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Afghanistan zeigt: Die amerikanische Weltmacht gibt es nicht mehr

Kommentar Von Gregor Peter Schmitz
16.08.2021

Der Fall von Kabul wird nicht nur als Scheitern des Westens in die Geschichtsbücher eingehen – wir können uns auch auf Amerika nicht mehr verlassen.

Es gibt diesen Satz, der immer fiel in Debatten zu Afghanistan. Er geht so: Der Westen, der hätte die Uhren. Aber die Taliban, die hätten die Zeit. An dem Satz war vieles richtig, dennoch ist er gerade als falsch widerlegt worden: Die Taliban hatten nicht nur immer mehr Zeit als der Westen. Sie wissen offenbar auch ganz genau auf die Uhr zu schauen.

Fast auf den Tag genau 20 Jahre nach den furchtbaren Terroranschlägen vom 11. September 2001 – die den „Krieg gegen den Terror“ auslösten – überrennen die Taliban ihr Land, das afghanische Kartenhaus bricht zusammen. Zum Jahrestag der Anschläge könnte die US-Botschaft in Kabul brennen,Taliban durch die Straßen paradieren, vielleicht Helfern der Amerikaner – und der Deutschen – die Kehle durchschneiden, Mädchen aus den Schulen zerren, sich berauschen am erbeuteten Kriegsgerät, bis hin zu hochmodernen Drohnen. Die Amerikaner hofften, die Tötung von Osama Bin Laden werde als Bild der zwei Kriegs-Jahrzehnte in Erinnerung bleiben. Weit eher aber werden die aktuellen Bilder aus Kabul unsere Erinnerung prägen.

Das Scheitern in Afghanistan ist nicht mit dem in Vietnam zu vergleichen

Vieles wird dazu nun gesagt, geschrieben, geklagt. Das allermeiste davon ist heuchlerisch. Afghanistan ist noch nicht einmal mit Vietnam zu vergleichen. Dort haben die Medien, gerade die amerikanischen, ganz genau hingeguckt, sie lieferten das Grauen ins heimische Wohnzimmer, auch deswegen scheiterten die Amerikaner. In Afghanistan hat schon lange keiner mehr hingeschaut. Deutsche Medien leisteten sich dort kaum Korrespondenten. Offenbar haben nicht mal deutsche Diplomaten mehr hingesehen, immerhin hat unser Außenminister vor kurzem im Bundestag noch eine baldige Herrschaft der Taliban so gut wie ausgeschlossen.

Auf diesem vom Weißen Haus veröffentlichten Foto trifft sich US-Präsident Joe Biden virtuell mit seinem nationalen Sicherheitsteam zu einem Briefing über Afghanistan in Camp David.
Foto: The White House via AP, dpa

Was zu Vietnam ähnlich ist: Der Krieg ging in den Köpfen verloren. Die Amerikaner mussten einst erkennen, dass der Vietcong selbst in den von ihnen beherrschten Landesteilen große Unterstützung genoss. Nun wurde die afghanische Armee mit vielen Milliarden aufgepäppelt, aber bis zuletzt kämpfte sie höchstens halbherzig für die Befreiung von den Taliban, sondern vertraute massiv etwa auf US-Unterstützung aus der Luft. Das lag auch daran, dass die Afghanen eins im Zweifel immer wussten: das westliche Interesse würde erlahmen. Die Amerikaner zogen früh von Afghanistan nach Irak weiter, um angebliche Massenvernichtungswaffen aufzuspüren. Der Aufbau eines Staatswesens, das berühmte „nation building“, blieb aus ihrer Sicht eher ein deutsches Hobby. Spätestens als eine massive Truppenaufstockung ihre Wirkung verfehlte, erlahmte ihr Interesse. Zwar starben zuletzt nur noch wenige US-Soldaten dort, aber die ewigen Kriege haben Amerika zutiefst ermüdet. Donald Trump, der angebliche „Master of the Deal“, schloss mit den Taliban einen absurden Rückzugsdeal, der ihnen kaum etwas abverlangte.

Für Joe Biden macht es Sinn, sich an diesen Deal zu halten. Natürlich hätte er Kerntruppen belassen und so zumindest ein Patt aufrechterhalten können, gerade wenn sich nach dem Sommer die Taliban in die Berge zurückgezogen hätten.

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Umfragen zeigen: Den USA ist Afghanistan egal geworden

Aber wozu, wird er denken? Umfragen zeigen, dass vielen Amerikanern das Land egal geworden ist. Für sie zählt nun die Heimatfront, Jobs, Infrastruktur, vielleicht klare Kante gegen China. Aber der Preis ist hoch: Biden hat gezeigt, dass auf seinen außenpolitischen „Neuanfang“ kein Verlass ist. Das haben viele geahnt, weil ja auch die Rückkehr von Trump bzw. dessen Ideen stets droht. Aber nun ist klarer: Die amerikanische Weltmacht, die wir kannten, gibt es nicht mehr. Das gilt für Afghanistan, aber sicher auch für andere Konflikte. Nur: Was kommt dann? Und wer?

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

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Die Diskussion ist geschlossen.

17.08.2021

Wahrscheinlich war der kampflose Rückzug der afghanischen Marionetten Regierung besser als ein blutiger Bürgerkrieg mit vielen Toten.

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16.08.2021

>> Der Fall von Kabul ... <<

Das war eine kampflose Übergabe.

>> Die amerikanische Weltmacht, die wir kannten, gibt es nicht mehr. <<

Militärisch gibt es diese weiterhin uneingeschränkt - nur nicht zum Nulltarif für die Wünsche einer linksbunten europäischen Elite, die stets jede UN-Konvention beachtet wissen will und vor einem Rettungseinsatz auch noch einen Bundestagsbeschluss braucht.

>> Biden hat gezeigt, dass auf seinen außenpolitischen „Neuanfang“ kein Verlass ist. <<

Natürlich gibt es einen Neuanfang - die deutsch-russische Freundschaft hat Nordstream 2 bekommen. Nur wird es eben kein Blut von US-Soldaten für naive EU-Politik geben, die Gesellschaften des politischen Islams noch immer unter Religionsfreiheit abhaken. Das hatten wir doch schon mit dem iranischen Atomprogramm erlebt.

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16.08.2021

@Wolfgang B.
Sie sind der (T)rDump-Held und finden Nixon anscheinend auch noch toll.

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16.08.2021

@ Rainer Kraus ,
Erneuter Unsinn den Sie Scheiben!

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16.08.2021

Hoch gefährlich, wenn es an Mr. Biden & Co. liegen würde, dass die Amis zum Demo-Graddler geworden sind?

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16.08.2021

Mal wieder was Neues vom krauseligen Worte-Grattler.

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16.08.2021

Natürlich gibt es die amerikanische Weltmacht noch. Ein Blick auf Personal und Material reicht. Das heißt aber noch lange nicht, daß sie auch der Weltpolizist ist und überall mitmischen will/muß. Es ist gut, daß in den USA ein Umdenken, beginnend bei Trump, stattgefunden hat.

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16.08.2021

Trump hat die USA zugrunde gerichtet und unglaubwürdig gemacht.
Das ist also das Resultat von seinem Vertrag mit der Taliban
die Taliban erfüllt also genauso die Verträge wie sie Trump erfüllt -also war alles bereits absehbar
Arme USA

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16.08.2021

Bei Trump?
Die USA hat Dank Trump ihre Stellung in der Welt verloren. Ich will nicht fragen in welche politische Fraktion sie gehören

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16.08.2021

Die USA sind unter der Republikaner Bush ohne Konzept vor 20 Jahren rein. Und der Republikaner Trump hat den Abzug ohne Konzept begonnen. Wae doch ein ganz grosses Wahlversprechen von ihm.
Das die afghanischen Sicherheitskräfte nicht ihren Kopf für eine korrupte Regierung hinhalten dürfte doch klar gewesen sein.

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17.08.2021

Die USA hat durch Trump verloren? Auch während seiner Zeit war die USA militärisch, ökonomisch ... die #1.

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