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Volkswagen

11.12.2020

Machtkampf: Audi-Betriebsratschef stärkt VW-Boss den Rücken

Audi-Gesamtbetriebsratschef und VW-Aufsichtsratsmitglied Peter Mosch fordert, beim Umbau-Prozess von VW die Betroffenen mitzunehmen.
Bild: Audi AG

Exklusiv Audi-Mann Peter Mosch lobt grundsätzlich die Arbeit des umstrittenen Volkswagen-Lenkers Diess, sieht aber keinen Grund für einen neuen Vertrag.

VW-Chef Herbert Diess pokert hoch und erntet Kopfschütteln im Konzern mit weltweit rund 670.000 Mitarbeitern. Der 62-Jährige scheint, wie es in Unternehmenskreisen immer wieder heißt, stur darauf zu beharren, dass er für seinen bis April 2023 laufenden Vertrag vorzeitig einen neuen und dann länger währenden bekommt. Das soll am besten noch bei einer ausstehenden Aufsichtsratssitzung vor Weihnachten geschehen.

Der gebürtige Münchner mit österreichischem Pass will damit dem Vernehmen nach seine Machtbasis im Konzern vor allem gegenüber der einflussreichen Arbeitnehmerseite um Volkswagen-Betriebsratschef Bernd Osterloh, 64, stärken. Ein solch neuer Vertrag gut zwei Jahre vor Ablauf des bisherigen ist in Aktiengesellschaften unüblich. In der Regel werden derartige Gespräche frühestens im Jahr vor Ablauf des Vertrags, also bei Diess Anfang 2022, geführt. Der Manager lässt jedoch nicht locker. Manch VW-Aufsichtsrat fühle sich dadurch inzwischen erpresst, verlautet aus Konzernkreisen. Weil der VW-Chef am 24. Oktober 2023 dann schon 65 Jahre alt wird und die Altersgrenze überschreitet, bräuchte er nach dem Regelwerk des Unternehmens für einen weiteren Vertrag eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Aufsichtsrat.

VW soll Elektroauto-Konzern werden

Zwar stehen die Mehrheits-Eigentümer, die Familien Porsche und Piëch, hinter dem Mann, der VW mit Wucht in einen Elektroauto-Konzern umbauen will. Um aber den Aufsichtsrat doch noch trotz Widerwillen in dem Kontrollgremium zur Vergabe eines neuen Vertrags zu überreden, müsste Diess einige Stimmen aus den Arbeitnehmerreihen abräumen. Die Arbeitgeberseite stellt – wie das bei Aktiengesellschaften der Größe üblich ist – zehn von 20 Aufsichtsräten. Der Vorsitzende des Gremiums, Hans Dieter Pötsch, ein Vertrauter der Familien Porsche und Piëch, verfügt zudem über ein Doppelstimmrecht. Diess müsste also zur Erfüllung seines sehnlichsten Wunsches 14 Stimmen einstreichen und damit vier Sympathisanten unter den Beschäftigtenvertretern gewinnen.

Das erscheint angesichts seiner immer wieder aufflackernden Streitereien mit Arbeitnehmer-Matador Osterloh als äußerst ambitioniertes Unterfangen. Mal kreidete der Arbeitnehmer-Mann dem VW-Chef Fehler bei den von Pannen behafteten Markteinführungen des neuen Golf und des Elektro-Autos ID.3 an, mal sollen sich Osterloh und Diess zuletzt um die Art und Weise, wie neue Vorstandsposten (Finanzen und Einkauf) besetzt werden, gezofft haben. Das Verhältnis der beiden zähen Alpha-Männer ist komplex. Zwischenzeitlich schien es, sie hätten sich wieder lieb, würden auf alle Fälle an einem Strang ziehen.

Wie ist nun wirklich die Lage bei Volkswagen? Peter Mosch, 48, sitzt als Audi-Gesamtbetriebsratsvorsitzender auch im VW-Aufsichtsrat, ja ist sogar Mitglied des Präsidiums dieser Einrichtung. Der gebürtige Neuburger warnt im Gespräch mit unserer Redaktion davor, immer alles an den Personen von Diess und Osterloh festzumachen, zumal die Arbeitnehmervertreter ja auch hinter der Person des Vorstandsvorsitzenden stünden: „Er treibt den Konzern nach vorne, er will die Wende hin zur Elektro-Mobilität schaffen.“ Mosch erkennt aber auch, „dass Diess glaubt, ihm laufe bei dieser gewaltigen Transformation an der ein oder anderen Stelle die Zeit davon, um den Tanker VW in eine andere Richtung zu lenken“. So erklärt er sich den Druck, unter dem der Konzern-Chef zu stehen glaubt. Doch der VW-Aufsichtsrat fordert: „Diess muss bei dem Umbau-Prozess immer wieder alle Stakeholder, also Anteilseigner, Betriebsräte und Politik, an einen Tisch holen. Das ist eine Stilfrage.“

Volkswagen ist ein besonderer Konzern

Volkswagen ist ein besonderer Konzern, gehört das Land Niedersachsen doch zu den größten Anteilseignern. Für die Landesregierung sitzen Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) im Aufsichtsrat. Hinzu kommt der starke Einfluss der Betriebsräte und der IG Metall, schließlich sollen allein am größten deutschen Standort Wolfsburg gut 90 Prozent der Mitarbeiter gewerkschaftlich organisiert sein. Eine solche diffizile Machtkonstellation, wie Diess sie aus seiner früheren Tätigkeit als BMW-Vorstand nicht kennt, erfordert Fingerspitzengefühl.

