1. Startseite
  2. Lokales (Schwabmünchen)
  3. 70-Jähriger aus Königsbrunn geht immer wieder den Jakobsweg

Pilgerreise

26.12.2019

70-Jähriger aus Königsbrunn geht immer wieder den Jakobsweg

Sechs verschiedene Routen des „Camino“, des Jakobswegs in Spanien ist Wolfgang Niederzoll seit 2014 gewandert. Das Ankommen in einer der zahlreichen Pilgerherbergen ist dabei immer wieder von Neuem ein besonderes Erlebnis für ihn.
3 Bilder
Sechs verschiedene Routen des „Camino“, des Jakobswegs in Spanien ist Wolfgang Niederzoll seit 2014 gewandert. Das Ankommen in einer der zahlreichen Pilgerherbergen ist dabei immer wieder von Neuem ein besonderes Erlebnis für ihn.

Plus Seit 2014 ist Wolfgang Niederzoll auf verschiedenen Routen des Jakobswegs gepilgert. Was er Spanien und Portugal so alles erlebt hat.

Diese Situation kennt fast jeder, der mal eine längere Bergtour gemacht hat, auch eine mehrtägige Wanderung in tieferen Regionen oder der bei der Bundeswehr ausgiebig marschieren musste: die Füße beginnen zu schmerzen, die Kräfte weichen, die Muskeln verhärten. Vielleicht kommt noch Hunger oder gar Durst hinzu. Auch das Paar Maria und Josef, von dem heute Nacht in den Gottesdiensten zu hören ist, müssen wir uns auf seinem Weg nach Betlehem in solchen Situationen vorstellen. Dann noch die Steigerung: Die beiden kommen an – und es gibt keinen Platz für sie in der Herberge.

Die Mühen einer Wanderung, unter gleißender Sonne, im Schneegestöber, in strömendem Regen, mit heftigem Gegenwind, die kann Wolfgang Niederzoll gut nachfühlen. Der 70-jährige Königsbrunner war in Spanien bereits auf sechs „Caminos“, wie dort die Pilgerwege nach Santiago de Compostela genannt werden, unterwegs. Seit dem ersten Tag ist er davon begeistert.

Das große Projekt zum Auftakt

Bilder in einem Kalender hatten ihn schon Jahre zuvor neugierig gemacht auf den bekanntesten Pilgerweg der Welt. „Aber ich habe immer geglaubt, ich bin zu feige, um den Weg alleine zugehen“, erzählt er. Doch dann erhielt er zum Wechsel in den Ruhestand einen Rucksack geschenkt und aufmunternde Worte von einem Arbeitskollegen und Freund, der im Urlaub schon Abschnitte des Jakobswegs absolviert hatte. Niederzoll wagte sich gleich an das ganz große Projekt: den 810 Kilometer langen „Camino Frances“. Die erste Etappe führte ihn im April 2014 von Saint-Jean-Pied-de-Port auf der französischen Seite der Pyrenäen zum spanischen Kloster Roncesvalles – über 1200 Höhenmeter hinauf zum Col de Lepoedor (1437 Meter) und danach fast 500 Höhenmeter hinab. „Ich kam an in einer sehr großen Pilgerherberge. Da erlebte ich zum ersten Mal die Herzlichkeit der ,Hospitaleros’. Sie betreuen die Pilgerhospize, die ,Refugios’, meist ehrenamtlich.“

70-Jähriger aus Königsbrunn geht immer wieder den Jakobsweg

Auch nach mehreren tausend Kilometern auf verschiedenen Jakobswegen gerät Wolfgang Niederzoll bei diesem Stichwort noch immer ins Schwärmen. „Du wirst so freundlich aufgenommen“, erzählt er. „Du kommst verschwitzt und erschöpft an. Du wirst freundlich begrüßt: ,Wie geht’s? Setz dich erst mal hin!’ Es ist eine Geborgenheit, die ist unglaublich!“ Die Hospitaleros sind oft ehemalige Pilger, die dafür ihren Urlaub opfern. Niederzoll hat sie ganz überwiegend als sehr selbstlos erlebt. „Die Herzlichkeit der Hospitaleros, das ist die Seele des Caminos.“ Schon am Abend seiner ersten Etappe war er so beeindruckt, dass er seine Frau anrief. „Ich kann diese wunderbaren Eindrücke nicht für mich behalten“, sagte er ihr, er wolle zuhause in Königsbrunn unbedingt von diesem Erlebnis berichten.

