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Bosnien-Herzegowina

10.07.2020

Kriegsverbrechen: Kann sich das Massaker von Srebrenica wiederholen?

In einem Wald von Gräbern: Eine Muslimin sucht ihre Angehörigen.
Bild: Amel Emric, dpa

Das Massaker in Bosnien-Herzegowina gilt als schlimmstes Kriegsverbrechen in Europa seit 1945. Nie wieder, hieß es danach. Ein Wissenschaftler zieht jedoch eine bittere Bilanz.

Der Zerfall Jugoslawiens, die blutigen Folgekriege und schließlich das Massaker von Srebrenica, das sich in diesen Tagen zum 25. Mal jährt – eine Kette politischer Dramen und humanitärer Katastrophen, die im internationalen Gedächtnis langsam zu verblassen drohten. Es war eine Entscheidung des Nobelpreiskomitees, die den so blutigen wie komplizierten Konflikt unverhofft zurück auf die Weltbühne brachte. Als der österreichische Autor Peter Handke im Dezember 2019 den Nobelpreis für Literatur entgegennahm, zeigte sich, wie tief und offen die Wunden, die der Krieg gerissen hat, nach wie vor sind. Die Bilder von den wütenden Protesten in Stockholm und vor allem in Bosnien-Herzegowina gegen die Auszeichnung des Schriftstellers, der auf Grund seiner pro-serbischen Haltung heftig umstritten ist, gingen um die Welt.

Die Schrunden und Verwerfungen, die Gräben zwischen Opfern und Tätern, die sich wechselseitig als Täter und Opfer sehen, sind tief. Die Grenzen sind fließend: „Es gibt beides: Eine große kulturelle Verbundenheit unter den Menschen in den Balkan-Staaten, aber auch einen unglaublich starken Nationalismus, der – wie in Serbien – auch gepflegt wird“, sagt der Professor für internationale Politik an der Universität Passau, Bernhard Stahl, unserer Redaktion im Gespräch. Und es gibt natürlich unermessliches Leid, das Familien zerstört hat und bis heute nachwirkt. Das Massaker im ehemaligen Kurbad Srebrenica mit rund 8300 Opfern gilt als größtes Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Blutbad versetzte dem Glauben, dass sich solche Kriegsverbrechen nach dem Ende des Kalten Krieges in Europa nicht mehr wiederholen könnten, einen Todesstoß. Die Ereignisse waren medial allgegenwärtig. „Damals wurde über die Ereignisse auf dem Balkan im Fernsehen viel ausführlicher berichtet als heute aus Syrien“, erinnert sich Stahl, der einige Zeit in Serbien lebte und arbeitete.

Die bosnischen Serben wollten einen Staat nur für Serben schaffen

Wie konnte es soweit kommen? Der Untergang Jugoslawiens war auf allen Seiten von Hass und Konflikten begleitet. Nicht nur Serben und Kroaten, auch Slowenen, Bosnier, Mazedonier und Kosovaren wollten sich einen möglichst großen Anteil an der Konkursmasse sichern. Ab 1992 sprachen die Waffen. Verschiedene regionale, zum Teil mit äußerster Brutalität geführte Kriege, erschütterten den Balkan. Dann kam der Juli 1995: Obgleich Srebrenica im Osten Bosnien-Herzegowinas in einer von den UN ausgewiesenen Schutzzone lag, wurde um die Stadt gekämpft. Das war besonders brisant, weil dort mehr als 50.000 Einwohner, Flüchtlinge und Kämpfer unter katastrophalen Verhältnissen ausharrten.

Bild: AZ Infografik

Bosnische Milizen feuerten zunächst aus der Stadt heraus auf serbische Stellungen. Dies nahmen der Kommandeur der serbischen Truppen, Ratko Mladic, und der berüchtigte politische Führer, Radovan Karadzic, zum Anlass, Vergeltung zu üben. Sie taten dies mit berechnender Kühle: Denn während europäische Vermittler und Emissäre der USA und Russland über einen Friedensvertrag verhandelten, sahen die bosnischen Serben in dem Konflikt um Srebrenica die Chance, Fakten zu schaffen. Sie wollten einen Staat in Bosnien schaffen, in dem nur Serben eine Heimat haben. Im Wege waren diesen Plänen die Muslime, die dort lebten. Um den 9.Juli herum brachten die Serben die Stadt unter ihre Kontrolle. Die niederländischen Blauhelmtruppen sahen das Unheil kommen: Vergeblich forderte Kommandeur Thomas Karremans Luftunterstützung durch Nato-Verbände an. Heute wirft man den Niederländern vor, dem Massaker tatenlos zugesehen zu haben. Das ärgert Stahl: „Die Kritik ist wohlfeil und unfair. Gerade wenn sie aus Deutschland, das gar keine Soldaten zur Verfügung gestellt hat, kommt. Die Niederländer hatten militärisch keine Chance, die Serben zu stoppen.“

In Syrien passieren heute ähnliche Dinge wie damals in Jugoslawien

Mehr als 23.000 Bosnier, überwiegend Muslime, suchten Schutz im nahen Ort Potocari. Doch das war eine tödliche Sackgasse. Ermittlungen ergaben, dass am späten Abend des 11. Juli die Entscheidung fiel, männliche Bosnier jeden Alters zu ermorden. Unvergessen ist der Auftritt von Mladic, der den Flüchtlingen versicherte: „Habt keine Angst, keiner wird euch was tun.“ Die grausame Realität war, dass in den Tagen danach eine Welle systematischer Liquidationen einsetzte. Was aber hat die Völkergemeinschaft aus diesem beispiellosen Verbrechen gelernt? Erst einmal sehr viel, sagt Bernhard Stahl: „Es gab sehr positive Lernprozesse: Wir haben politische Lernfähigkeit im Kosovo-Krieg 1999, der früh beendet werden konnte, gesehen. Wir haben auf der rechtlich-politischen Seite mit der Schutzverantwortung neue internationale Normen in den Vereinten Nationen entwickelt und wir haben mit dem Jugoslawientribunal und in der Folge mit dem Internationalen Strafgerichtshof 2002 neue Instrumente bekommen.“

Auch wenn einige der schlimmsten Verbrecher, wie Mladic und Karadzic, vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verurteilt wurden – der Optimismus, dass es heute Werkzeuge gibt, um Despoten, Hetzern und Kriegsverbrechern in den Arm zu fallen, ist Stahl abhandengekommen. „Mit Blick auf die letzten zehn Jahre müssen wir leider feststellen, dass all diese hoffnungsvollen Prozesse abgebrochen sind. Heute passieren in Syrien ähnliche Dinge wie damals in Jugoslawien, ohne dass der Westen entschlossen eingreift.“ Nach Jugoslawien habe man immerhin noch Blauhelme geschickt, in Syrien ziehen sich mutige Einheimische, die Opfer von Luftangriffen aus den rauchenden Trümmern zerren, weiße Helme auf.

Das Fazit des Wissenschaftlers fällt bitter aus: „Man könnte auch ganz zynisch sagen: Wir warten auf den nächsten Völkermord und dann schauen wir mal, ob wir wieder etwas lernen.“

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