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Augsburg

09.01.2019

"Spiegelburg" schließt: Haben Spielwaren-Läden noch eine Zukunft?

„Der Laden war wie mein Kind“: Margret Lermann hat fast 24 Jahre den Augsburger Spielwaren-Laden „Spiegelburg“ geführt.
Bild: Peter Fastl

Plus Die Deutschen geben jedes Jahr Milliarden für Spielwaren aus. Aber kleine Händler haben immer weniger davon. Nun sperrt Margret Lermann ihre "Spiegelburg" zu.

Als das Weihnachtsfest vorüber war und das neue Jahr ganz langsam erwachte, dekorierte Margret Lermann ihre Schaufenster neu. So wie sie es in den Jahren zuvor immer gemacht hatte, alle sieben Wochen, gemeinsam mit ihrem Dekorateur. Diesmal jedoch setzte sie in den meisten Fenstern keine Teddys oder Puppen hinter die Glasscheibe. Stattdessen hängte Lermann große Plakate in die Schaufenster. Rote Schrift auf gelbem Grund. Alles muss raus!!! 20 Prozent. Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe.

Damit machte die Händlerin offiziell, was sie für sich schon viele Wochen vorher entschieden hatte: Sie schließt ihren Laden, das Spielzeuggeschäft „Spiegelburg“ in der Augsburger Altstadt, nur 200 Meter von der Puppenkiste entfernt. In sechs Wochen läuft der Mietvertrag aus. Dann wird all das ausgeräumt sein, was sich jetzt noch hinter der Ladentür verbirgt: die Malbücher, die Holzautos und Schaukelpferde. Sogar an einigen der verspielten Holzregale, in denen die Ware steht, haftet bereits ein Zettel: verkauft. Wenn Lermann ihr Geschäft schließt, wird wieder ein Spielwarenladen aus dem Stadtbild verschwinden, wie so viele zuvor.

Aus für die "Spiegelburg" nach fast 24 Jahren

Mehr als zwei Jahrzehnte hat Lermann den Laden geführt, im März wären es 24 Jahre geworden. Als er aufmachte, war der Internet-Händler Amazon gerade einmal ein Jahr alt, kaum jemand hatte ein Handy, Smartphones waren noch nicht erfunden. Seitdem hat sich die Welt um den Laden herum rasant verändert und mit ihr auch die Kunden. „Am Ende“, sagt Margret Lermann, „ist die Schließung die richtige Entscheidung.“

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Lermann ist eine zierliche Frau, 53 Jahre alt, mit kurzen, grauen Haaren. Sie lacht, wirkt fast entspannt. Nur ihre Augen sind leicht gerötet, es sind emotionale Tage für sie. Die Händlerin sitzt an diesem Abend kurz nach Ladenschluss in ihrem kleinen Büro, die Regale hinter ihr sind leer, auch der Keller ist schon ausgeräumt. „Das ist vielleicht das Schwierigste“, sagt Lermann. „Dem Impuls zu widerstehen, immer wieder Ware nachzubestellen.“ Schon im Sommer war bei ihr der Gedanke gekeimt, dass es vielleicht nicht mehr lange so weitergehen würde. Zu schlecht waren die Zahlen, zu schleppend der Umsatz, den das Geschäft im Internet machte. Lermann wollte abtreten, solange das noch in Würde möglich ist. Leicht fällt es ihr nicht. „Der Laden“, sagt sie, „war wie mein Kind.“ Eines, von dem sie sich nun verabschieden muss.

„Hoflieferant für kleine Prinzen und Prinzessinen“ steht auf der Fassade des Gebäudes, in dem die „Spiegelburg“ untergebracht ist.
Bild: Peter Fastl

So wie Margret Lermann geht es vielen Spielwarenhändlern. Überall im Land haben sie in den vergangenen Jahren ihre Geschäfte zugemacht. Haben ihre Eisenbahnen, Legosteine und Experimentierkästen verkauft, bis schließlich nichts mehr übrig war, das sich verkaufen ließ. Allein zwischen 2014 und 2016 verschwanden in Deutschland 162 Läden aus der offiziellen Statistik, die meisten davon waren kleine Geschäfte wie das von Margret Lermann.

Augsburg verliert jetzt gleich zwei Spielzeugläden

Auch in der Region gibt es sie immer wieder, diese Fälle. In Donauwörth zum Beispiel, wo vor drei Jahren der traditionsreiche Spielwaren Ludl zusperrte. In Krumbach, wo das Kinderhaus Laber vor zwei Jahren verkauft und zu einem Hotel umgebaut wurde. Oder in Aichach, wo der alteingesessene Spielwaren Neuß vor zwei Jahren für immer seine Türen schloss.

Augsburg verliert in diesen Wochen auf einen Schlag gleich zwei Spielzeuggeschäfte: Neben der „Spiegelburg“ schließt auch „Pfiffigunde“ im Stadtteil Göggingen. Der gleichnamige Buchladen bleibt hingegen bestehen.

Marion Schubert, Inhaberin des Spielwarenladens, erzählt eine Geschichte, die ganz ähnlich klingt wie die von Margret Lermann. Auch sie musste lange mit sich ringen, bis sie ihre Entscheidung traf. „Das Herz“, erzählt sie, „sagt Nein. Der Verstand sagt Ja.“

Für beide Händlerinnen hat sich das Geschäft mit Spielwaren irgendwann nicht mehr gerechnet. Das ist erst einmal erstaunlich. Denn der Branche geht es gut, sie hat sich auf einem hohen Niveau eingependelt. 2017 haben Kunden etwa 3,1 Milliarden Euro für Spielzeug ausgegeben. Für das vergangene Jahr hat der Handelsverband Spielwaren ähnliche Einnahmen erwartet. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren waren es noch 2,2 Milliarden Euro.

Wo aber wird dieses Geld ausgegeben, wenn es nicht bei den Händlern in den Innenstädten landet? Ein Teil geht in große Geschäfte auf der grünen Wiese, die gut mit dem Auto zu erreichen sind; Fachmärkte wie Spiel & Freizeit in Gersthofen. Die graue Halle am Rand der schwäbischen Kleinstadt beherbergt einen der größten Spielwarenhändler Europas. 50.000 Produkte stehen hier in den Regalen. Fragt man Geschäftsführer Karl-Hans Pfleger, wie es seiner Branche geht, dann klingt das, als spreche er von einem anderen Wirtschaftszweig als Marion Schubert oder Margret Lermann. Die Sparte, sagt Pfleger, entwickle sich „sehr positiv“ – trotz der Konkurrenz aus dem Internet. Pfleger hat dafür eine Erklärung: Spielzeug, sagt er, müsse „von Eltern, Großeltern und natürlich von den Kindern haptisch erfasst werden“.

Das Internet ist der große Gewinner in der Spielwaren-Branche 

Und doch fließt der größere Teil des Geldes, das für Spielzeug ausgegeben wird, nicht mehr in die Läden vor Ort, sondern ins Internet. Nur noch knapp ein Drittel der Umsätze werden im Fachgeschäft gemacht. Im Netz sind es dagegen bereits 39 Prozent. Das ist erstaunlich viel – besonders wenn man die Zahl mit dem sonstigen Einkaufsverhalten der Deutschen vergleicht. Denn insgesamt werden im Handel noch 90 Prozent des Umsatzes in den Läden vor Ort gemacht. Spielwaren verkaufen sich im Internet also überdurchschnittlich gut.

Für Eva Stüber ist das keine Überraschung. „Spielzeug hat eine hohe Online-Affinität, lässt sich also ähnlich wie Bücher leicht verschicken“, sagt die Expertin des Instituts für Handelsforschung, kurz IFH. Dazu kommt: Anders als bei Kleidung müssten die Produkte nicht erst ausgesucht und anprobiert werden. Oftmals würden ganz konkrete Produkte gesucht, da Kinder sehr klare Wünsche hätten. Die Eltern müssen dann nur noch die Produktnamen in die Suchmaschine eintippen. Das Lego-Set oder die Rennbahn können so vom Sofa aus bestellt werden – noch dazu zum günstigsten Preis. Kleine Läden, sagt Stüber, könnten da oft nicht mithalten: weil ihre Lager dafür gar nicht groß genug sein können.

