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Sicherheit

23.09.2016

Wenn Terroristen immer jünger werden

Haftüberstellung eines islamistischen Terrorverdächtigen: Per Internet-Chat ferngesteuerte Attentäter bereiten den Behörden große Sorgen.
Bild: Uli Deck/dpa-Archiv

Der Kölner Anschlagsverdacht gegen einen 16-jährigen syrischen Flüchtling zeigt ein wachsendes Problem für die Ermittler: Zunehmend werden Teenager zu gewaltbereiten Islamisten.

Der Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies nannte es etwas „herausragend Positives“: Der entscheidende Hinweis, der zur Festnahme des gerade mal 16 Jahre alten, terrorverdächtigen syrischen Flüchtlings führte, kam aus einer Moschee. In dem zum türkischen Verband Ditib gehörenden Gebetshaus im Kölner Stadtteil Porz hatten Mitarbeiter bereits am Sonntag die Polizei alarmiert. Der junge Syrer habe in der Moschee stundenlang Propaganda-Parolen der Terrormiliz Islamischer Staat verbreitet.

Die Beamten nahmen dem jungen Mann das Handy ab und redeten ihm ins Gewissen. Es war nicht das erste Mal, dass sie es mit dem Jugendlichen zu hatten, der Anfang 2015 mit seiner Familie aus Damaskus vor dem syrischen Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen war. Seine Eltern sind Akademiker und hatten in Syriens Hauptstadt gute Jobs, wie es heißt. Doch der Sohn bereitet seit Monaten Sorgen: Schon im Juni rückte die Polizei seinetwegen in der Flüchtlingsunterkunft an.

Die Leitung des Flüchtlingsheims war argwöhnisch geworden, nachdem der Junge auffallend häufig gebetet und seine Essgewohnheiten verändert habe, wie die Zeitung Kölnische Rundschau schreibt. Auf seinem Handy fanden die Ermittler damals zwar Nachrichten und Bilder, mit denen der Jugendliche Sympathien zum IS bekannte und die er an Freunde und Familie verschickte. Eine konkrete Terrorgefahr konnten die Ermittler aber nicht erkennen. Die Beamten beließen es bei einer sogenannten Gefährderansprache: Dem jungen Flüchtling wurde klargemacht, dass er unter genauer Beobachtung steht und welche Konsequenzen ihm drohen. Der 16-Jährige beteuerte, alles sei nicht ernst gemeint gewesen.

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IS steuert Attentäter per Onlinechat fern

In den vergangenen Wochen verdichteten sich aber die Warnungen. Sozialarbeiter der Unterkunft schalteten erneut die Polizei ein. Der 16-Jährige isoliere sich, schaue niemanden an, sei nachts unterwegs. Die Polizei prüfte erneut, fand aber „keine Bezüge zu Extremismus oder gar Terrorismus“, wie der Polizeipräsident Mathies sagt. Die Ermittler hielten auch ein Trauma durch die Grauen des Syrienkriegs für plausibel. Doch als sie Anfang dieser Woche das beschlagnahmte Handy untersuchten, entdeckten sie hochgefährliche Internet-Chats auf dem Smartphone: Ein offenbar dem IS verbundener Chatpartner im Ausland schickte dem Jugendlichen exakte Bauanleitungen für eine Bombe. Beide unterhielten sich, wo der tödliche Sprengsatz platziert werden könnte. Ein konkretes Ziel gab es aber noch nicht.

Es war genau der Fall, vor dem die Sicherheitsbehörden derzeit am meisten warnen: vom IS per Internet-Chats ferngesteuerte Attentäter.

Erst vor einer Woche waren die verstörenden Chat-Protokolle bekannt geworden, mit denen IS-Terroristen den Attentätern von Würzburg und Ansbach vom Ausland aus konkrete Instruktionen gaben: „Mach es mit der Axt“, schrieb der unbekannte Terrorplaner dem 17-jährigen Afghanen, der am 18. Juli vier Touristen in einem Nahverkehrszug bei Würzburg teils lebensgefährlich verletzte. Auch der syrische Attentäter, der sich am Eingang eines Musikfestivals in Ansbach in die Luft sprengte, erhielt ähnliche Befehle aufs Handy: „Töte sie alle auf einer großen Fläche, dass sie am Boden liegen.“

Islamisten werden immer jünger

Sorgen bereitet den Behörden zudem, dass manche Attentäter immer jünger werden. Im Februar griff eine 15-jährige Deutsch-Marokkanerin einen Polizisten an. Sie rammte ihm unvermittelt am Hauptbahnhof von Hannover ein Messer in den Hals und verletzte ihn schwer. Auch die Gymnasiastin wurde offenbar über Chats auf dem Smartphone angestiftet, nachdem sie sich zur Islamistin radikalisiert hatte. Mitte April sprengten zwei 16-jährige Deutsch-Türken eine Bombe an einem Sikh-Tempel in Essen in die Luft. Drei Menschen wurden teils schwer verletzt. Dass sich die Jugendlichen radikalisiert hatten, blieb zuvor nicht unentdeckt: Mehrere Mütter der aus einer Handvoll Jugendlichen bestehenden Islamistenzelle wandten sich schon Monate zuvor besorgt an die Behörden.

Laut Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen versucht der IS gezielt, Minderjährige anzusprechen: „Die Propaganda ist jedenfalls sehr jugendgerecht und spricht junge Leute an, die auf der Suche nach Hilfe und Orientierung in einer schwierigen Lebensphase sind.“ Auch Terrorexperten wie der Islamismusforscher Peter Neumann warnen seit langem vor der Gefahr islamistischer Ideologien für Jugendliche: „In Europa hat der Salafismus mittlerweile den Charakter einer Jugendkultur, dessen Anziehungskraft weit über Muslime oder an Religion Interessierte hinausgeht.“ (mit dpa)

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