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Katholische Kirche

15.10.2020

Missbrauchsskandale: Müssen nun Bischöfe zurücktreten?

Fast elf Jahre nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals hat die Aufarbeitung hohe Amtsträger erreicht.
Bild: Arne Dedert, dpa

Plus Geistliche werden schwer belastet. Ein Kirchenrechtler spricht von "Götterdämmerung". Ein Missbrauchsopfer legt Hamburgs Erzbischof Heße den Rücktritt nahe.

Es hört nicht auf. Der Missbrauch nicht und auch das Misstrauen. Und auch nicht, dass diese eine Frage gestellt wird, immer hartnäckiger. Von Missbrauchsopfern, Journalisten oder Menschen, für die die katholische Kirche jegliche Glaubwürdigkeit verloren hat. Die Frage lautet: Muss nicht endlich einmal ein Bischof zurücktreten, um Verantwortung für den Missbrauchsskandal zu übernehmen?

Es war vor zwei Jahren in Fulda. Die deutschen Bischöfe hatten eine groß angelegte Missbrauchsstudie, die „MHG-Studie“, bei unabhängigen Forschern in Auftrag gegeben, nun stellten sie sie vor. Der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Kardinal Reinhard Marx, sagte sichtlich betroffen: „Ich empfinde Scham für das Wegschauen von vielen, die nicht wahrhaben wollten, was geschehen ist und die sich nicht um die Opfer gesorgt haben. Das gilt auch für mich.“

Nach 95 Minuten – „letzte Frage“, sagte der Sprecher der Bischofskonferenz – fragte eine Journalistin: „Hier sind jetzt über 60 Bischöfe versammelt. Gab es einen oder zwei, die im Zuge ihrer Beratungen gesagt hätten: Ich habe so viel persönliche Schuld auf mich geladen, ich kann eigentlich diese Verantwortung des Amtes nicht mehr tragen?“ Marx, bekannt für seine Wortgewalt, antwortete: „Nein.“ Kein Wort mehr.

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Bischöfe weichen der Frage nach einem Rücktritt aus oder werden einsilbig

Zwei Jahre später weichen Bischöfe nach wie vor der Frage aus oder fühlen sich angegriffen. Doch sie verschwindet nicht. Mit ihrem kürzlich, wieder in Fulda getroffenen Beschluss, Missbrauchsopfern von Januar an bis zu 50.000 Euro „in Anerkennung des Leids“ zahlen zu wollen, sind die Bischöfe einen Schritt vorangekommen. Das Ringen um die Nennung von Verantwortlichen und um die Deutungshoheit dauert dennoch vor und hinter den Kulissen an, gleich an mehreren Schauplätzen in Deutschland.

Fast elf Jahre nach Bekanntwerden von Missbrauchsfällen am Berliner Canisius-Kolleg ist längst nicht alles aufgearbeitet. Erst vor eineinhalb Wochen stellte der Regensburger Anwalt Ulrich Weber einen Zwischenbericht vor, den er für das Bistum Mainz als unabhängiger Ermittler verfasste. Weber untersuchte bereits den Missbrauch bei den weltberühmten Domspatzen. Für das Bistum Mainz geht er – vorläufiger Stand – von 422 Betroffenen und 273 mutmaßlichen Tätern aus, und damit von deutlich mehr als die Autoren der MHG-Studie.

Früheren Bistumsleitungen, die verstorbenen Bischöfe Hermann Volk und Karl Lehmann eingeschlossen, bescheinigte er ein „Fehlverhalten“. Eine häufige Reaktion auf Missbrauchsfälle sei die Versetzung in eine andere Pfarrei gewesen, und das sei „über den Tisch des Bischofs“ gegangen. Weber sprach von geringen Sanktionen für Täter, Schweigegeboten und einer systematischen Verschleierung.

Auch in den für die Erzbistümer Köln und München angekündigten Studien der Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl sollen in absehbarer Zeit Verantwortliche genannt werden. Bei der MHG-Studie hatten die Bischöfe das den Forschern untersagt. Als sich der damalige Augsburger Bischof Konrad Zdarsa 2018 zu den Ergebnissen für sein Bistum äußerte, erklärte er lediglich, die „Zuständigen auf verschiedenen Ebenen“ hätten „bisweilen nicht mit dem gebotenen Verantwortungsbewusstsein“ kriminelle Handlungen geahndet. Ob er auch seine Vorgänger meinte, wollte er nicht sagen – genauso wenig beantwortete er die Frage, ob er Verantwortung für das Versagen dieser „Zuständigen“ übernehme.

