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Interview
14.07.2021

Intensivmediziner-Präsident Marx erklärt die Risiken der vierten Welle

„Eine Aufhebung aller Maßnahmen ist aus medizinischer Sicht nicht nachvollziehbar“ warnt Intensivmediziner-Präsident Gernot Marx.
Foto: Ralph Sondermann, Imago

Exklusiv DIVI-Präsident Gernot Marx spricht über die Pandemie im Herbst, die Kritik an den Warnungen der Intensivmediziner und die Lehren der Kliniken aus Corona.

Herr Professor Marx, wie ist momentan die Lage auf den Intensivstationen?

Gernot Marx: Wir haben im Moment noch etwa 400 Intensivpatienten mit Covid-19 in ganz Deutschland zu betreuen. Die Zahl ist in den vergangenen Wochen stark zurückgegangen. Diese Patienten sind in aller Regel noch aus der dritten Welle bei uns. Zum Teil müssen wir sie zwei oder drei Monate lang auf Intensivstationen betreuen. Wir hoffen, dass wir viele am Ende in Reha-Kliniken verlegen können, aber einige werden leider nicht überleben. Die bisherigen Analysen deuten darauf hin, dass nach wie vor jeder zweite Beatmungsintensivpatient stirbt. Covid-19 ist eine ausgesprochen lebensbedrohliche Erkrankung.

Erleben Sie dennoch eine Entspannung auf den Intensivstationen? Oder werden aufgeschobene Operationen nachgeholt, nachdem durch Corona-Patienten belegte Betten nun frei wurden?

Marx: Entspannung ist ein Begriff, der nicht wirklich zur Intensivmedizin passt. Wir behandeln wie immer andere Akut-Patienten und versuchen gerade möglichst viele aufgeschobene Operationen nachzuholen. Die Betten sind jetzt nicht leer.

DIVI-Präsident: Grippe-Zitat aus dem Zusammenhang gerissen

Sie haben vergangene Woche Schlagzeilen ausgelöst, als Sie erklärten, trotz der Delta-Variante könnte Corona für die Kliniken künftig kein größeres Problem werden als die Grippe im Herbst. Ist die Lage durch die Impfungen tatsächlich harmloser geworden?

Marx: Dieses Zitat mit der Grippe ist leider ein bisschen aus dem Zusammenhang gerissen worden. Bei der Antwort ging es um die Frage, was wird aus Corona, wenn die Pandemie eines Tages vorbei ist. Auch dann wird das Virus nicht völlig verschwinden, aber wir sehen jedes Jahr auch Influenza-Patienten, die zum Teil sehr schwer erkranken. Aber die Pandemie ist nicht vorbei. Wir können nicht ausschließen, dass es im Herbst oder Winter wieder schlimm werden könnte. Aber wie die vierte Welle aussehen wird, das haben wir alle jetzt selbst in der Hand. Im Moment ist die Inzidenz niedrig, nun muss man schauen, dass der sogenannte R-Wert, also die Zahl, wie viele andere Menschen ein Infizierter ansteckt, niedrig bleibt.

Millionen Bundesbürger noch nicht geimpft

Momentan steigt dieser Wert und damit auch die Infektionen ...

Marx: Wenn es wieder exponentielles Wachstum gibt, haben wir noch Zeit, zu reagieren. Dann muss man überlegen, welche Maßnahmen sinnvoll sind. Nicht gut ist, dass die Delta-Variante sehr infektiös ist. Wir sehen in Großbritannien, dass es trotz hoher Infektionszahlen momentan nicht viele Schwerkranke gibt. Aber in Deutschland haben wir noch Millionen von Bürgerinnen und Bürgern, die nicht geimpft sind. Deshalb müssen wir aufpassen, dass wir nicht wieder viele Schwerkranke bekommen. Wir sollten weiter vorsichtig und vernünftig sein. Wir müssen Respekt vor dem Virus haben, in den Innenräumen weiter Maske tragen, Hygienemaßnahmen beachten und weiter viel testen. Dann werden wir auch gut durch den Herbst und Winter kommen. Aber wir dürfen jetzt auf keinen Fall so tun, als wenn die Pandemie schon bewältigt wäre.

