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Mythen
19.09.2016

Ötzi: Nach dem Fund folgte eine Todesserie

Vor 25 Jahren wurde in den Ötztaler Alpen der Mann aus dem Eis entdeckt. Viele Mythen und Verschwörungstheorien ranken sich um den Jahrhundert-Fund des sogenannten Ötzi.
Foto: Andrea Solero, afp

Vor 25 Jahren wurde der Ötzi im Eis entdeckt. Viele Mythen und Verschwörungstheorien ranken sich um den Jahrhundert-Fund. Es geht um Mord und eine Todesserie.

Die Wanderin aus Köln ist überzeugt: „Das hier ist ein besonderer Ort“, sagt sie und nimmt ihren Rucksack von den Schultern. Wir stehen am Tisenjoch auf 3200 Metern Höhe, unmittelbar an der Grenze zwischen Österreich und Italien. Das Joch liegt zwischen dem Südtiroler Schnalstal und dem Tiroler Ötztal.

Die Sicht auf zig vergletscherte Gipfel der Ötztaler Alpen an diesem sonnigen Spätsommer-Morgen ist überwältigend. Ja, wiederholt die Frau, das sei schon ein mystischer Ort: „Weil man ihn hier gefunden hat.“ Sie meint Ötzi, wie die 5300 Jahre alte Gletschermumie heute allgemein genannt wird. An der Stelle, an der er lag, steht heute ein steinernes Denkmal. In den Sommermonaten kommen täglich Bergwanderer hierher. Manche gehen noch 15 Minuten weiter zum benachbarten, etwas höher gelegenen Hauslabjoch.

Viele, die zum Ötzi-Denkmal kommen, sind auf dem Fernwanderweg E5 von Oberstdorf nach Meran unterwegs. Die meisten Gruppen nehmen den Umweg zur Gletschermann-Fundstelle, wenn sie von der Martin-Busch- zur Similaunhütte laufen.

In diesem Monat werden wohl noch mehr Wanderer zum Tisenjoch pilgern. Denn der Ötzi-Fund jährt sich zum 25. Mal. Zum „Iceman“-Jubiläum bieten die Touristiker beispielsweise eine „Ötzi Glacier Tour“ zur „Original-Fundstelle“ an. Und es gibt die „Ötzi 25-Vorteilskarte“. Die ist in vielen Hotels und Pensionen kostenlos erhältlich oder beim Tourismusverein im nahen Schnalstal. Der Höhepunkt der Jubiläums-Feierlichkeiten soll in zwei Wochen, am 17. und 18. September, stattfinden. Da gibt es in der Schnalstaler Gemeinde „Unser Frau“ ein Musikfestival. Wie dessen Motto heißt? Natürlich „Ötzi 25“.

Ötzi-Fund vor 25 Jahren: Menschlicher Körper, der aus dem Eis ragt

Die ganze Geschichte – zumindest der neuzeitliche Teil – beginnt am 19. September 1991, einem Donnerstag. An diesem Spätsommertag steigt das Nürnberger Ehepaar Erika und Helmut Simon von der nahe am Tisenjoch gelegenen, 3516 Meter hohen Fineilspitze ab. Etwas abseits der üblichen Route queren sie ein Schneefeld.

„Da habe ich dann was Braunes liegen sehen“, erzählte Helmut Simon, damals 53, später. Es ist ein menschlicher Körper, der aus dem Eis ragt. Deutlich zu erkennen sind Kopf, Schulter und Rücken. Zunächst vermutet das Ehepaar, dass es sich um einen verunglückten Bergsteiger handelt, und informiert den Wirt einer nahe gelegenen Hütte. Einen Tag später beginnt die Totenbergung unter Regie der österreichischen Gendarmerie. Noch ahnt niemand, um welch sensationellen Fund es sich handelt. Eine altertümliche Axt, die bei der Leiche lag, wird vorübergehend zum Gendarmerieposten ins Tiroler Sölden gebracht. Sie soll Aufschluss darüber geben, wie alt der Fund ist. Bei der Leichenbergung zerreißt die Hose des Toten teilweise. Eine Birkenrindentasche wird stark beschädigt. Darin hatte Ötzi das Feuer transportiert – luftdicht war die Glut in Ahornblätter verpackt.

Unter den vielen Schaulustigen, die in den folgenden Tagen zur Fundstelle hinaufsteigen, sind auch die Südtiroler Extremalpinisten Hans Kammerlander und Reinhold Messner. Die beiden befinden sich auf einer Rundtour durch die Südtiroler Berge. Messner ist es, der als Erster den archäologischen Wert erkennt: Er schätzt, dass die Gletschermumie dort mehr als 2000 Jahre gelegen hat.

Einige Tage später wird die Leiche vom Tisenjoch auf den Namen „Ötzi“ getauft und in das Institut für Früh- und Vorgeschichte der Innsbrucker Universität gebracht. Archäologieprofessor Konrad Spindler datiert den Fund auf ein Alter von 5300 Jahren – die Axt aus der Kupferzeit ist ein entscheidendes Indiz.