In der Kölner Missbrauchsstudie dürfte auch der Name des früheren Kardinals Meisner genannt werden

In Köln dürfte bei der Nennung von Verantwortlichen unter anderem der Name des 2017 gestorbenen Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner fallen, in München der Joseph Ratzingers, des inzwischen hochbetagten emeritierten Papstes Benedikt XVI. Ratzinger war von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising. Ihm wird vorgeworfen, zumindest indirekt daran beteiligt gewesen zu sein oder es gebilligt zu haben, beschuldigte Priester weiter eingesetzt zu haben.

Die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals ist endgültig bei den Verantwortlichen angekommen – bei von vielen Katholiken geschätzten progressiven wie konservativen Kirchenmännern, die hohe und höchste Ämter begleiteten. Ihr öffentliches Bild wird enormen Schaden nehmen. Wie es bereits im Falle Meisners geschehen ist, der 2015 in einem Interview sagte, er habe vor 2010 nichts vom flächendeckenden Missbrauch in der Kirche geahnt. Einer seiner engsten Mitarbeiter, Stefan Heße, sagte dagegen kürzlich ebenfalls in einem Interview, er habe Meisner regelmäßig informiert. Der Kardinal, ein Lügner?

Der 2017 gestorbene frühere Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner. Ein Lügner?
Bild: Oliver Berg, dpa

Der bekannte katholische Kirchenrechtler Thomas Schüller von der Universität Münster redet am Telefon von einer „Götterdämmerung“. Hochverehrte, allerdings schon gestorbene Bischöfe würden gerade alle von ihren Thronen gestürzt. Unter den amtierenden deutschen Ortsbischöfen befänden sich nur wenige Langgediente, die vor dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals im Jahr 2010 als Diözesan- oder Weihbischöfe oder in leitenden Funktionen in Diözesen tätig gewesen seien. „Diese aber haben teils eklatant versagt oder könnten möglicherweise versagt haben.“ Schüller zählt zu Letzteren den amtierenden Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki.

Der bekannte Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller.
Bild: Thomas Schüller

Kirchenrechtler Schüller: In der Politik gibt es eine Haltung, für Fehler auch Dritter einzustehen - unter den deutschen Bischöfen nicht

In der Politik, sagt er, gebe es eine Haltung, für Fehler auch Dritter einzustehen und zurückzutreten. „Unter den deutschen Bischöfen gibt es das offenbar nicht.“

Die Liste der Politiker-Rücktritte in Deutschland ist lang. Minister traten aufgrund ihrer Verfehlungen zurück oder erklärten, die „politische Verantwortung“ übernehmen und Schaden von ihrem Amt abwehren zu wollen. In der Wirtschaft findet sich Vergleichbares. In der katholischen Kirche, in der Bischöfe in ihren Diözesen die Letztverantwortung tragen und weitgehend frei entscheiden, werden die Oberhirten – nicht von ungefähr Fürsten genannt – schnell einsilbig, wenn die Frage nach persönlichen Konsequenzen gestellt wird.

Zuletzt richteten Journalisten der Zeit-Beilage Christ & Welt die Frage an Stefan Heße. Der wurde 2006 Personalchef im Kölner Generalvikariat, 2012 Generalvikar – damit „Alter Ego“ von Kardinal Meisner – und 2015 selbst Erzbischof, von Hamburg. Heßes Handeln ist Bestandteil der Kölner Missbrauchsstudie, die Kardinal Woelki in Auftrag gab. Zwei Tage, bevor sie Mitte März auf einer Pressekonferenz vorgestellt werden sollte, wurde sie jedoch abgesagt. Unter anderem hatte Heße interveniert, wegen datenschutz- und persönlichkeitsrechtlicher Aspekte. Der Münchner Anwaltskanzlei warf er vor, nicht gründlich zu arbeiten. Die Kanzlei will sich nicht dazu äußern, auch nicht zum potenziell rufschädigenden Vorwurf Heßes. Und so wird sie ihr Gutachten für sich sprechen lassen, wie beim Finanzskandal im Bistum Eichstätt, den sie nach Auffassung von Beobachtern unabhängig und korrekt untersuchte.

Öffentlich wurde bisher eine einzige Passage aus der Studie, und die hat es in sich. Über Heße heißt es Christ & Welt zufolge zusammenfassend: „Dieser Befund gestattet die Schlussfolgerung, dass es sich bei den Unzulänglichkeiten, einschließlich fehlender Opferfürsorge, nicht um Einzelfälle handelt, sondern um regelmäßig wiederkehrende, durchgängig festzustellende Mängel in der Sachbehandlung von Missbrauchsfällen basierend auf einer indifferenten, von fehlendem Problembewusstsein geprägten Haltung des Dr. Heße gegenüber Fällen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker.“

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße weist alle Vorwürfe zurück

Heße wies das vehement zurück und forderte, dass seine Erwiderung darauf Eingang in die Studie findet. An Rücktritt habe er nicht gedacht.

