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Schwabmünchen

31.12.2020

Was ein Pyrotechniker aus Schwabmünchen zum Böller-Verbot sagt

Wegen des coronabedingten Verkaufsverbots bleibt Feuerwerker Michael Reiner aus Schwabmünchen heuer auf seiner Ware sitzen.
Bild: Norbert Staub

Plus Wegen Corona darf Michael Reiner aus Schwabmünchen seine Feuerwerkskörper heuer nicht verkaufen. Was er davon hält und was die Feuerwehr zu der Maßnahme sagt.

Normalerweise stehen die Kunden vor Silvester Schlange, um bei Michael Reiner Raketen und Feuerwerksbatterien zu kaufen. Doch wegen der Corona-Pandemie ist der Verkauf und das Abbrennen in der Öffentlichkeit in diesem Jahr verboten. Eine Hiobsbotschaft für den Schwabmünchner Pyrotechniker. Immerhin hatte er Feuerwerkskörper im Wert von 30.000 Euro bestellt. Und das nur für den Silvesterverkauf.

"Das Verbot trifft uns hart", sagt Reiner. Er hatte gehofft, mit dem Silversterverkauf die Einbußen auszugleichen, die er während des Jahres einstecken musste. Die Branche habe unter der Corona-Krise gelitten, sagt er. Von 30 geplanten Großfeuerwerken konnte Reiner nur drei umsetzen. Hochzeiten, die die Hälfte seines Geschäfts unter dem Jahr ausmachen, wurden verschoben, Messen fielen aus. Der Pyrotechniker blieb auf dem Großteil der Feuerwerkskörper sitzen.

Silvester-Raketen werden schon im Mai bestellt

Er habe noch Glück, denn anders als viele Kollegen betreibt der Schwabmünchner den Feuerwerksverkauf nebenberuflich. "Ich muss nicht davon leben", sagt Reiner. Zum Geldverdienen sei es der falsche Beruf. Zudem verfügt der Pyrotechniker über eine geeignete Lagerstätte, um die Böller unterzubringen und wenn möglich im kommenden Jahr zu verkaufen. "Einen Sprengstoffbunker zu haben, ist echter Luxus. Das haben die wenigsten Kollegen", sagt Reiner.

Schon als Jugendlicher hatte er gerne gezündelt, den Gedanken, das Spiel mit dem Feuer ernsthaft zu seinem Hobby zu machen, aber immer wieder verworfen. Doch die Begeisterung ließ ihn nicht los. Gemeinsam mit einem Freund lernte er schließlich das Handwerk des Pyrotechnikers.

In Deutschland ist es kein anerkannte Lehrberuf. Die Ausbildung muss selbst finanziert werden, umfasst zahlreiche Prüfungen und dauert mehrere Jahre, wie Reiner aus eigener Erfahrung weiß. "Es ist eine kleine Odyssee, die man nur machen kann, wenn man wirklich dahintersteht", sagt der Schwabmünchner.

Inzwischen hat er selbst sechs Pyrotechniker ausgebildet. "Wir sind wie eine große Familie", sagt Reiner, der hauptberuflich als Entwicklungsingenieur arbeitet. Seit 14 Jahren verkauft er Feuerwerkskörper, ein Großteil des Geschäfts hängt an den drei Tagen vor Silvester. Um die Böller und Raketen, die er schon im Mai bestellt, am Jahresende zu verkaufen, nutzt er den Laden eines Freundes.

Bei vielen Kunden stieß das Verkaufsverbot auf Unverständnis

Auch heuer hatte Reiner alles vorbereitet. Die Feuerwerkskörper waren geliefert. Mit fünf Helfern hatte er den Laden eingeräumt, Tausende Böller und Raketen einsortiert. "Wir waren den ganzen Tag beschäftigt", sagt Reiner. Das coronabedingte Hygienekonzept stand. Damit nicht zu viele Kunden gleichzeitig im Laden sind, konnten Böller vorbestellt werden. Doch losgeworden ist Reiner keine einzige Rakete.

Denn schon einen Tag später kam die Nachricht: Es dürfen keine Feuerwerkskörper verkauft werden. "Also haben wir wieder alles ausgeräumt", sagt der Pyrotechniker. 90 Stunden Arbeit, alles umsonst.

Die Reaktionen der Kunden ließen auch nicht lange auf sich warten. 420 Telefonate und 650 E-Mails gingen bei Reiner ein. Bei vielen stieß das Verkaufsverbot auf Unverständnis, einige hatten die Hoffnung, trotzdem Böller zu bekommen - wenn schon nicht beim Discounter, dann eben beim Pyrotechniker. Aber diese Hoffnung musste Reiner schnell zerschlagen, denn bei einem Verstoß gegen das Sprengstoffgesetzt drohen drastische Geldstrafen bis hin zu Gefängnis.

Seine Feuerwerkskörper lagern nun im Sprengstoffbunker. Kleineres Tischfeuerwerk konnte Reiner anbieten, aber das sei nicht sein Hauptgeschäft. Das liege auf Raketen und großen Batterien mit langer Standzeit. Dafür habe er mittlerweile eine Stammkundschaft aufgebaut. Reiner setzt darauf, die Ware im nächsten Jahr verkaufen zu können. Doch er sagt auch: "Der Markt wird sich verändern, einige Pyrotechniker werden auf der Strecke bleiben."

Feuerwehrkommandant hofft auf weniger Einsätze zum Jahreswechsel

Er glaubt auch nicht, dass das Verkaufsverbot dazu beiträgt, die Zahl der Verletzungen zu verringern und so die Krankenhäuser in Corona-Zeiten zu entlasten. Im Gegenteil: "Ich rechne mit deutlich mehr Verletzungen in diesem Jahr", sagt Reiner. Denn der Schwarzmarkt boome. Wer böllern will, kauft im Ausland ein oder bastelt selbst Feuerwerkskörper, so die Ansicht des Pyrotechnikers.

Zuversichtlicher ist da Stefan Missenhardt, Kommandant der Schwabmünchner Feuerwehr. "Es gibt immer wieder Brände durch Feuerwerkskörper um die Jahreswende, die uns viel Arbeit bescheren. Deshalb bin ich ehrlich gesagt ganz froh, dass es heuer kein Feuerwerk geben wird", sagt er.

Doch ein Silvester ohne Kracher - das kann sich Pyrotechniker Reiner nicht vorstellen. Kurz hatte er überlegt, ein offizielles Feuerwerk anzumelden. Aber er wollte die Diskussion um das Böllerverbot nicht zusätzlich befeuern. "Ich werde im Garten ein paar Raketen zünden", sagt der Schwabmünchner. Damit bereite er vielleicht auch manchen eine Freude, die keine Böller kaufen konnten. (mit nos)

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