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Interview

15.02.2020

Historiker Martin Sabrow: "Babylon Berlin hat einen Mythos wachgerufen"

Die TV-Serie "Babylon Berlin" spielt in den 1920er Jahren.
Bild: Frederic Batier, dpa

Der Historiker Martin Sabrow spricht über die Zerrissenheit der Goldenen Zwanziger und erklärt, was wir durch den Blick zurück lernen können und was nicht.

Herr Professor Sabrow, viele Menschen haben spezielle Bilder abgespeichert, wenn es um die so-genannten "Goldenen Zwanzigerjahre" geht. Was ist – abseits von Ihrer wissenschaftlichen Arbeit – Ihr erster Impuls, wenn Sie an diese bewegte Dekade denken?

Martin Sabrow: Dass sie aus einer Farbvielfalt besteht. Und dass das, was man heute "golden" nennt, sowohl helle als auch dunkle Töne hatte. Die Goldenen Zwanziger waren ein Zeitalter, das es so eher im Auge des Betrachters als auf dem Boden der Realität gegeben hat. Diese Realität war zerrissen, sie war gespalten in Stadt und Land, Metropole und Provinz, Moderne und Traditionswahrung.

In welcher Zeit hat denn tatsächlich das stattgefunden, was dieses Jahrzehnt letztlich so legendär gemacht hat?

Sabrow: Was wir heute als die Goldenen Zwanziger bezeichnen, reduziert sich eigentlich auf die ökonomisch stabilere Periode von 1924 bis 1929/30. Natürlich kann man auch die wilde Zeit nach der Kriegsniederlage hinzurechnen, in der die deutsche Gesellschaft ihre neue Gestalt zu finden hatte. Aber der Begriff "golden" passt eher auf die fünf Jahre ab der Mitte der Dekade und nicht auf die Anfangsjahre, die von Friedenshoffnung und Gewaltexzessen, von Aufbauplänen und Massenstreiks geprägt waren.

Wie stark ist denn unser Bild beeinflusst von Literatur, expressiver Malerei von Künstlern wie Otto Dix oder Max Beckmann, von Filmen wie jetzt "Babylon Berlin"?

Sabrow: Gerade die Fernsehserie "Babylon Berlin" hat einen Mythos wieder wachgerufen, der gleichzeitig vom 100. Jubiläum befeuert wird. Jubiläen suggerieren uns historische Nähe, obwohl sie in tiefe Vergangenheit zurückführen; das macht ihre Attraktivität aus.

Was macht denn diesen Mythos aus?

Sabrow: Der Mythos lebt von Bildern, die das Aufkommen von Foto und Film lieferte, aber auch die Malerei, das Theater, die Literatur; denken wir nur an Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" oder Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften", an Bertolt Brechts "Dreigroschenoper", an George Grosz’ Zeichnungen zerstörter Menschen. Der Mythos kündet von einer fast schrankenlosen, zügellosen Moderne, vom Experimentieren nach der Erstarrung der Wilhelminischen Zeit und von der Katastrophe des Ersten Weltkrieges. All das passiert allerdings im Wesentlichen nur in der intellektuellen und künstlerischen Avantgarde, nicht unbedingt im Alltagsleben und schon gar nicht außerhalb der Metropolen wie München, Hamburg und allen voran Berlin. Mehr noch: Die Moderne der Zwanzigerjahre rief zugleich Modernitätskritik und erbitterten Widerstand gegen die Massen- und Großstadtkultur hervor.

Haben denn die Menschen damals gespürt, dass sie in einem außergewöhnlichen Jahrzehnt leben?

Sabrow: Der Begriff "Zwanzigerjahre" hat sich natürlich erst nach dieser Dekade ausgeprägt; er setzt sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch. Man muss die Kurzlebigkeit und die Fieberhaftigkeit mitdenken, die schon 1930 mit dem Elend der sozialen und wirtschaftlichen Lage konfrontiert waren und 1933 endgültig erloschen. Erst der Abschluss dieser Epoche, die durch den Nationalsozialismus erstickt und zerstört wird, verleiht dem Ganzen neben dem Aufbruch das tragische Moment des Scheiterns. All das trägt zu diesem Nimbus bei – ohne dass dies den Zeitgenossen bewusst war. Auf der anderen Seite haben die Menschen damals gespürt, dass die Zeit aus den Fugen gerät. Und das erklärt ja auch die Hast und die Rastlosigkeit dieses fieberhaften Aufbruchs.

Historiker Prof. Martin Sabrow ist Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam.
Bild: Joachim Liebe, dpa

Nicht zuletzt die Medien publizieren ja aktuell ein Wiederaufleben der aufgeheizten Atmosphäre von damals förmlich herbei. Nehmen Sie das auch so wahr?

Sabrow: Ja. Dieses Spiel mit einer ein Jahrhundert zurückliegenden Zeit wird von der Hoffnung getrieben, dass der Verweis auf die Vergangenheit uns einen Blick in die Zukunft ermöglicht. Dem gleichen Zweck dient der historische Vergleich mit Weimar, der ebenfalls seit der 100. Wiederkehr der Republikgründung überall beschworen wird. Zugleich nutzen wir die Erinnerung an die Vergangenheit, um eine Sehnsucht nach Geborgenheit zu befriedigen, die früher eher durch den Verweis auf Fortschritt und Zukunft bedient wurde. So war es noch in den 60er und 70er Jahren. Diese Zukunft ist uns heute suspekt geworden, wir verstehen sie vor allem als hoffnungsvolle oder im Zeichen des Klimawandels alarmierende Verlängerung des Heute in das Morgen. Wir fürchten uns vor einer weiteren Verschlechterung der Klimabilanz oder hoffen auf ihre künftige Verbesserung, aber wir tragen nicht mehr die Vision einer grundlegend besseren Zukunft in uns, die uns oder unsere Kinder vom Elend der Gegenwart erlöst. Dafür lieben wir die immer intensivere Beschäftigung mit einer Vergangenheit, die wir nicht zurückwünschen und die uns doch Identität stiftet.

Wie äußert sich das konkret?

Sabrow: Ich denke da zum Beispiel an die vielen und oft so erbitterten geschichtspolitischen Kämpfe unserer Zeit, die etwa um die Restaurierung der Vergangenheit im Stadtbild oder um die Umbenennung von Straßennamen geführt werden. Die Vergangenheit wird in ihnen zum Schauplatz identitätspolitischer Gegenwartskonflikte. Hinzu kommt, dass sich die Bundesrepublik ihrer selbst in erstaunlichem Maße unsicher geworden ist. Wir hatten in den letzten drei, vier Jahrzehnten in Deutschland ein kulturelles Selbstverständnis entwickelt, das auf dem historischen Konsens über eine heillose Vergangenheit fußt, die wir aber ernsthaft verarbeiten und nicht mehr schamhaft verschweigen wollen. Diese Gewissheit ist seit dem Aufstieg des Rechtspopulismus auch und gerade in Deutschland einer bangen Ungewissheit gewichen, die nach Orientierung sucht und sich fragt, ob denn die besondere deutsche Vergangenheit nicht mehr eine besondere deutsche Sensibilität für das Leiden von Verfolgten und Verzweifelten in der Gegenwart sichert.

Was könnte Orientierung bieten?

Sabrow: Eine solche Orientierung bietet eben der historische Vergleich, der in seiner Suggestivkraft dann gleich gerne in die historische Gleichsetzung umschlägt. Das ist allerdings aus fachhistorischer Sicht Unsinn. Geschichte wiederholt sich nicht, und die Vergangenheit bietet auch keine geschichtliche Lektionenfolge, die klare Lehren bereithält. In der überfachlichen Attraktivität des Weimar-Vergleichs steckt die Sorge unserer Zeit, dass sich manche Entwicklungen vielleicht doch wiederholen könnten.

Welche Entwicklungen sind das?

Sabrow: Die Sorge, dass der republikanische Fortschritt aufs Spiel gesetzt wird, dass der Rechtsradikalismus an Boden gewinnt, dass die Demokratie-Akzeptanz sinkt und die Bürger dieses Landes wieder einmal denen folgen könnten, die das Paradies versprechen und in die Hölle führen.

Glauben Sie tatsächlich, dass die düstere Seite der Zwanzigerjahre mit der Zukunftsangst und der mitunter brutalen Rücksichtslosigkeit, mit der politische und gesellschaftliche Konflikte ausgetragen wurden, heute wieder Einzug hält?

Nein, das glaube ich nicht. Eine solche Parallelisierung wäre angesichts der so anders gelagerten Gegenwart bloße Hysterie. Aber auf einer abstrakten Ebene macht der Vergleich doch immerhin bewusst, dass die Richtung der politischen Entwicklung in den Händen der Bürger liegt. Geschichte ist machbar. Sie ereignet sich nicht naturgegeben. Sie ist Veränderungen zugänglich. So hat in den Zwanzigerjahren das bloße Wahlverhalten der Deutschen dazu geführt, dass am Ende der Zweite Weltkrieg stand und etwas, das nicht hätte geschehen dürfen, wie Hannah Arendt einmal schrieb: der von Deutschland ausgegangene Zivilisationsbruch.

Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang die neuen Medien?

