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Interview

21.03.2018

Top-Ökonom Vöpel: „Nach dem Handels- droht ein Währungskrieg“

Die G20-Staaten haben sich nach ihrem Finanzminister-Treffen in Argentinien nicht auf die Verurteilung von Donald Trumps Strafzöllen verständigen können.
Bild: Roland Weihrauch, dpa

Der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts warnt vor einer Ausweitung des Wirtschaftskonflikts mit den USA. Europa dürfe aber nicht tatenlos zusehen.

Herr Professor Vöpel, kann man denn die USA dazu bewegen, dauerhaft auf Zölle zu verzichten?

Henning Vöpel: Nein, ich glaube, es gibt keine realistische Chance, Donald Trump dazu zu bewegen, von seinen Plänen abzurücken. Trump von den Zöllen abbringen zu wollen, das scheint mir ein aussichtsloses Unternehmen zu sein. Ich denke, dass die Zölle wie angekündigt auf Stahl und Aluminium eingeführt werden, wenn auch hoffentlich nicht auf Autos. Man sollte aber versuchen, auf dem Verhandlungswege die Eskalation zu vermeiden. Denn daran kann keiner ein Interesse haben. Ich halte es deshalb richtig, dass man den Dialog sucht.

Welche Folgen drohen durch die Zölle der europäischen Wirtschaft?

Top-Ökonom Vöpel: „Nach dem Handels- droht ein Währungskrieg“

Vöpel: In Deutschland und Europa gibt es zwar noch Stahlproduktion, aber die gesamtwirtschaftliche Wirkung der US-Zölle wäre vorerst nicht so stark. Stärker träfe es Länder wie Brasilien und China. Gerade China steht mit Blick auf die geostrategische Bedeutung im Fokus von Donald Trump. Auf die deutsche Wirtschaft dürften die Auswirkungen zunächst gering sein. Wir wissen aber auch, dass Zölle, vor allem wenn sie Gegenmaßnahmen hervorrufen, langsam andere Sektoren in der Wirtschaft erfassen. Würde Deutschland in einen globalen Handelskrieg hineingezogen, wäre die gesamte Exportwirtschaft, vor allem der deutsche Maschinenbau oder die Automobilindustrie, betroffen.

Müssen also deutsche Firmen irgendwann in den USA produzieren?

Vöpel: Das ist einer der Hebel, den Donald Trump ganz bewusst in Bewegung setzt. Bereits durch seine Steuerreform hat er versucht, amerikanische Firmen zu bewegen, ihre im Ausland geparkte Gewinne und Gelder in die USA zurückzuholen. Jetzt geht es darum, die ausländischen Firmen zu motivieren, nicht in die USA zu exportieren, sondern ihre Produktion selbst in die USA zu verlagern. Einige deutsche Mittelständler hegen bereits solche Überlegungen. Wenn es Donald Trump gelänge, auf dem Wege einer Steuerreform oder mit protektionistischen Maßnahmen Direktinvestitionen in die USA zu locken, dann könnte eine solche Politik sogar kurz- bis mittelfristig erfolgreich sein.

Wie soll die EU reagieren? Dort diskutiert man ja bereits eigene Zölle auf Jeans oder US-Whiskey.

Vöpel: Ich glaube, es ist richtig, dass man nicht tatenlos zusieht. Es gibt Stimmen, die sagen, man dürfte keine Gegenmaßnahmen ergreifen. Das halte ich für falsch. Denn wir bewegen uns jetzt in der Logik eines Gefangenendilemmas. Natürlich sind alle besser gestellt, wenn wir keine Zölle oder nicht-tarifäre Handelshemmnisse erheben. Wenn aber ein Land die eigene Wirtschaft schützt, dann lautet die rationale Antwort, das Gleiche zu tun. Gefährlich wird es natürlich, wenn wir uns nur noch in dieser Vergeltungs-Logik bewegen und die Diplomatie versagt. Dann ist der Weg in einen Handelskrieg nicht mehr weit.

Trump hat auch angekündigt, den Dollar abwerten zu wollen, um den US-Export zu fördern. Auch das ginge zu Lasten anderer Exportländer. Stehen hier noch weitere Konflikte bevor?