Lego wird schon noch verkauft. Aber die kleinen Spielwaren-Händler haben immer weniger davon.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Gleichzeitig hat sich das Konsumverhalten stark verändert, erläutert die Expertin. Wer heute Geschenke einkaufe und Besorgungen mache, wolle das möglichst schnell und bequem erledigen, wie er es aus dem Internet gewöhnt sei. Die Innenstadt-Läden könnten das oftmals gar nicht oder nicht in der Form bieten.

Nach Stübers Ansicht müssen sich kleinere Geschäfte deshalb auf anderen Gebieten um ihre Kunden bemühen: „Wer Spielzeug verkaufen möchte, muss einen Mehrwert bieten, der auf die Bedürfnisse der Kunden abzielt – ein klares Leistungsversprechen.“ So könnten Händler Kinder und Eltern begeistern und hätten damit einen Vorsprung gegenüber dem Internet.

Die „Spiegelburg“-Chefin sagt: Wir haben alle Ratschläge befolgt

Margret Lermann, die Besitzerin der „Spiegelburg“, lächelt ein wenig gequält, wenn es um diese Dinge geht. „Das haben wir alles gemacht“, sagt sie. Sie zeigt auf einen Stapel mit Fachmagazinen und Branchenblättern. „Wir haben die ganzen Ratschläge befolgt, die da drin stehen.“ Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie schon Mitte der 90er Jahre einen Online-Shop eingerichtet, ist am Wochenende auf Messen gefahren. Hunderte Kinder holte sie über die Jahre für Aktionen in den Laden, mietete einen Kinosaal für ihre Kunden und ließ ein Theaterstück aufführen. Im Publikum saßen über 200 Kinder, kostümiert als Drachen und Prinzessinnen. Margret Lermann ist, man kann das so sagen, eine Vorzeigehändlerin. Am Ende hat es trotzdem nicht gereicht.

Für Lermann gibt es nicht den einen Grund, warum das Geschäft irgendwann nicht mehr lief. Es ist eine Mischung aus vielen Ursachen: natürlich das Internet, die Sonderangebote der Discounter, vielleicht auch die Kunden selbst. „Es gibt diesen Preisverfall“, sagt sie. „Einigen Menschen ist alles immer nur zu teuer.“ Viele Kunden seien durch die ständigen Sonderangebote der Konkurrenz verwöhnt, hätten oft kein Gefühl mehr für den Wert eines Gegenstands.

Und dann noch die Baustelle in der Bäckergasse

Dazu kam im vergangenen Jahr noch eine Baustelle. Die Augsburger Bäckergasse, die Straße vor dem Laden, wurde saniert. Um 50 Prozent brachen die Umsätze zwischenzeitlich ein, erzählt Lermann. Das legte die Probleme frei, die vorher zwar auch schon da, aber noch deutlich kleiner gewesen seien.

„Es ist gut so, wie es jetzt ist“, sagt Lermann jetzt im Büro und steht von ihrem Hocker auf. Sie geht nach vorne in den Laden, vorbei an der rustikalen Verkaufstheke, die sie dort aufgestellt hat, damit es aussieht wie in einem Kaufmannsladen. Draußen ist es dunkel, die Tür ist schon abgeschlossen. Lermann nimmt hier und da noch Spielzeug in die Hand: ein aufwendig gestaltetes Malbuch, einen Bastelkasten. Viele Stammkunden sind heute in den Laden gekommen, erzählt sie. Die meisten seien fassungslos gewesen, immer wieder hätten Kunden sie umarmt.

Was wird ihr am meisten fehlen, wenn der Laden zu ist? Lermann überlegt und sagt dann: „Die Gesichter der Kinder.“ Die leuchtenden Augen, wenn sie die Regale anschauen. „Diese Nähe, dieses Familiäre, das werde ich vermissen.“

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