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Donau-Ries

21.10.2018

Diese Familie braut das Oettinger Bier

Ingrid (vorne links) und Pia Kollmar (vorne rechts) leiten die Brauerei zusammen mit: Michael Mayer, Bernhard Wenninger, Peter Böck und Andreas Boettger.
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Ingrid (vorne links) und Pia Kollmar (vorne rechts) leiten die Brauerei zusammen mit: Michael Mayer, Bernhard Wenninger, Peter Böck und Andreas Boettger.
Bild: Brauerei Oettinger

Plus Zwei Mal stand die bekannte Brauerei kurz vor dem Aus. Und zwei Mal haben die Frauen der Familie sie gerettet. Die bewegte Unternehmensgeschichte.

Geht man heute über das weitläufige Gelände der Oettinger Brauerei, vorbei an riesigen Sudkesseln und übermächtigen Gärtanks, dann mag man kaum glauben, wo der Ursprung dieses Unternehmens zu finden ist. Nämlich gar nicht in Oettingen im Landkreis Donau-Ries. Es war der Wassertrüdinger Ortsteil Fürnheim im Landkreis Ansbach, gut 20 Kilometer entfernt, in dem alles begann. Dort wächst Günther Kollmar auf. Seine Familie betreibt die Brauerei „Zum Schwarzen Adler von Friedrich Höhenberger“ samt Biergarten und Landwirtschaft, in der damals, in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, noch Knechte und Mägde beschäftigt sind. Kollmar passt da nicht hinein.

Ende der 50er Jahre kaufte Günther Kollmar die Brauerei Oettinger

Als Charakterkopf und Freigeist wird der Gründer beschrieben, gar als eigensinnig. Seine Witwe Ingrid, die ein halbes Jahrhundert mit ihm verheiratet war, nennt ihn im Gespräch mit unserer Zeitung einen Visionär. „Er wollte da raus“, sagt die 78-Jährige – und meint die Enge, die Landwirtschaft in Fürnheim. Das gelingt Kollmar in den 50er Jahren. Der Diplom-Braumeister und sein Vater Otto kaufen nach und nach die Genossenschaftsbrauerei Oettingen auf. Eine zähe Angelegenheit ob der vielen Genossen sei das gewesen, sagt Ingrid Kollmar. Sogar die Kirche habe einen Anteil verwaltet. Doch 1957 ist es geschafft. Als Ingrid und Günther Kollmar 1963 heiraten, hat die Brauerei zwölf Angestellte und der Chef steht selbst an der Abfüllanlage.

In diese Anfangszeit von Oettinger fällt auch ein Wandel in der Handelswelt. Aus Tante-Emma-Läden werden Supermärkte. Kollmar entwickelt sein Konzept: Er verkauft sein günstiges Bier nicht nur direkt an die Supermärkte, er liefert es auch an sie. Gerade mal einen oder zwei kleine Lastwagen habe man in der Anfangszeit gehabt, erinnert sich Ingrid Kollmar. „Wir haben uns das alles erarbeitetet.“ Günther Kollmar sei seiner Zeit stets ein Stück voraus gewesen, meint sie. Vielleicht wollte er manchmal aber auch zu viel. Das ging nicht immer gut.

Im Jahr 1989 muss der Oettinger-Chef in Haft

Ende des Jahres 1979 wird die Brauerei verkauft, Kollmar ist jetzt Geschäftsführer, nicht mehr Inhaber. Im Dezember 1981 muss er Konkurs anmelden, nachdem ihm die Münchner Raiffeisenzentralbank einen Vier-Millionen-Mark-Kredit aufkündigt – „ohne Vorwarnung und ohne Grund“, sagt er damals. Jahre später wird er sogar zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Das Landgericht Augsburg befindet ihn des Betrugs in zwei Fällen für schuldig: des Vorenthaltens und der Veruntreuung von Arbeitsentgelt sowie der Verletzung der Antragspflicht bei Zahlungsunfähigkeit. Im Juli 1989 tritt Günther Kollmar die Haftstrafe in Landsberg an.

Zu diesem Zeitpunkt gehört die Brauerei wieder der Familie, 1985 hatte sie das Unternehmen zurückgekauft. 95 Prozent hält damals Ingrid Kollmar, fünf Prozent Sohn Dirk. Als der Vater im Gefängnis ist und der Sohn noch studiert, packen die Kollmar-Frauen in der Brauerei an, neben Ingrid auch Tochter Pia. Und von der hätten es wohl zu bestimmten Zeiten die wenigsten erwartet, dass sie eines Tages Verantwortung im Unternehmen übernehmen würde. Schließlich ist Pia kurz vor dem Abi nach Griechenland geflogen, um dort als Animateurin zu arbeiten. Erst als ihr Vater ihr droht, ihren Käfer und ihre Katze zu verkaufen, kommt sie ins Ries zurück und macht ihr Abitur. Sie absolviert zudem ein Volontariat beim Münchner Merkur, eine Ausbildung zur Schwesternhelferin in Krisengebieten und will schließlich Psychologie studieren. In der Wartezeit auf den Studienplatz beschäftigt sie Vater Kollmar, ganz zu Beginn soll sie etwa die technische Registratur aufräumen. Schließlich wird sie seine Assistentin – und verfügt über das nötige Wissen, als sie es braucht. Pia Kollmar bleibt im Unternehmen, macht eine Ausbildung, bildet sich zur Junior Managerin und zur Diplom-Kommunikations- und Werbefachwirtin weiter und ist dann für das Marketing der Oettinger Brauerei zuständig. Sie heiratet und bekommt zwei Töchter.