Vorstandsvorsitzender von VW: Herbert Diess.
Bild: Swen Pförtner, dpa (Archiv)

Audi-Mann Mosch glaubt indes, dass der Manager in der Lage ist, all den Interessensgruppen innerhalb des Konzerns gerecht zu werden. Das habe Diess schon erfolgreich bei einem wichtigen Unternehmensteil, nämlich dem Bereich „Volkswagen Komponente“ bewiesen, sozusagen dem konzerninternen Zulieferer mit weltweit 80.000 Mitarbeitern. Die Sparte ist seit 1. Januar 2019 eine eigenständige unternehmerische Einheit. Durch die Umorganisation lassen sich Synergien heben. Allein bis 2025 sollen so zwei Milliarden Euro eingespart und zugleich die Investitionen in die E-Mobilität erhöht werden. Mosch sieht den Fall als Musterbeispiel für eine gute Zusammenarbeit von Management und Arbeitnehmervertretern in der VW-Welt an: „Diess hat es geschafft, so einen rentablen Zulieferer zu formen.“ Vor zehn Jahren hätten viele das noch nicht für möglich gehalten und sogar eine Trennung von dem Bereich in Erwägung gezogen. „Heute sind wir konkurrenzfähig und sichern so zehntausende Arbeitsplätze ab“, freut sich der Audi-Betriebsratsvorsitzende.

Das Beispiel zeigt: Diess und Osterloh können zusammen etwas wuppen und sind sich nicht partout spinnefeind, wie es häufig kolportiert wird. Was beide Männer indes dann doch immer wieder aneinandergeraten lässt, ist die Frage des Tempos, mit dem der Konzern neu erfunden werden soll. Mosch sagt: „Diess will den Umbau schnell vorantreiben und spitzt viele Dinge zu. Uns als Arbeitnehmervertretern ist es aber wichtig, dass wir dabei die Belegschaften mitnehmen.“

Am Ende lobt der Audi- und VW-Aufsichtsrat den Volkswagen-Chef: „Ich denke, er ist zu Kompromissen bereit. Niemand will, dass Diess aufhört.“ Es gebe also auf Arbeitnehmerseite keine Forderungen, dass der VW-Chef besser frühzeitig gehen solle. Mosch betont deshalb: „Wir wollen mit Diess die nächsten Jahre weiterarbeiten.“

Der Arbeitnehmervertreter versteht dennoch die Diskussion um eine vorzeitige Vertragsverlängerung für den Manager nicht: „Das steht gar nicht zur Debatte. Der Vertrag mit Herrn Diess läuft noch über zwei Jahre.“ Das sieht der Volkswagen-Boss anders. Dabei scheint Diess sehr zufrieden zu sein, wie sich die Dinge bei Audi mit dem neuen Chef Markus Duesmann, 51, an der Spitze fügen. Mosch lobt „die gute Zusammenarbeit zwischen der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite bei Audi“. Bisher sei es immer gelungen, Kompromisse zu finden: „Das funktioniert in Ingolstadt.“

Audi wäre die Blaupause für VW

Audi wäre somit die Blaupause für den VW-Konzern für ein gedeihliches Miteinander von Managern und Betriebsräten. Dabei hat Diess Duesmann, der wie er zuvor bei BMW tätig war, nach Ingolstadt gelotst. Mosch weiß nur das Beste über den neuen Chef-Audianer zu berichten: „Er sprüht vor neuen Ideen und ist dabei, die neuen nachhaltigen Elektro-Fahrzeuge auf die Straße zu bringen.“ Dass der Arbeitnehmer-Mann dem Manager den Rücken stärkt, liegt sicher auch daran, dass Duesmann, wie er unserer Redaktion gesagt hatte, keinen zusätzlichen Arbeitsplatzabbau plane. Unter Bram Schot, dem Vorgänger des neuen Audi-Chefs, wurde vereinbart, dass maximal 9500 Arbeitsplätze bis 2025 an heimischen Standorten sozial verträglich, also vor allem über Altersteilzeit wegfallen sollen. Zugleich werden rund 2000 neue Stellen in Zukunftsfeldern wie Digitalisierung und Elektromobilität geschaffen. Darüber hinaus rüttelt der Audi-Chef nicht an der bis 2029 vereinbarten Beschäftigungsgarantie. Mosch ist davon überzeugt: „Duesmann ist ein Glücksfall für Audi.“

Dass Osterloh jemals über Diess einen solchen Satz sagen wird, gilt bei allem zumindest immer wieder vorübergehenden Ziehen an einem Strang als eher unwahrscheinlich.

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