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Historische Sozialfürsorge

22.12.2016

Brennholz war für Bevölkerung in Augsburg lebenswichtig

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Brennholz vom Oberlauf des Lechs kam jahrhundertelang mit Flößen am Hochablass an. Das Floß im Vordergrund liegt im Floßhafen, an dem ein großer Holzlagerplatz (links) lag.

Der „Privat-Verein der großen Holzausteilung“ für Minderbemittelte sorgte dafür, dass auch die Armen in Augsburg an Weihnachten nicht frieren mussten.

Wohltätigkeit wurde in Augsburg üblicherweise nicht an die große Glocke gehängt. Dass Reiche die Armen der Stadt unterstützten, war schon vor Jahrhunderten selbstverständlich. So gibt sich eine vor über 150 Jahren gedruckte Bilanz einer ganz speziellen Hilfsaktion sehr bescheiden. Es ist eine lediglich postkartengroße achtseitige Schrift, die sich 1865 der „Privat-Verein der großen Holzaustheilung an die Armen in Augsburg“ anlässlich seines 75-jährigen Bestehens leistete. Das Heftchen überliefert die Gründungsgeschichte des Vereins und sein wohltätiges Wirken.

Vor Weihnachten gab es Holz für die Armen

Von 1790 bis 1865 waren insgesamt 16.903 Klafter (52.906 Ster) Fichtenholz in 123.301 Portionen jeweils vor Weihnachten an „Stadtarme“ verteilt worden. Das entsprach einem Geldwert von 130000 Gulden. Ein „Klafter“ waren 3,13 Ster. Die Maßeinheit „Ster“ oder „Festmeter“ (Kubikmeter) gilt erst seit der Umrechnung aller deutschen Stadt- und Länder-Maße ins Dezimalsystem zum 1. Januar 1872.

Holz war in Augsburg bis ins 20. Jahrhundert das wichtigste Heizmaterial. Haushalte, Bierbrauer, Bäcker, Ziegelbrenner und metallverarbeitende Handwerker benötigten viel Brennholz. Deshalb nahmen zu Reichsstadtzeiten (bis 1806) Erlasse „den Holzmarkt betreffend“ breiten Raum in Marktordnungen ein. Sie betrafen geflößtes Holz jeder Art ebenso wie das auf Fuhrwerken in die Stadt gebrachte Brennholz.

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Aufgrund des hohen Bedarfs war die Beschaffung von Holz oftmals ein Problem. Meist trug am Holzmangel der rechtslechische Gebietsherr, der Bayern-Herzog bzw. Kurfürst, die Schuld. Die bayerischen Herrscher verhängten gegenüber der Freien Reichsstadt Augsburg des Öfteren Lieferembargos. In solchen Holznotzeiten sah sich der Rat der Stadt zum Brennholz-Austeilen aus städtischen Vorräten gezwungen. So ließ er im November 1543 rund 150 Klafter an arme Leute abgeben. 1544 folgte wiederum eine Holzzuteilung, 1547 gab es 200 Klafter um je einen Gulden für Minderbemittelte.

Streit mit den Bayern: Holz für Augsburg kam zum Teil aus Österreich

Augsburg reagierte auf diese Drangsalierungen mit Großaktionen zur Holzbevorratung. Das Proviantamt ließ am Oberlauf des Lechs in Österreich Wälder aufkaufen, sie schlagen und das Holz auf dem Lech nach Augsburg schwemmen. Es waren Driften. Das heißt, die Stämme wurden nicht zu Flößen gebunden, sondern lose in den Lech geworfen. 1549, 1563, 1565 und 1568 fanden solche Driften statt. Bei der letzten wurden innerhalb von drei Wochen 350.000 Stämme und Prügel auf dem für die Floßfahrt gesperrten Lech nach Augsburg geschwemmt.

In Augsburg bestand für importierte Waren ein „Fürkaufverbot“. Das heißt: Es durfte kein Zwischenhandel stattfinden. Alles Lebensnotwendige musste der Erzeuger direkt an den Endverbraucher verkaufen. Das galt auch für Brennholz. Der „Aufkauf zum Wiederverkauf“ war nicht nur innerhalb der Stadt, sondern in einer Drei-Meilen-Zone (22,5 km) drum herum verboten. Aus dieser Entfernung musste Holz zu den Holzmarktplätzen in der Stadt gebracht werden.

Als im Jahr 1789 Kurfürst Karl Theodor von Bayern mitten im Winter die Augsburger von Holzlieferungen aus bayerischem Gebiet abschnitt, machten die Holzbauern aus dem Schwäbischen das große Geschäft: Die Holzpreise verdoppelten sich! Allein am 11. Februar 1789 passierten 2150 aus Westen kommende Fuhrwerke mit Holz Augsburgs Stadttore. Doch Arme konnten sich anno 1789 Brennholz nicht mehr leisten. Nur weil daraufhin kirchliche und private Organisationen sowie die Stadt Holz kostenfrei abgaben, konnten Minderbemittelte kochen, braten und heizen.

Zudem mussten um diese Zeit Arme oftmals hungern. Trotzdem veranstaltete eine Gartengesellschaft im Juli 1790 ein „Fressfest“ für ihre Mitglieder. Dieses Verhalten schockte etliche Augsburger. Sie fanden die Völlerei derart beschämend, dass sie ihrerseits 50 Arme zu einem Freiessen einluden. Bei dieser Gelegenheit fassten die Spender einen spontanen Entschluss: Jeder von ihnen solle in den folgenden 17 Wochen je drei Kreuzer in einen Fonds einzahlen, um daraus bis Weihnachten Brennholz zu kaufen und an „verschämte Hausarme“ zu verteilen. Das war die Gründung des „Privat-Vereins der großen Holzausteilung“.

Die Aktion sprach sich herum und es fanden sich weitere Spender. So kamen 408 Gulden zusammen. Das reichte im Dezember 1790 zum Kauf von 59 Klaftern. Das Holz wurde rechtzeitig vor Weihnachten in 413 Portionen ausgeteilt. Niemand sollte an Weihnachten frieren. Als Bürgermeister Josef von Höfner eine zweite Sammlung unter „höheren Ständen“ veranstaltete, musste auch danach im extrem harten Winter 1790/91 kein Armer in Augsburg frieren.

Die weihnachtliche Holzaktion wurde zu einer Dauereinrichtung, die alljährlich der Fürstbischof, Klöster, Kaufleute und Fabrikanten mit Geld und logistisch unterstützten: Sie stellten Pferdegespanne zur Frei-Haus-Lieferung zur Verfügung. Da zeigte sich selbst der Augsburg nicht immer wohlgesonnene bayerische Kurfürst Karl Theodor generös: Ab 1795 erlaubte er dem Holzausteiler-Verein jährlich die abgabenfreie Ausfuhr von 70 Klaftern Brennholz aus Bayern. Der Verein würdigte später dieses Privileg mit einer ungewöhnlichen Aktion. Als 1824 Maximilian Joseph von Bayern (ab 1799 Kurfürst, seit 1806 König) sein 25-jähriges Regierungsjubiläum beging, sollten sich auch die Armen freuen: Der Verein organisierte als Jubiläumsgeschenk eine Holz-Sonderzuteilung. 95 Klafter, ofenfertig gespalten, wurden in 2090 Portionen an sämtliche Armen der Stadt geliefert.

Der Rechenschaftsbericht von 1865 war eine Zwischenbilanz: Brennholzausteilungen an sozial Schwache fanden weiterhin statt. Später gab es Holzbezugsscheine beim städtischen Sozialamt.

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