Wie muss sich ein Missbrauchsopfer bei all dem fühlen? Anruf bei Matthias Katsch. Katsch nervt, und das ist keinesfalls abwertend gemeint. Er sagt, er habe sich das erarbeitet. Katsch war einer von drei missbrauchten Schülern am Jesuitengymnasium Canisius-Kolleg, die ihr Schweigen brachen und eine Welle an Enthüllungen auslösten. Er erinnert die Bischöfe fortwährend an ihre Verantwortung. Wenn sie an Missbrauchsopfer denken, haben sie ihn vor Augen. Als sie im März in Mainz über ihren weiteren Umgang mit dem Missbrauchsskandal berieten, war er vor Ort. Mit anderen Opfern stand Katsch vorm Tagungsgebäude in Kälte und Nieselregen. Einer hatte ein Plakat um den Hals mit dem Satz: „Wir wurden benutzt in Kirchen, Sakristeien, Klosterkammern, Schlafsälen“. Bischöfe und Passanten liefen vorbei.

Katsch, der für die Betroffenen-Initiative „Eckiger Tisch“ spricht, reiste enttäuscht ab. Die Bischöfe hatten sich gegen Entschädigungszahlungen von bis zu 400.000 Euro pro Opfer für lebenslanges Leid entschieden. „Ich bin immer noch nicht zufrieden, wie sie vorgehen“, sagt er. Andererseits: Ohne den Druck, den Betroffene aufbauten, hätten sie sich nie zu Einmalzahlungen von bis zu 50.000 Euro hinbewegt.

Matthias Katsch spricht für die Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch".
Bild: Arne Dedert, dpa

Die Frage, was er von Rücktrittsforderungen hält, beantwortet Katsch zunächst so: „Wenn einzelne Bischöfe Fehler im Umgang mit Missbrauchsfällen gemacht haben, sollten sie auch jenseits von persönlicher Schuld die politische Verantwortung dafür übernehmen und zurücktreten.“ Dann schiebt er nach: „Aber das heißt, dass eigentlich alle Bischöfe in Deutschland ihren Rücktritt zumindest anbieten sollten, um klar zu machen, dass eine Zäsur notwendig ist.“ Die meisten seien schließlich aus der Administration heraus auf ihre Bischofsstühle gekommen – und hätten den Umgang mit Missbrauchsfällen mitverantwortet. Wie der Hamburger Erzbischof Stefan Heße.

Missbrauchsopfer Matthias Katsch: "Für mich kann Erzbischof Stefan Heße sein Amt nicht mehr glaubwürdig ausfüllen."

Am Mittwoch berichtete die Bild, Heße sei an einer Vertuschung beteiligt gewesen. Demnach haben Staatsanwälte am Landgericht Köln Ende Juli Anklage gegen einen Priester erhoben, der von 1993 bis 1999 seine drei minderjährigen Nichten mehrfach sexuell missbraucht haben soll. Aus einer Gesprächsnotiz des Erzbistums Köln von 2010, die die Zeitung zitiert, geht hervor, dass er dem damaligen Personalchef Heße „alles erzählt“ habe. „Es sollte über dieses Gespräch jedoch bewusst kein Protokoll angefertigt werden, weil befürchtet wurde, dass dies dann beschlagnahmefähig wäre“, heißt es in der zitierten Gesprächsnotiz. „Aus diesem Grund sollten nur handschriftliche Notizen existieren, die notfalls vernichtet werden könnten. Herr Prälat Dr. Heße gibt zu diesem Vorgehen sein Einverständnis.“

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße wehrt sich gegen massive Vertuschungsvorwürfe.
Bild: Markus Scholz, dpa

Nach einem Akten-Vermerk vom 22. Juni 2011 soll Kardinal Meisner die Beurlaubung des Priesters mit sofortiger Wirkung zurückgenommen und ihn in der Krankenhausseelsorge eingesetzt haben. Bis zu seiner erneuten Beurlaubung im April 2019 war der Mann Pfarrvikar. Jahre zuvor, 2010, hatte dem Medienbericht zufolge eines der mutmaßlichen Opfer den Priester angezeigt, die Anzeige allerdings unter Berufung auf ein Zeugnisverweigerungsrecht wegen Verwandtschaft zurückgezogen. Tatsächlich habe der Geistliche Schweigegeld an die Mutter der Opfer gezahlt. Heße bestritt die Vorwürfe umgehend.

„Für mich kann Erzbischof Stefan Heße sein Amt nicht mehr glaubwürdig ausfüllen – weder im Umgang mit den Betroffenen noch mit Blick auf die Aufarbeitung“, sagt Matthias Katsch. „Er müsste zurücktreten.“ Müsste.

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