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Interview

31.08.2019

Werder-Manager vor FCA-Spiel: "Unsere Personalsituation ist kritisch"

Der FCA reist am 3. Spieltag der Fußball-Bundesliga zum Auswärtsspiel nach Bremen. Das Ziel ist ganz klar: 3 Punkte sollen es sein.
Video: rt1.tv

Werder-Geschäftsführer Frank Baumann spricht vor dem Spiel gegen den FC Augsburg über die schwierige Situation bei Bremen. Was er über Gregoritsch denkt.

Kommt der FC Augsburg am Sonntag zum Krisengipfel?

Baumann: Natürlich sind beide Mannschaften mit anderen Erwartungen in die Saison gestartet, aber nach zwei Spieltagen sollte man weder in Augsburg noch in Bremen von Krise sprechen. Aber natürlich steigt langsam für beide Mannschaften der Druck, den ersten Sieg einzufahren.

Florian Kohfeldt, Ihr Trainer, hat im Vorfeld der Partie an die Fans appelliert, dass man zusammenhalten muss.

Baumann: Da geht es nicht nur um die Ergebnisse, sondern vor allem um unsere Personalsituation, die sich durch zahlreiche Ausfälle, speziell im Defensivbereich, schon als kritisch und angespannt bezeichnen lässt. Aber wir konnten hier in Bremen in schwierigen Zeiten immer wieder eindrucksvoll die Unterstützung der Fans erleben. Ich hoffe, am Sonntag stehen die Fans hinter uns, auch wenn es im Spiel mal eine schwierige Phase geben sollte.

Dann ist das ja die große Chance des FCA, auf eine nicht eingespielte Hintermannschaft von Werder zu treffen.

Baumann: Es kann sein, dass wir da den einen oder anderen Spieler haben, der auf einer ungewohnten Position spielen wird, aber ich glaube trotzdem, dass wir es den Augsburgern nicht so leicht machen werden.

Sie haben Michael Lang aus Gladbach geholt, wird auch Nabil Bentaleb (Schalke) gegen den FCA dabei sein?

Baumann: Ich habe ja bestätigt, dass wir Interesse haben und es sich auch der Spieler vorstellen kann. Aber ich habe auch gesagt, dass aktuell keine Einigung zu erwarten ist. Der Spieler ist bei Schalke, macht dort seine Leistungstests. Ob er abgegeben wird und ob wir eine Möglichkeit haben, ihn zu bekommen, werden die nächsten Tage zeigen.

Sie gelten als Meister der Transfers in letzter Minute. Im Sommer 2016 holten Sie Serge Gnabry, 2017 Belfodil, im Winter 2018 Rashica und Langkamp und im Sommer 2018 Nuri Sahin. Wie machen Sie das?

Baumann: Mein Ziel ist es nicht, so lange wie möglich zu warten, sondern wir wollen, wie jeder andere Verein auch, unseren Kader so früh wie möglich zusammen haben. Es hat aber auch mit den finanziellen Möglichkeiten zu tun, wenn man bei der einen oder anderen Situation länger warten muss, bis eine Verpflichtung finanziell möglich ist. Wenn man dann interessante Spieler bekommen kann, ist es auch ok, wenn man mal bis zum Schluss wartet.

Ein interessanter Spieler war für Sie auch Michael Gregoritsch vom FC Augsburg. Da haben Sie sich aber an Ihrem Kollegen Stefan Reuter die Zähne ausgebissen.

Baumann: (lacht) Dass Michael Gregoritsch ein interessanter Spieler ist, ist nicht nur in der Bundesliga bekannt. Allerdings ist es auch so, dass er für Augsburg einen gewissen Wert hat und wir da keine Möglichkeit sahen, dass ein Transfer zustande kommt.

Der FCA hat die Ablösesummen für Michael Gregoritsch und zum Beispiel auch für Philipp Max aus Sicht möglicher Interessenten sehr hoch angesetzt. Sie haben dies selbst erfahren. Haben Sie Verständnis dafür?

Baumann: Ich möchte nicht die Vereinspolitik des FCA bewerten. Das steht mir nicht zu. Stefan Reuter und die anderen Verantwortlichen machen seit vielen Jahren sehr gute Arbeit und führen den FCA auch finanziell sehr gut. Da kann ich nur ein Riesenkompliment aussprechen.

Was macht Michael Gregoritsch so interessant?

Baumann: Grundsätzlich bewerte ich Spieler von anderen Klubs nicht. Da bitte ich um Verständnis.

Haben Sie Angst, dass er die Qualitäten nun am Sonntag zeigt?

Baumann: Wir wissen, dass Augsburg mit Michael und den anderen Stürmern über eine gute Offensive verfügt. Da müssen wir absolut auf der Hut sein.

In der Offensive ist Werder ja gut aufgestellt. Sie haben ja Claudio Pizarro.

Baumann: Er ist ein Phänomen. Er hat speziell in den letzten zehn Jahren unheimlich auf seinen Körper geachtet, lebt danach. Was außergewöhnlich bei ihm ist, ist diese Freude am Fußball. Egal zu welcher Tages- und Nachtzeit zaubert ein Ball in seiner Nähe ein Lächeln auf seine Lippen und er hat immer Lust, Fußball zu spielen und das ist ansteckend.

Darum ist er wohl auch der Sympathieträger des Vereins…

Baumann: Claudio ist in Bremen Kult, die Fans lieben ihn. Gerade wenn ein Spieler bei Bayern zweimal unter Vertrag war, ist das nicht so selbstverständlich.

Der 35-jährige Stephan Lichtsteiner kommt mit der Empfehlung von 105 Länderspielen für die Schweiz und sieben Serie-A-Titeln zum FCA. Er unterschrieb bis 2020.
34 Bilder
Das ist der FCA-Kader für die Saison 2019/20
Bild: Urich Wagner

Alfred Finnbogason hat Pizarro als sein Vorbild bezeichnet. Er will auch mindestens bis 40 spielen.

Baumann: Claudio hat natürlich auch noch sportlich einen sehr großen Wert. Der geht über diesen Stimmungswandel hinaus, sobald Claudio sich vom Warmmachen zur Auswechselbank bewegt. Da verändert sich etwas bei uns in der Mannschaft, bei den Gegnern und auch beim Publikum. Er hat zusätzlich bei uns im Kader eine Vorbildfunktion. Da können sich viele junge Spieler etwas abschauen.

Der FCA geht in die neunte Bundesligasaison. Werder spielt ununterbrochen seit 1981 dort. Nehmen Sie den FCA als Herausforderer wahr?

Baumann: Nicht jeder neue Klub schafft es, sich wie der FCA so zu etablieren. Es gibt einen gewissen Verdrängungswettbewerb in der Bundesliga, da sind auch Traditionsklubs wie Werder nicht davor gefeit, in Probleme zu geraten. Wir hatten auch bis vor ein, zwei Jahren immer wieder Abstiegssorgen. Wir wollen aber auf uns schauen und aus unseren Möglichkeiten das Optimale herausholen.

Sie wurden als Spieler mit Bremen in der Saison 03/04 Meister, in der Saison 07/08 Zweiter. Sind solche Überraschungen überhaupt noch möglich?

Baumann: Es ist nicht komplett ausgeschlossen. Die berühmt berüchtigte Schere ist in den letzten Jahren immer weiter auseinandergegangen. Gerade an der Tabellenspitze sind einige Klubs ein Stück entrückt. Aber wir wollen nicht jammern, sondern wir müssen uns das Stück für Stück erarbeiten. Wenn man Klubs wie Frankfurt oder Gladbach beobachtet, die sich auch aus nicht so einfachen Situationen entwickelt haben und jetzt international dabei sind, sieht man, dass man mit guter, kontinuierlicher Arbeit den Abstand verringern kann.

Diese Klassengesellschaft wird auch durch die Verteilung der Fernsehgelder zementiert. Werder wird dem Team Mittelstand zugeordnet, das in der DFL eine Art Opposition gegenüber den großen Klubs wie Bayern oder Dortmund bildet und von Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge misstrauisch beäugt wird. Was sind Ihre Ziele?

Baumann: Auch in der Bundesliga sind unter den Vereinen immer wieder einmal andere Interessen vorhanden. Wichtig ist aber, dass man sich immer bewusst macht, dass von diesem Spagat zwischen Wettbewerbsgleichheit in der Liga und dem Anspruch, Klubs zu haben, die trotzdem international konkurrenzfähig sind, letztendlich alle profitieren.

Wie soll das gelingen?

Baumann: Es ist wichtig, zu versuchen, diese Interessen übereinanderzulegen. Ich glaube, mit der Verteilung der nationalen Fernsehgelder bei der letzten Vergabe ist ein guter Schritt gemacht worden. Der große Unterschied bei den Fernsehgeldern ist die internationale Vermarktung. Wenn du da dabei bist, geht die Schere so weit auseinander, dass andere Klubs Probleme haben, das aufzufangen. Wichtig ist es, einen Konsens zu finden, mit dem alle im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit gut leben können.

Sie sind seit 2010 im Management beim Werder Bremen. Wie sehr hat sich der Fußball in diesen fast zehn Jahren verändert?

Baumann: Die Summen, die im Umlauf sind, sind größer geworden. Die mediale Präsenz ist noch mal größer geworden und um die Mannschaften herum hat sich viel entwickelt. Da ist alles noch einmal professioneller geworden. Was immer zählen wird, ist, dass wir an den Ergebnissen auf dem Platz gemessen werden. Trotzdem versuchen wir, wie es der FCA auch tut, uns langfristig gut aufzustellen, indem wir viel in die Infrastruktur investieren.

Haben die Spieler und Berater in dieser Zeit mehr Macht bekommen?

Baumann: Ich denke, solche Fälle gab es auch früher schon, vielleicht vergisst man dies ein Stück weit auch wieder. Vor 15 Jahren gab es auch Spieler, die mal einen Wechsel erzwungen haben. Dass dies früher und auch jetzt kein Vereinsverantwortlicher oder auch Fan sehen will, ist auch klar. Aber für mich ist die Sicht auf den Fußball und auf die Spieler häufig zu negativ. Wo wir aufpassen müssen, ist, dass die Macht der Berater und die Beraterhonorare nicht weiter steigen. Das ist Geld, das ein Stück weit aus dem Fußball hinausfließt. Da wird es wichtig sein, dass wir das im Fußball global eindämmen.

Sie sind seit Mai 2016 Geschäftsführer Sport bei Werder. Ihr Vertrag läuft bis 2021. Wo steht Bremen 2021?

Baumann: Wir wollen die Rahmenbedingungen sportlich und finanziell so schaffen, dass wir immer wieder die Möglichkeit haben, am internationalen Geschäft zu kratzen und dieses Ziel in den nächsten Jahren auch erreichen.

Hier finden Sie aktuelle News und einen Live-Ticker zum FC Augsburg.

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