Sabrow: Die sozialen Medien ermöglichen eine Form der Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs, die in dieser Breite noch vor wenigen Jahren undenkbar war. Damals entschieden Zeitungsredaktionen, welche Leserbriefe veröffentlicht wurden und welche nicht. Das Internetzeitalter führte zu einer sozialen Selbstermächtigung, die jedermann gleiche Informationschancen und gleiche Äußerungsrechte verlieh, der nur einen PC oder ein Smartphone bedienen kann: Damit erhält jede getwitterte Stammtischparole, jede auf das Display gestammelte Gewaltfantasie eine mediale Wucht, deren reale Stärke kaum abschätzbar ist. Damit umzugehen ist eine Aufgabe, die wir noch nicht richtig beherrschen.

Was sind dann aber die Unterschiede zu Weimar?

Sabrow: Zum einen haben wir viel stabilere wirtschaftliche und soziale Verhältnisse. Wir leben heute in einer weitgehend nivellierten Mittelstandsgesellschaft, wenngleich sich die Schere zwischen Armut und Reichtum mittlerweile stärker geöffnet hat, als dem Allgemeinwohl guttut. Und wir haben längst nicht das Maß an Hoffnungslosigkeit, das die Weimarer Republik in der Wirtschaftskrise 1929 und 1930 kennzeichnete. Auch haben wir es nicht wie damals mit den Folgen einer unverarbeiteten Kriegsniederlage zu tun, die die Zeitgenossen zu Revanche und Revision anstachelte. In der Bundesrepublik gibt es eine demokratische Mitte, die sehr breit ist.

Aber erleben wir nicht ein Erstarken der AfD, des aggressiven Rechtspopulismus samt antisemitischen Tendenzen?

Sabrow: Ja, und unser gemeinsames Unbehagen über diese Entwicklung grundiert auch dieses Gespräch. Im Unterschied zu Weimar aber fehlt dem heutigen Rechtspopulismus ganz augenfällig jedes messianische Element, jede Gläubigkeit an einen Erlöser, der Hoffnung spendet und Massen bindet. Die Programmatik des Rechtspopulismus beschränkt sich im Kern auf die Provokation des Establishments der demokratischen Mitte. Er lebt von der Empörung, die sein Angriff auf die Werte der Mehrheitsgesellschaft erzeugen kann, und seine Anhängerschaft lässt sich von keiner personellen oder politischen Kehrtwendung beeindrucken, wie die Geschichte der sich immer wieder häutenden AfD eindrucksvoll belegt.

Allerdings wird der Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke von vielen als ähnliches Fanal verstanden wie das tödliche Attentat von 1922 auf den damaligen Außenminister Walther Rathenau. Geht Ihnen das zu weit?

Sabrow: Tatsächlich hat der politische Mord in Deutschland eine lange Tradition. Insofern lässt sich der Mord an Lübcke natürlich auch mit dem Mord an Rathenau in Beziehung setzen. Schauen wir aber genauer hin, dann entsprang die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke nach bisherigem Ermittlungsstand dem isolierten Handeln eines oder mehrerer rechtsextremer Wirrköpfe, während das Attentat von 1922 – wie auch der Mord an Matthias Erzberger im Jahr zuvor – Teil einer breit angelegten und kühl kalkulierten Strategie war, die Deutschland in den Bürgerkrieg zu stürzen hoffte, um die Reichswehr anders als beim Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 auf die Seite der Republikfeinde zu ziehen.

Heute wird mit Blick auf die Vielzahl von Flüchtlingen, die seit 2015 nach Deutschland kamen, von einer wachsenden Angst vor dem Fremden gesprochen. Gab es etwas Vergleichbares vor 100 Jahren?

Sabrow: Natürlich. Xenophobie ist ein Bestandteil des fortschrittsfeindlichen Weltbildes seit der Neuzeit. Er richtete sich nach dem Ersten Weltkrieg über den gesellschaftlich verankerten Antisemitismus hinaus gegen die nach den Pogromen in Russland aus Osteuropa zuwandernden sogenannten Ostjuden. Das Feindbild des "Kaftanjuden" schürte den allgemeinen Antisemitismus weiter, dem die arrivierte jüdische Bevölkerung gerade deswegen so ohnmächtig und hilflos gegenüberstand, weil sie sich bis zum Ersten Weltkrieg so weitgehend integriert fühlte.

Wäre es nicht sinnvoller, sich mit Verve den großen Herausforderungen wie Globalisierung oder Digitalisierung zu stellen, anstatt wie hypnotisiert auf die 1920er Jahre zurückzublicken?

Sabrow: "Alles Alte, so weit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben", heißt es in Fontanes "Stechlin". Das sehe ich genauso. Der Blick in die Vergangenheit dient zur Orientierung, er kann dazu beitragen, dass wir uns auf dem Weg in die Zukunft zurechtfinden, aber er kann uns diesen Weg nicht vorzeichnen. Diese Hilfestellung kann die Historie geben – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Zur Person: Martin Sabrow, 65, ist Historiker. Er lehrt als Professor an der Berliner Humboldt-Universität. Außerdem fungiert er als Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

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