Vöpel: Neben dem Handelskrieg könnte auch ein Währungskrieg drohen. Es geht also nicht nur um handelspolitische Fragen, sondern auch im währungspolitische Fragen. Das hat noch niemand so richtig auf dem Schirm, das Thema wird aber kommen. Die Kombination aus Handels- und Währungskrieg wäre aber fatal für eine Weltwirtschaft, die gerade dabei ist, sich endgültig von der Finanzkrise 2007/08 zu erholen.

Henning Vöpel ist Direktor des Hamburgischen Instituts für Weltwirtschaft.
Bild: HWWI

Wie könnte ein Ausweg aussehen, um den Währungskrieg zu verhindern?

Vöpel: Wechselkursmanipulationen sind ein beliebtes Mittel, um kurzfristig die eigene Wirtschaft zulasten anderer Länder anzukurbeln. Wichtiger ist jedoch das US-Handelsbilanzdefizit, das eines der gravierenden strukturellen Probleme der Weltwirtschaft ist. Wir sehen erste Anzeichen, dass ausländische Anleger, insbesondere China, Zweifel an der US-Wirtschaft haben. Sie finanzieren bisher das Handelsbilanzdefizit. Im schlimmsten Fall könnten die Zweifel in einer unkontrollierten Dollar-Krise münden. Das wäre fatal, da die globalen Finanz- und Kapitalmärkte den Dollar als Ankerwährung nutzen. Insofern müssen wir auch sehen, dass wir die währungspolitische Architektur stabilisieren, indem wir mehrere Reservewährungen etablieren, zum Beispiel den Euro. Die US-Wirtschaft leidet nämlich darunter, dass der Dollar die dominierende Reservewährung ist. Dies führt zu einer Überbewertung des Dollar und dem chronischen Leistungsbilanzdefizit der USA.

Wie könnten die USA den Dollar abwerten?

Vöpel: Die Amerikaner müssten letztlich mehr sparen, um das Leistungsbilanzdefizit strukturell zu reduzieren. Nur über eine Abwertung des Dollar ist das unmöglich. Da in den USA derzeit die Zinsen steigen, erleben wir vielmehr das Gegenteil. Kapital strömt in die USA. Dazu kommt, dass der Dollar als Reservewährung wie gesagt eine starke Stellung hat.

Hat Trump mit seinen Maßnahmen am Ende also vielleicht sogar doch recht? Er will ja die US-Wirtschaft stärken und das Handelsdefizit senken.

Vöpel: Trump argumentiert immer, die USA würden von den Handelspartnern ausgebeutet, weshalb die US-Wirtschaft geschützt werden müsse. Das ist eine ökonomische Fehleinschätzung. Ich halte die Trumpschen Maßnahmen zur Reduzierung des Handelsdefizits für ungeeignet. Am Ende werden sie die US-Wirtschaft am härtesten treffen.

Weshalb?

Vöpel: Die internationale Arbeitsteilung ist noch immer eine starke Quelle von Wohlstand, auch wenn einige Ökonomen dies derzeit am liebsten in Frage stellen würden. Die Strategie, Importe durch heimische Produktion zu ersetzen, ist wirtschaftshistorisch katastrophal verlaufen. Nicht nur die USA, auch der russische Präsident Putin versucht das gerade. Es ist aber völlig unmöglich, die heimische Wirtschaft darauf zu trimmen, alle bisher importierten Güter selbst zu erzeugen. Das sind enorme Wohlfahrtsverluste, die daraus folgen.

Sie sind also überzeugt, dass die Trumpsche Strategie nicht aufgeht?

Vöpel: Protektionismus kann kurzfristig positive Effekte haben. Mittel- bis langfristig überwiegen aber die Schäden. Ich bezweifele es stark, dass es in den USA gelingen wird, die verloren gegangenen Industriearbeitsplätze im Mittleren Westen zurückzuholen. Einer Untersuchung der OECD zufolge sind die Arbeitsplätze nicht durch Handelsbeziehungen verschwunden, sondern aufgrund von veralteter Technologie: Man hat technologische Entwicklungen verschlafen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Chinesen den Stahlmarkt durch Subventionen verzerrt haben, so dass es heute Überkapazitäten gibt.

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