Werden sich die Infektionszahlen und die Zahlen der Klinik-Einweisungen entkoppeln durch die Impfungen?

Marx: Diese Hoffnung besteht, aber genau wissen wir es noch nicht. Wir haben in der dritten Welle dank der Impfungen kaum noch Patienten über 80 Jahre gesehen. Wir hatten beim Krankenhauspersonal in der zweiten Welle viele Infektionen, in der dritten nicht mehr. Inzwischen gibt es sehr viel Impfstoff. Jetzt kommt es darauf an, diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer zögern, gut zu informieren und aufzuklären. Die Gefahr ist nach wie vor groß, sich anzustecken und schwer zu erkranken oder das Long-Covid-Syndrom zu bekommen. Das lässt sich sehr wirksam verhindern, indem man sich komplett impfen lässt und viele Menschen dazu motiviert.

Intensivmediziner gegen Aufhebung aller Corona-Maßnahmen

Inzwischen hat Großbritannien die Maßnahmen sehr stark gelockert, in Deutschland stellen manche Politiker die Maskenpflicht zur Debatte. Sind wir für solche Lockerungen denn bald schon bereit?

Marx: Eine Aufhebung aller Maßnahmen ist aus medizinischer Sicht nicht nachvollziehbar. Damit entstünde ein unkalkulierbares Risiko massenhaft völlig unnötiger Infektionen und letztendlich zum Teil auch schwerer Verläufe. Corona bleibt gefährlich: In Deutschland sind über 90.000 Menschen gestorben. Das hat nicht nur für die Verstorbenen, sondern auch über ihre Familien und Freunde viel Leid gebracht. Es gibt überhaupt keinen Grund, jetzt nachlässig mit der Pandemie zu werden.

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In manchen Ländern steigen die Krankenhauszahlen, in Großbritannien mit seiner hohen Impfrate, bislang kaum. Wie soll man die Gefahr messen?

Marx: Wir werden in Zukunft wahrscheinlich verschiedene Messinstrumente kombinieren. Die Sieben-Tage-Inzidenz, die Schwerpunkte des Ausbruchsgeschehens, wichtig bleibt der R-Wert und natürlich die Neuaufnahmen in den Krankenhäusern und vor allem auf den Intensivstationen. Wenn wir all diese Daten sehr sorgfältig verfolgen, erkennen wir, wann der Zeitpunkt gekommen ist, um gegebenenfalls wieder Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Dass derzeit in Großbritannien weniger Infizierte schwer erkranken ist sehr positiv. Aber wenn die Zahl der Infizierten insgesamt sehr stark wächst und alle Maßnahmen fallen gelassen werden, ist die Gefahr groß, dass es wieder eine hohe absolute Zahl von Schwerkranken geben wird.

DIVI-Präsident weist Vorwurf der Panikmache zurück

Ihnen wurde oft Panikmache und Alarmismus vorgeworfen, nachdem es immer freie Reserven auf den Intensivstationen gab. Haben Sie übertrieben?

Marx: Wir haben immer wissenschaftlich fundiert und datenbasiert gewarnt. Unsere Prognosen waren auch im Nachhinein sehr genau. Auf dieser Grundlage sind dann Maßnahmen politisch entschieden worden. Das hat dazu geführt, dass unsere Worst-Case-Szenarien Gott sei Dank nicht eingetroffen sind. Darüber sind wir sehr froh. Aber wir mussten Patienten über hunderte von Kilometern verlegen. Wir konnten verhindern, dass das überhand- nahm oder wir tatsächlich in Richtung Kollaps steuerten. Ich würde es deshalb genauso wieder machen. Es muss nicht erst zur Katastrophe kommen, bevor man reagiert. Medizinern geht es immer auch um Prävention. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist Deutschland einigermaßen gut durch die Pandemie gekommen.

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Wie sehr waren denn die Intensivstationen am Limit?

Marx: Wir kamen sowohl in der zweiten als auch in der dritten Welle an unsere Grenzen. Das war aber regional sehr unterschiedlich. Die meisten unserer Kritiker kommen aus Regionen, wo es nicht so dramatisch wurde. Aber wir hatten mit dem DIVI-Intensivregister den bundesweiten Überblick über die Lage auf den Intensivstationen und haben entsprechend unsere Warnungen abgeben. Wenn man warnt und sich entsprechend verhält, passiert oft nichts Schlimmes. Dann gibt es aber immer Stimmen, die die Warnungen im Nachhinein für übertrieben halten. Das muss man aushalten. Und das ist bei weitem besser aushaltbar, als wenn wir unsere Patienten nicht mehr gut hätten versorgen können.

Kliniken machten mit Digitalisierung in Pandemie gute Erfahrungen

Was sind für Sie die wichtigsten Lehren für die Kliniken aus der Pandemie?

Marx: Für uns waren die Digitalisierung und die Vernetzung die beiden wichtigsten positiven Lehren aus dieser Krise. Als Intensivmediziner haben wir in der Pandemie große Vorteile der Digitalisierung erlebt. Das DIVI-Intensivregister hat sich als große Hilfe erwiesen, die vorhandenen Ressourcen an Intensivplätzen gut zu steuern. Die Vernetzung hat uns auch geholfen die Patientenversorgung zu verbessern.

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Welche Vorteile haben die Patienten?

Marx: Wir haben zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen die Unikliniken Aachen und Münster mit über hundert Krankenhäusern als virtuelles Krankenhaus NRW verbunden, um gemeinsam die Covid-19- Patienten zu behandeln und Verlegungen zu vermeiden. Das sollten wir auch nach der Pandemie ausbauen. Über solche Zentren in einem intensivmedizinischen digital-gestützten Versorgungsnetzwerk, den IDV-Zentren, können Kliniken in der Region gemeinsam mit anderen Häusern mit geballter gemeinsamer Kompetenz Patienten behandeln. Wir zählen auch ohne Corona mehr als zwei Millionen Intensivpatienten jedes Jahr in Deutschland. Wir könnten mit solchen Zentren 24-Stunden-Tele-Intensivmedizin und universitäre Expertise allen Klinken in der Fläche zur Verfügung stellen. Man kann um halb zwei Uhr nachts über das Webportal anklopfen und gemeinsam den besten Diagnose- und Behandlungsweg finden. Es geht darum, dass die Patienten die optimale Versorgung und Therapie zeit- und wohnortnah erhalten können.

Intensivmediziner kritisieren Politik für Untätigkeit bei Pflege

Ist aber nicht die Lehre der Pandemie, dass es für Klinken immer schwieriger wird, vor allem in der Pflege Personal für die optimale Versorgung zu finden?

Marx: Wir weisen als DIVI seit langem auf dieses Problem hin. Die Situation hat sich nicht geändert. Von der hohen Belastung sind alle Berufsgruppen betroffen, die Pflege, aber auch die Ärzte. Und richtig, die Pandemie hat das Problem noch einmal verschärft und sehr sichtbar gemacht. Wir haben in der Pandemie oft erlebt, dass zwar technische Kapazitäten vorhanden sind, aber diese mangels Personal nicht genutzt werden konnten. Wir müssen diese Berufe wieder attraktiver machen.

 

Was schlagen Sie vor?

Marx: Da geht es erst einmal um akzeptable Arbeitsbedingungen und Unterstützung. Aber man muss auch Bürokratie reduzieren, damit mehr Zeit für Patienten da ist. Wir müssen mehr berufliche Perspektiven schaffen. Konkrete Vorschläge haben wir in der DIVI gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste bereits im März veröffentlicht. Mitte Juni haben sich 17 weitere Fachgesellschaften, Kammern und Berufsverbände der Medizin und Pflege angeschlossen. Trotzdem fehlt es weiterhin an der konkreten politischen Umsetzung! Denn bislang verdienen Pflegekräfte nach einer Weiterbildung nur geringfügig mehr als zuvor. Auch steuerfreie Zuschläge für Nachtarbeit, Sonn- und Feiertage sollten attraktiver werden. Und es geht um das Umfeld, etwa dass Kita-Plätze von früh morgens bis in die Spätschicht zur Verfügung stehen. Wir brauchen also eine Menge konkreter Maßnahmen, um die Menschen auch nach der Pandemie in diesen wichtigen Berufen zu halten. Sonst werden wir sie verlieren!

Zur Person: Gernot Marx, 55, ist Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin an der Uni Aachen und Präsident der Intensivmediziner-Vereinigung DIVI.

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