräsident Rohrmair erklärt Verbindungsprobleme im Homeoffice

Gerade das Beispiel Schule hat aber auch schonungslos offen gelegt, dass aller Innovationswille nichts hilft, wenn es an der erforderlichen Infrastruktur fehlt. Mebis heißt die Online-Lernplattform des bayerischen Kultusministeriums, über die Lehrer ihre Schüler mit Unterrichtsmaterial versorgen können – theoretisch. Am 16. März, just dem ersten Tag, an dem die bayerischen Schulen wegen des Virus geschlossen waren und viele Schüler von Zuhause aus lernen sollten, brachen die Server der Lernplattform nach einem eigentlich harmlosen Hackerangriff zusammen.

Auch danach war die Plattform oft gar nicht oder nur eingeschränkt nutzbar. Den Grund lieferte Mebis selbst: „Derzeit sind alle vorhandenen Ressourcen ausgelastet.“ Schüler, Lehrer und Eltern waren verärgert.

Überhaupt beklagten sich gerade zu Beginn der Corona-bedingten Dezentralisierung viele Leute aus dem Homeoffice heraus über Verbindungsprobleme. Sollte das Internet der steigenden Belastung etwa nicht gewachsen sein? Nein – die Gründe lagern woanders. Genauer: „An der Schnittstelle zwischen einer Firma oder Organisation und dem Internet“, sagt Hochschul-Präsident Gordon Thomas Rohrmair. „Wenn Sie von zuhause aus arbeiten, müssen Sie eine VPN aufbauen – also einen Kanal, um die Daten verschlüsselt zur Firma zu transferieren. Das kostet viel Rechenleistung auf dem Einwahlknoten in der Firma“, sagt Rohrmair. „Üblicherweise sind die Einwahlknoten nicht auf einen so starken Nutzungsanstieg vorbereitet, und dann kommt es zu Problemen. Das ist wie beim menschlichen Körper: Wenn Sie plötzlich anders trainieren, gibt es einen Muskelkater.“ Oft entstehe dadurch aber der Eindruck, dass etwas mit dem Internet insgesamt nicht stimme.

Mehrbelastung wegen Corona bringt Internet nicht an Kapazitätsgrenzen

Im Vergleich zur „Hauptverkehrszeit“ am Abend liegt die Datennutzung tagsüber momentan bei etwa 50 Prozent – üblich sind laut Internetwirtschafts-Verband eco 25 Prozent. An Kapazitätsgrenzen bringt die stärkere Nutzung das Internet in Deutschland aber nicht. „Die technologische Basis des Internets – die Kapazitäten der Rechenzentren, die Internet-Austauschkapazitäten – ist bei Weitem nicht ausgelastet“, sagt eco-Geschäftsführer Alexander Rabe gegenüber unserer Redaktion. „Außer einer Zerstörung dieser Basis durch Naturkatastrophen oder Krieg gibt es auch kein Szenario, das dazu führen könnte.“

Auf Drängen der EU haben verschiedene Video-Portale jetzt dennoch auf den gestiegenen Datenverkehr reagiert: Youtube, Amazon Prime, Netflix und auch der am Dienstag gestartete Streaming-Dienst Disney Plus drosseln vorübergehend ihre Datenmengen. Mit Facebook schließt sich dem auch das größte soziale Netzwerk der Welt an. Die Betreiber erklärten jeweils, sie wollten die Netze entlasten und Datenstaus verhindern. Nutzer sehen dadurch zwar weiterhin alle Filme, Serien und Clips, nun aber oft nicht mehr hochauflösend. Viel kleiner können Probleme momentan nicht sein.

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