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Lebensmittel

08.02.2019

Warum Bio boomt - und doch nicht aus der Nische kommt

Die Befürworter des Volksbegehrens Artenvielfalt fordern unter anderem, dass Bio-Äcker bis zum Jahr 2030 ein Drittel der gesamten Anbaufläche ausmachen sollen. Ist das realistisch?
Bild: David-Wolfgang Ebener, dpa

Obwohl die Umsätze wachsen, erreichen Bio-Produkte nicht die Masse der Menschen. Die Branche will das ändern. Bei den Methoden sind sich aber nicht alle einig.

Vor einem Jahr hatte die deutsche Bio-Branche Grund zu feiern. Um die guten Nachrichten zu verkünden, lud Felix Prinz zu Löwenstein, Öko-Landwirt und so etwas wie der oberste Bio-Lobbyist des Landes, auf dem Nürnberger Messegelände zur Pressekonferenz. Zur Begrüßung gab es für die Teilnehmer zunächst eine Karotte, dann folgten die Neuigkeiten: Der Chef des Bunds für Ökologische Lebensmittelwirtschaft verkündete, dass der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln 2017 erstmals über die Marke von zehn Milliarden Euro geklettert sei. "Jeder zehnte Hof macht Bio", berichtete zu Löwenstein und freute sich über eine "starke Umstellungsdynamik". Selbst der eher für seine unaufgeregte Art bekannte Ex-Agrarminister Christian Schmidt gab sich damals euphorisch: "Bio", resümierte der CSU-Politiker, "ist längst kein Nischenprodukt mehr."

In der Tat erlebt die Öko-Branche seit einigen Jahren einen gewaltigen Boom. Die Umsätze mit ökologischen Lebensmitteln sind in den vergangenen neun Jahren kontinuierlich gewachsen, allein zwischen 2010 und 2017 um rund vier Milliarden Euro. Während die Bio-Pioniere vor 30, 20 und sogar zehn Jahren noch als „Müslis“ verlacht wurden, sind Naturkost-Produkte heute aus dem Handel nicht mehr wegzudenken. Supermärkte verkaufen Öko-Fleisch und nachhaltig hergestellte Schokolade, selbst Aldi und Lidl buchen große Plakatwände, um für ihre Bio-Produkte zu werben. Laut "Ökobarometer" sagt jeder zweite Deutsche von sich, gelegentlich Biolebensmittel zu kaufen.

Bio hat einen Anteil von fünf Prozent am Lebensmittelmarkt

So ganz geht die Bio-Rechnung allerdings nicht auf. Denn die Umsätze wachsen zwar, der Anteil von Bioprodukten am gesamten Lebensmittelmarkt ist mit etwa fünf Prozent aber weiterhin verschwindend gering. Anders gesagt: Die breite Masse erreichen ökologische Lebensmittel noch lange nicht.

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Für Birgit Czinkota ist das keine Überraschung. Die Expertin des Marktforschungsunternehmens Nielsen hat für eine Studie die Essgewohnheiten der Deutschen erforscht. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass zwar 84 Prozent der Menschen "bewusste Esser" sind, sich also über das Gedanken machen, was auf ihrem Teller landet. Doch der Verbraucher ist auch wankelmütig. Vor dem Supermarkt-Regal entscheidet er oftmals anders als auf dem Papier. So zählt die Studie 16 Prozent aller Konsumenten zu den "Unbekümmerten". Ihnen, sagt die Expertin, sei vor allem wichtig, dass es schnell geht. "Sie achten weder auf Cholesterin noch auf Zucker, Hauptsache, es schmeckt." Nur ungefähr jeder zehnte Verbraucher, erläutert Czinkota, habe dagegen den Anspruch, regelmäßig Bio-Lebensmittel zu kaufen und lediglich vier Prozent aller Deutschen seien wirkliche Gewissensentscheider, achten also auch auf Tierwohl und Naturschutz. Der Rest ist irgendwo dazwischen.

Gehen 30 Prozent Bio-Landbau an der Realität im Handel vorbei?

Kann es also sein, dass Bio-Ware letztlich doch ein Nischenprodukt ist, es immer bleiben wird? Und dass eine Zielvorgabe von 30 Prozent Öko-Landbau bis zum Jahr 2030 – wie sie aktuell im Volksbegehren Artenvielfalt gefordert wird – an der Realität im Handel vorbeigeht?

Nein, sagt Jan Plagge. Für den Präsidenten des Anbauverbands Bioland ist es "selbstverständlich möglich", dass in gut zehn Jahren ein Drittel der Anbaufläche ökologisch bewirtschaftet wird. Aktuell sind es etwa zehn Prozent. Bundesländer wie Baden-Württemberg oder das Saarland hätten sich bereits entsprechende Ziele gesetzt, in Österreich sind schon jetzt 24 Prozent aller Äcker Bio-Flächen.

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Dafür stehen die Lebensmittel-Siegel
Bild: David Ebener, dpa

Plagge ärgert sich über den Bayerischen Bauernverband, dessen Präsident Walter Heidl kürzlich mitteilen ließ, dass die Nachfrage nach Öko-Produkten für eine solche Zielvorgabe einfach nicht ausreichend sei. "Der Bauernverband lebt offenbar in einer Welt ohne Zukunft", sagt Plagge. "So wie die Bauern von konventioneller auf biologische Landwirtschaft umstellen, stellen sich auch die Verbraucher um." Die Zahlen geben ihm recht: Allein im vergangenen Jahr ist die Menge der verkauften Bio-Milch um 20 Prozent gestiegen. Vor fünf Jahren, sagt er, wurde diese Menge noch nicht produziert – und heute ist die Nachfrage dennoch da. Man könnte auch sagen: Bio boomt, allerdings immer noch auf einem niedrigen Niveau.

Lidl verkauft Bioland-Produkte

Plagge will das ändern und ökologische Produkte in alle Teile der Gesellschaft bringen. Dafür gehen er und sein Verband einen Weg, der einige in der Branche irritiert. Seit dem vergangenen Jahr verkauft der Discounter Lidl Produkte der Bioland-Bauern. Jenes Unternehmen also, das damit wirbt, "dauerhaft billig" zu sein. Wie, fragt sich manch einer, passt das zu einer Branche, die nicht nur ein strenger Regelkatalog für die Landwirtschaft verbindet, sondern vor allem eine Geisteshaltung?

Jan Plagge hat in den vergangenen Wochen oft über dieses Thema gesprochen. Er sagt ganz offen: "Für uns war das kein einfacher Schritt." Zwei Jahre lang haben Bioland und Lidl verhandelt, nachdem der Discounter mit seiner Anfrage auf den Verband zugekommen war. "Wir haben Bedingungen und Regeln gesetzt", sagt Plagge, an diese müsse sich Lidl nun halten. Dazu gehört eine Fairplay-Richtlinie, die vorgibt, wie der Händler mit den Bioland-Erzeugern umgehen muss. Handelt der Konzern nicht danach, können sich die Landwirte bei einer eigens eingerichteten Bioland-Ombudsstelle anonym beschweren. Dazu kommt eine Werbe-Vorgabe: Lidl, sagt Plagge, muss bei der Bewerbung der Bioland-Produkte die Qualität und den Mehrwert in den Mittelpunkt stellen, nicht den Preis.

Verband fordert geringere Mehrwertsteuer für Bio-Produkte

Elke Röder sieht die Kooperation dennoch kritisch. Aktiv Öko-Waren in die Discounter zu bringen, kann sie nicht gutheißen. "Ich finde, das ist der falsche Weg", sagt die Geschäftsführerin des Verbands Naturkost Naturwaren, der sowohl die Hersteller von ökologischen Lebensmitteln als auch den Bio-Fachhandel vertritt. Die Expertin schlägt eine andere Lösung vor. Sie setzt auf die Kunden, aber auch auf die Politik. „Nicht alle Fragen können dem Verbraucher überlassen werden“, sagt die Verbandsfrau. Die Expertin ist der Meinung, dass konventionelle Produkte höher besteuert werden sollten, der Staat also einen nachhaltigen Konsum lenken muss. Mit den Einnahmen aus dem Mehr an Mehrwertsteuer könnten dann Bauern, die ökologische Landwirtschaft betreiben, subventioniert werden. Denn eigentlich, betont Röder, seien konventionelle Lebensmittel viel zu günstig – weil die Allgemeinheit für Umweltschäden aufkommen müsse, die durch Stickstoff, Treibhausgase und einen zu hohen Energieverbrauch entstehen. Eine Studie der Universität Augsburg kommt zu dem gleichen Ergebnis. Für Fleisch aus konventioneller Landwirtschaft müssten Verbraucher demnach fast das Dreifache zahlen, für Milch immerhin noch das Doppelte.

Röder glaubt, dass die deutsche Landwirtschaft grundsätzlich umgebaut werden muss, hin zu mehr naturnahem Landbau und weg von der Massentierhaltung. Das Geschäftsmodell der Billig-Läden passe dazu einfach nicht. „Discounter haben schon lange die Möglichkeit, allen Bauern anständige Preise zu zahlen – und tun es trotzdem nicht.“

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