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Springer
28.04.2021

TV-Pläne bei Axel Springer: Wird Bild das deutsche Fox News?

Julian Reichelt ist für viele eine Hassfigur.
Foto: Bernd von Jutrczenka, dpa

Der Axel Springer-Konzern möchte noch vor der Bundestagswahl einen TV-Sender unter der Marke „Bild“ starten. Welche Rolle der umstrittene Chefredakteur Julian Reichelt dabei spielt.

Berlin 1965 haben Westdeutschlands Parteien „Angst vor einem einzelnen Mann“, schreibt damals das Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Deutschlands mächtigster Verleger, Axel Springer, plane gemeinsam mit den etwa 500 Tageszeitungsverlegern das ZDF in Mainz zu übernehmen. Soweit kam es dann nicht. Das Fernsehen aber faszinierte den Zeitungskönig Springer, der seine Bild-Zeitung als „gedruckte Antwort auf das Fernsehen“ verstand, schon früh und sein Leben lang. Für einen einzigen Sender, soll er einmal gesagt haben, würde er alle seine Blätter verkaufen.

Der Einstieg ins Fernsehgeschäft gestaltete sich jedoch – unter anderem aus kartellrechtlichen Gründen – stets als schwierig und war mit Rückschlägen für den Axel Springer-Konzern verbunden. Nun könnte manches anders werden. BildDeutschlands größte Boulevardzeitung – plant mit einem frei empfangbaren Fernsehsender unter der Marke „Bild“, und der Start soll möglichst noch vor der Bundestagswahl sein. Für Axel Cäsar Springer, der 1985 starb, wäre damit vermutlich ein Traum in Erfüllung gegangen.

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE.
Foto: Bernd von Jutrczenka, dpa

Schon Bild-Gründer Axel Cäsar Springer war fasziniert vom Fernsehen

Andere dagegen befürchten Schlimmes, ein deutsches Fox News – also einen Kampagnen- und Krawallsender; eine Art verfilmte, fürs Fernsehen aufbereitete Bild-Zeitung oder Bild.de. Geht man von den Bild-Schlagzeilen der vergangenen Monate aus, wäre das ein Boulevardfernsehen, wie es Deutschland so noch nicht gesehen hat. Denn es würde sich nicht auf Promi- oder Verbrechensberichterstattung beschränken, sondern zentral auch mit Politik beschäftigen. Und das vor allem polemisch stark zugespitzt.

Ein Bild-Aufmacher lautete kürzlich etwa: „Merkels Einsperr-Gesetz“. Und Chefredakteur Julian Reichelt kommentierte zum Infektionsschutzgesetz: „Der 21. April wird in die Geschichte eingehen als der Tag, an dem die demokratisch gewählte Regierung eines freiheitsliebenden Landes beschlossen hat, dass sie die Bürger einsperren kann.“

Seit 2018, seitdem Julian Reichelt alleiniger Chef auch der gedruckten Bild wurde, reihte sich eine Kampagne an die nächste. Scharf im Ton und häufig journalistisch höchst unsauber. Die Zahl der Rügen des Presserates zeugt davon. Handwerklich und medienethisch überaus fragwürdig sprangen Reichelt und seine Redaktion auch mit dem Virologen Christian Drosten um – was sogar Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, öffentlich einen „dummen Fehler“ nannte.

Döpfner hielt gleichwohl an Reichelt fest – selbst als sich dieser schweren Vorwürfen, darunter Machtmissbrauch, gegenüber sah und einem sogenannten Compliance-Verfahren stellen musste, zeitweilig freigestellt wurde und sich danach entschuldigte. Für Beobachter ist es ein Rätsel, warum Döpfner ihn gewähren ließ und lässt. Leonard Novy, Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik in Köln und Berlin – ein Think Tank – sagt im Gespräch mit unserer Redaktion: „Dass der Verlag an ihm festhielt, mag oberflächlich betrachtet – weil es den Erwartungen der Branche zuwiderlief – als Sieg durchgehen. Aber es gehört schon viel Fantasie dazu, die Position Reichelts als gestärkt zu bezeichnen.“ Manchmal komme es in ähnlichen Situationen ja auch mit etwas zeitlichem Abstand zu personellen Veränderungen, meint Novy, "offiziell in bestem Einvernehmen und natürlich ohne jeden Zusammenhang mit den Geschehnissen der Vergangenheit."

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, hält an Bild-Chefredakteur Julian Reichelt fest

Vor gut einem Monat hieß es in einer Springer-Presseerklärung: Der Vorstand sei zum Ergebnis gekommen, dass es nicht gerechtfertigt wäre, Reichelt aufgrund der festgestellten, strafrechtlich nicht relevanten Fehler in seiner Amts- und Personalführung von seinem Posten als Chefredakteur abzuberufen. „In die Gesamtbewertung sind auch die enormen strategischen und strukturellen Veränderungsprozesse und die journalistische Leistung unter der Führung von Julian Reichelt eingegangen.“

Zugleich wurde ihm Alexandra Würzbach – Chefredakteurin der Bild am Sonntag – als gleichberechtigte Vorsitzende aller Bild-Chefredaktionen an die Seite gestellt. Am vergangenen Montag wurde bekannt, dass beide aufgrund einer Umstrukturierung die Bild-Geschäftsführung, in der sie ebenfalls waren, verlassen – damit sie sich besser auf ihre Aufgaben als Chefredakteure konzentrieren könnten. Reichelt solle sich insbesondere den Bewegtbild-Plänen von Bild widmen, in die Springer massiv investiert.

Medienanstalt Berlin-Brandenburg: Ein Lizenzantrag liegt noch nicht vor

Seit vergangenem Samstag sendet bereits der Springer-Nachrichtensender Welt live aus den Studios im Berliner Axel-Springer-Neubau, wo nun auch das gesamte journalistische digitale Angebot der Zeitungen Die Welt und Welt am Sonntag produziert wird – ebenfalls mit Blick auf die Bundestagswahl. Bild und Welt sollen gemeinsame Technik und digitale Infrastruktur nutzen.

Neben Reichelt soll vor allem Claus Strunz, einst Chefredakteur der Bild am Sonntag, als Programmchef des neuen Bild-Senders die Bewegtbild-Strategie vorantreiben. Wie das Fernsehprogramm einmal aussehen könnte, lässt „Bild Live“ erahnen, das im Internet übertragen wird. Dort berichtet der stellvertretende Bild-Chefredakteur Paul Ronzheimer teils stundenlang von den Ministerpräsidentenkonferenzen – und geht in Interviews Spitzenpolitiker hart an. Oft mit hohem Erkenntniswert. Daneben lief eine Sondersendung namens „Trump-weg!-Tag“ zur Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden aus einem nachgebauten Oval Office – oder die Doku „Die peinlichsten Sex-Geschichten der Welt“.

Ein deutsches Fox News wäre eine potenziell aussichtsreiche Nische, sagt Experte Leonard Novy

Vor allem Strunz, der in der Vergangenheit als „Rechtspopulist“ und „Spalter“ kritisiert wurde, dürfte mit seinen Kommentaren provozieren („Merz muss in die FDP!“) und das Programm prägen. Entsteht hier also ein deutsches Fox News? „Strategisch macht es – mit Blick auf Relevanz wie Einnahmen – sicher Sinn, die Marke weiter in den Bewegbildmarkt zu verlängern“, erklärt Leonard Novy. „Aber die Konkurrenz ist groß. Eine potenziell aussichtsreiche Nische wäre in der Tat ein deutsches Fox News. Folgt man diesem Vorbild wäre damit aber eine selbst für Springer-Verhältnisse ungeahnte ideologische Festlegung verbunden.“ Und weiter: Hinter dem Krawall-Kurs der Bild stecke unter anderem der Versuch, sich gegen massive Auflagenverluste zu stemmen, die auch durch Zuwächse im Digitalen nicht kompensiert werden konnten. „Und dann schlägt man eben um sich, zündelt und gefällt sich im Anti-Establishment-Gestus“, so Novy.

Claus Strunz war 2017 einer der Moderatoren des TV-Duells zwischen der Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz.
Foto: dpa

Reichelt selbst sagte, das Bild-Programm solle Menschen nicht belehren. Ein Seitenhieb auf den beitragsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der gerade von Bild immer wieder scharf kritisiert wird wegen seiner angeblich links-grünen Agenda. Ernsthafte Konkurrenz wird ARD und ZDF durch Springers Bewegtbild-Strategie insgesamt kaum entstehen – außer in der Live-Berichterstattung. Dort hat „Bild Live“ schon bewiesen, dass es deutlich schneller auf Sendung sein kann – zuletzt etwa bei der Entscheidung des CDU-Bundesvorstands zugunsten Armin Laschets als Kanzlerkandidaten, die spätnachts fiel. Bild informierte ausführlich und journalistisch korrekt.

Wann genau Bild mit seinem Free-TV-Sender startet, ist noch unklar. „Ein Lizenzantrag liegt der Medienanstalt Berlin-Brandenburg noch nicht vor, wurde uns aber angekündigt“, sagte Sprecherin Anneke Plaß auf Anfrage. Üblicherweise dauere so ein Lizenzverfahren etwa zwei bis drei Monate.

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