Lichtbildvortäge über den Jakobsweg

Inzwischen hat Wolfgang Niederzoll schon sechs Lichtbildvorträge über seine Pilgerwege gehalten, beflügelt von der Überzeugung: „Der Jakobsweg gehört zu den schönsten Dingen, die das Leben für einen bereit hält.“ Die Herbergen entlang der Jakobswege werden meist von kirchlichen Jakobus-Gesellschaften betrieben. Wo kirchliche Einrichtungen fehlen, übernimmt das die jeweilige Regionalregierung. Die Refugios sind teilweise in aufgelassenen Dorfkirchen eingerichtet, oft auch in Klöstern, und immer einfach ausgestattet. In den Schlafsälen mit Stockbetten ist ein erholsamer Schlaf nicht immer garantiert. Acht Euro wird meist für die Übernachtung verlangt, manchmal auch drei oder nur eine Spende. Manche Refugios bieten eine Gelegenheit, den nahrhaften Pilgereintopf gemeinsam zu kochen. Wenn nicht, wird der sicher in einem nahen Lokal serviert.

Wolfgang Niederzoll hat auch Herbergen kennen gelernt, die bieten mehr als nur eine Unterkunft für eine Nacht. Heuer im Frühjahr war er in Calza de Bajar im Hochland von Kastilien in Zentralspanien in einer besonderen Herberge. „Das ist eine Institution, eine Oase. Pfarrer Don Blas nimmt sich auch solcher Pilger an, die mit psychischen Problemen unterwegs sind, baut die Leute wieder auf. Wer will, kann dort auch länger bleiben, man sollte dann nur etwas mithelfen im Refugio.“ Auch mit körperlichen Problemen bleibt ein Pilger auf dem Jakobsweg nicht allein. Erschöpfung und Schmerzen treffen jeden, weiß Niederzoll. „Es gibt in vielen Orten Sanitätsstationen, wo Pilger kostenlos behandelt werden. Die nehmen nicht mal Spenden.“ In diesem Frühjahr musste an einem Sonntagnachmittag bei ihm ein kleiner Zeh versorgt werden, an dem der Nagel schmerzte. „Es hieß nur: Wir freuen uns, wenn wir helfen konnten. Dafür sind wir da.“

Immer einen Platz bekommen

Hat er denn schon mal erlebt, dass auch für ihn kein Platz in der Herberge war? „Das ist mir noch nie passiert“, sagt Wolfgang Niederzoll, „weil ich meist alleine unterwegs war. In einer Gruppe hätte es manchmal wohl nicht mehr geklappt“. Ist ein Refugio abends randvoll, also „ocupado“, dann muss dennoch kein Pilger im Freien nächtigen oder nach einem Stall suchen. Es gibt in vielen Orten „Hostals“, weltliche Unterkünfte, berichtet Niederzoll, und wenn die fehlen sollten, werde der Pilger an Pfarrer oder Bürgermeister im Ort verwiesen, die dann den Vorraum der Kirche oder den Gemeindesaal aufsperren. Grundsätzlich ist Niederzoll überzeugt: „Man muss den Weg alleine machen.“ Denn extreme Situationen, nahe an totaler Erschöpfung, könne man alleine besser bewältigen als in der Gruppe. Außerdem sei es bei einer Wanderung über mehrere Wochen wichtig, sein eigenes Tempo zu finden. „Man soll nicht versuchen, mit anderen Schritt zu halten, das ist sehr kräftezehrend.“ Für ihn, wie für die allermeisten Pilger, gilt aber auch: „Keinen Meter vorwärts mit dem Auto!“ Deshalb hat er oft von der spanischen Bevölkerung „große Hochachtung“ und eine „unglaubliche Herzlichkeit“ erlebt, aber noch nie ein Angebot zur Mitnahme im Pkw erhalten. „Da würden manche wohl schon schwach werden.“

Wolfgang Niederzoll hat aber auch die Kraft erlebt, die der Weg dem Pilger verleiht. „Es gibt Tage, da spürt man: Heute geht es gut. Man sagt dann: Heute wird mir die Straße unter die Füße gehoben.“ Es sei die große Sehnsucht, an seinem Zielort anzukommen, die dem Pilger Energie und Richtung gibt, erzählt Niederzoll, und findet unvermittelt einen weiteren Bezug zur Weihnachtsgeschichte: „Santiago de Compostela ist der Stern, dem man auf dem Camino folgt.“

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren