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Wertingen

21.02.2019

Das Wertinger „Datenleak“

In Wertingen eigenen sich laut des interaktiven „Solarpotenzialkatasters“ die meisten Hausdächer für eine Belegung mit Solarpanelen. Das kann über die Jahre viel Geld sparen und schont zugleich auch die Umwelt.
Bild: Ralf Lienert

Ein Unbekannter hat vertrauliche Informationen über Wertingen auf die Internetseite „openstreetmap“ gestellt. Nicht nur in der Verwaltung ist der Ärger groß, sondern auch bei anderen Nutzern der Plattform.

Etwas Ungewöhnliches geht im Internet vor, das die Zusamstadt betrifft. Vergangene Woche stellten Vertreter des Landratsamtes in Wertingen die Internetseite vor, auf der jeder selbst herausfinden kann, wie gut sein Hausdach für Photovoltaik geeignet ist. Also besuchten in den darauffolgenden Tagen viele die Webseite und zoomten in die Wertinger Karte hinein. Doch wer genau hinsah, der durfte sich wundern. Denn in Wertingen – und nur in Wertingen – waren zwei seltsame Vermerke in der Karte eingetragen. Auf zwei Freiflächen war dort zu lesen: „Landwirt verkauft Grundstück nicht. Baugebiet geplant.“

Solche Vermerke finden sich nirgendwo sonst auf der interaktiven Karte, die den gesamten Landkreis abbildet. Nachdem sich die Stadtverwaltung beim Landratsamt beschwert hatte, wurden die Vermerke Mitte vergangener Woche hastig gelöscht. Doch andernorts im Internet finden sich noch haufenweise weiterer Informationen zu Wertingen.

Die Firma, welche die interaktive Webseite für das Landratsamt erstellt hatte, griff dafür auf Kartenmaterial zurück, das offen zugänglich im Internet kursiert. Auf der Plattform „Openstreetmap.de“ fanden sich die Einträge auf der Karte ebenso, sie wurden für das Landratsamt einfach übernommen. Das findet Wertingens Hauptamtsleiter Dieter Nägele nachlässig. „Man hätte die Karte überprüfen müssen, bevor sie online gegangen ist“, so sieht es Nägele.

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Jeder kann in die Webseite hineinschreiben

In die Webseite hineinschreiben kann jeder, der sich anmeldet. Die Plattform openstreetmap funktioniert, wie schon der Name verrät, nach einem offenen Prinzip. Tausende Nutzer weltweit, die sich selbst „Mapper“ nennen, kartographieren in ihrer Freizeit die Landstriche. Dabei können sie an jeder Stelle auf der Karte Notizen hinterlassen. An manchen Orten stehen dann Vermerke wie „intensiv genutzter Schulweg“, „beliebter Treffpunkt der Seniorengruppe“ oder „Schlagloch in der Straße“. Beobachtungen, die jeder selbst treffen kann.

Bei den besagten Notizen in Wertingen verhält es sich anders. Denn Grundstücksverhandlungen sind ein sensibles Thema in jeder Kommune. Und Verhandlungen der Stadt mit Grundbesitzern sind vertrauliche Angelegenheiten, die im Stadtrat oder dessen Bauausschuss nur hinter verschlossenen Türen beraten werden.

Die sensiblen Vermerke wurden vom User „an78_qwertz“ in die Karte eingetragen. Wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt, ist unbekannt. Öffentlich einsehbar ist, dass der Nutzer – oder die Nutzerin – seit knapp zehn Jahren bei der Seite angemeldet ist und in dieser Zeit fast 900 Einträge verfasst hat. Alle davon auf dem Gebiet der Wertinger Kernstadt oder den Stadtteilen Geratshofen und Gottmannshofen. Die meisten davon sind für Laien schwer oder gar nicht nachvollziehbar. Doch auch mögliche Trassenverläufe von kommenden Zubringerstraßen sind von ihm eingezeichnet worden, etwa für das Marienfeld.

Verstoß gegen die Richtlinien der Webseite

Dietmar Seifert aus Augsburg ist auch auf openstreetmap.de aktiv. Er sagt: der Nutzer „an78_qwertz“ hat gegen die Richtlinien der Webseite verstoßen. „Solche Informationen haben auf der Webseite nichts verloren“, sagt Seifert im Bezug auf die Vermerke, dass die Landwirte ihre Grundstücke nicht verkaufen möchten. Alle Informationen, die einen „privaten oder politischen Hintergrund“ haben und nicht für jeden Spaziergänger am Ort selbst ersichtlich sind, gehören nicht auf die Webseite. Seifert kontaktierte den User nach Anfrage unserer Zeitung und machte ihn auf seine Verstöße aufmerksam, die er außerdem löschte. openstreetmap hat eine flache Hierarchie, die Nutzer kontrollieren sich alle gleichberechtigt gegenseitig. Deshalb will Seifert den Nutzer in den kommenden Wochen „im Auge behalten“, denn theoretisch könnte jeder die gleichen Vermerke erneut in die Karte schreiben. Seifert vermutet in „an78_qwertz“ einen Ortskenner, der im Vergleich zu anderen Usern „mittelmäßig aktiv“ ist.

Wertingens Bürgermeister Willy Lehmeier äußert sich gegenüber unserer Zeitung überrascht über den Vorfall. Warum jemand diese Informationen ins Internet gestellt hat, darüber könne er „nur spekulieren“, so der Rathauschef. Zu diesen internen Informationen haben neben den Mitarbeitern des Bauamtes noch die Stadträte Zugang, die in den nichtöffentlichen Teilen der Sitzungen über Grundstücksverhandlungen aufgeklärt werden. Lehmeier glaubt zwar, dass Mitarbeiter wie Stadträte ein Gespür dafür besitzen, wie mit vertraulichen Informationen umgegangen werden muss. Doch wolle er aufgrund des Vorfalls intern noch einmal auf das Thema aufmerksam machen, sagt Lehmeier. Die Stadtverwaltung kommuniziert solche Interna manchmal auf Anfrage von anderen Behörden, wie dem Landesvermessungsamt, so der Rathauschef weiter. „Wir werden in Zukunft bei jeder Anfrage noch genauer hinschauen, wofür und in welcher Form die von uns herausgegeben Informationen von der anderen Seite verwendet werden“, so Lehmeier.

Lesen Sie dazu den Bericht über die Photovoltaik-Veranstaltung in Wertingen: Photovoltaik lohnt sich in Wertingen

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