Ende der 80er, Anfang der 90er wächst die Oettinger Brauerei deutlich. In der Wörnitzstadt selbst wird eine neue Betriebsstätte eingeweiht, eine Bier-Pipeline wird vom alten Standort dorthin verlegt. Nach der Wende investiert das Unternehmen auch im Osten, unter anderem im thüringischen Gotha. Sohn Dirk wird Geschäftsführer, er heiratet, lebt mit seiner Frau Astrid und den beiden Söhnen in Gotha. 2013 stirbt Firmengründer Günther Kollmar mit 73 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit – und nur wenige Monate darauf überraschend auch sein Sohn Dirk. Er wird gerade einmal 50 Jahre alt. Wieder liegt alles an Ingrid und Pia Kollmar. Dazu gibt es Auseinandersetzungen mit Dirks Witwe Astrid um Unternehmensanteile, die Mutter Ingrid nach dem Tod des Sohnes wieder zurückfordert. Erst 2017 beendet ein Schiedsgericht diesen Streit. 75 Prozent der Unternehmensanteile gehören jetzt Ingrid und Pia Kollmar.

Oettinger: 8,7 Millionen Hektoliter Bier verlassen die Brauerei im Jahr

Die Tochter vollzieht erst einmal eine „Kurskorrektur“: Von drei Geschäftsführern verlassen zwei das Unternehmen, drei neue werden eingestellt. Die heute 49 Jahre alte Pia Kollmar ist mittlerweile Hauptgesellschafterin und repräsentiert die Gesellschafterfamilie, sie hat eine Art „Stabstelle“ eingenommen. Ziel ist es, Oettinger für die Zukunft als Getränkelieferant breiter aufzustellen – Limonaden produziert das Unternehmen schon seit den 70er Jahren. Den Kollmars bleibt in diesen für die Bierbranche harten Zeiten auch kaum etwas anderes übrig. Tranken die Deutschen in den 70er Jahren noch 150 Millionen Hektoliter Bier pro Jahr, seien es mittlerweile nur noch rund 94 Millionen Hektoliter, sagt Geschäftsführer Michael Mayer. Oettinger produziert in 24 Stunden 10000 Hektoliter allein am Standort im Ries, insgesamt lag der Bierausstoß 2017 bei 8,7 Millionen Hektolitern. Das Unternehmen exportiert in 85 Länder, Hauptabnehmer sind Italien und die Niederlande.

Andere Brauereien haben zuletzt ihre Preise immer wieder gesenkt – doch genau mit dem Bier für wenig Geld hatte Oettinger bei den Verbrauchern in der Vergangenheit gepunktet. Es gebe einen „knallharten, gemeinen, unfairen“ Konkurrenzkampf in der Branche, sagt Pia Kollmar. Der bedeutete für Oettinger zuletzt Absatzrückgänge.

Und dann gibt es da noch den Craft-Beer-Trend: Unabhängige Brauereien brauen handwerklich Bier. Oettinger ist zwar genau das Gegenteil – an vier Produktionsstandorten und im Logistikzentrum arbeiten mehr als 1000 Menschen, die Lkw-Flotte besteht aus rund 130 Fahrzeugen. Doch Pia Kollmar will, dass es im Unternehmen wie bei einem Mittelständler zugeht. Sie kennt die Mitarbeiter am Standort in Oettingen beim Namen und unterstützt deren ehrenamtliches Engagement mit Spenden an die jeweiligen Vereine. Die Beschäftigten danken es ihr, indem sie teils seit Generationen Oettinger treu bleiben. Seniorchefin Ingrid Kollmar wohnt auch auf dem Betriebsgelände in Oettingen – und öffnet durchaus mal das Tor, wenn kein anderer da ist: „Ich sehe es als Verpflichtung meinem Mann und meinen Schwiegereltern gegenüber, dass ich das hier weiterführe.“

Und das mit dem Craft Beer, das können die Kollmars auch. Der Schwarze Adler von damals, in Fürnheim, heißt heute Forstquell-Brauerei. Für die Gaststätte wird eigens ein Forstquell-Bier gebraut. Und im Feldversuch gibt es jetzt neu das Getränk „Hanf küsst Bier“, das Forstquell-Cannabis-Bier mit Hanfblütenaroma. Die 15 Jahre alte Pascale, Tochter von Pia Kollmar, hat dazu einen Tischaufsteller entworfen. Die nächste Kollmar-Frauen-Generation steht schon in den Startlöchern.

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