Mehr als 600 Einzeluntersuchungen folgen, bis die Wissenschaftler in der Lage sind, ein Bild von Ötzi zu skizzieren: Der Urmensch war 46 Jahre, hatte blaue Augen, dunkelbraunes bis schwarzes Haar und Schuhgröße 37/38. Er war 1,60 Meter groß und 50 Kilogramm schwer.

Heute würde man sagen: Idealgewicht. Doch um Ötzis Gesundheit war es nicht zum Besten bestellt: Er soll unter massiven Verkalkungen der Hauptschlagadern gelitten haben, ein Zeh war erfroren. Zudem wurden Verschleißerscheinungen an Rücken und Knien diagnostiziert, Magen und Darm waren offensichtlich von Parasiten befallen. Ebenso zeigte die Analyse seines Erbguts, dass der Steinzeitmann an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung und an Laktose-Intoleranz litt.

Wurde Ötzi heimtückisch ermordet?

Und doch bleiben Fragen. Zum Beispiel, woher Ötzi kam. Wahrscheinlich aus dem Süden. Denn seine mitgeführten Steinwerkzeuge stammen, wie sich später herausstellt, aus Steinbrüchen im Gardasee-Gebiet. Und an Pflanzenresten fanden Botaniker Spuren von Vegetation in den Südalpen. Doch die Wissenschaftler gehen davon aus, dass er die letzten Monate seines Lebens im Südtiroler Schnalstal verbracht hatte. Von dort kann man in wenigen Stunden zum Tisenjoch aufsteigen.

Aber: Wie kam Ötzi ums Leben? Er wurde vermutlich aus heimtückischen Motiven umgebracht. Grund sei eine persönliche Konfliktsituation gewesen, sagte der Münchner Profiler und Hauptkommissar Alexander Horn zum 25. Jahrestag der Entdeckung der Gletschermumie. "Es ist wahrscheinlich, dass der Mord an Ötzi ähnlich banal ablief wie andere Morde heutzutage auch." Neid, Zurückweisung oder Kränkung könnten ein Motiv der Tat gewesen sein. Ob eine Beziehungstat oder gar eine Frau hinter der Tötung steckt, sei nicht zu sagen. "Dazu müsste man das Opferumfeld befragen, und das gibt es ja in diesem Fall nicht."

Ötzi-Fund folgte eine Todesserie

Wohl auch deshalb ranken sich viele Mythen, Märchen und Legenden um den Mann aus dem Eis. Und es gibt wilde Verschwörungstheorien. Dazu gehört die Tatsache, dass mehrere Menschen, die in irgendeiner Weise mit dem Jahrhundert-Fund zu tun hatten, in den Jahren danach ums Leben kamen. Etwa der Gerichtsmediziner Rainer Henn, der an der Analyse von Ötzis Leiche federführend beteiligt war. Der 64-Jährige verunglückte 1992 bei einem Autounfall. Ausgerechnet auf dem Weg zu einem Vortrag über den Gletschermann.

Ein Jahr später starb der Bergführer Kurt Fritz, der den Abtransport der Gletscherleiche mit einem Hubschrauber organisiert hatte. Fritz stürzte in eine Gletscherspalte.

Rainer Hölzl, der für den österreichischen Rundfunk die Bergung des Mannes aus dem Eis gefilmt hatte, erlag 2004 mit 41 Jahren einem Gehirntumor. Ötzi-Finder Helmut Simon aus Nürnberg war im Oktober 2004 auf einer Bergtour zum Gamskarkogel im Salzburger Land unterwegs, als er bei schlechtem Wetter 100 Meter tief stürzte. Er wurde vermisst, später entdeckten Rettungskräfte der Bergwacht seine Leiche. An der Suche nach dem Hobbybergsteiger Simon war damals der Bergretter Dieter Warnecke beteiligt. Dieser starb kurz nach der Beerdigung des Ötzi-Finders an einem Infarkt.

Für Ötzis Kleidung wurden mindestens fünf verschiedene Tierarten verwendet.
Foto: Institute for Mummies and the Iceman (dpa)

Im April 2005 erlag Professor Konrad Spindler, 66, einer schweren Krankheit. Der Experte für Ur- und Frühgeschichte der Uni Innsbruck hatte sich jahrelang mit dem Gletscherfund beschäftigt. Im selben Jahr starb der Innsbrucker Professor Friedrich Tiefenbrunner im Alter von 63 Jahren. Er hatte ein Verfahren entwickelt, wie die Mumie vor Bakterien und Pilzbefall geschützt werden konnte. Das sind sieben Tote in 14 Jahren. Sieben Tote, die alle mit dem Ötzi-Fund zu tun hatten - kein Wunder also, dass sich darauf Verschwörungstheorien entwickelt haben.

Original-Ötzi wird seit 1998 in Bozen aufbewahrt

Viel Ärger gab es um die Fundprämie und die Frage, wem überhaupt ein Finderlohn zusteht. Das Landesgericht in Bozen erklärte 2003 das Ehepaar Simon zu den offiziellen Findern. Dagegen legte die Südtiroler Landesregierung Berufung ein. Eine Slowenin und eine Frau hatten ebenfalls geltend gemacht, die Leiche im Eis entdeckt zu haben. Erst im August 2010 erhielt Erika Simon einen Finderlohn in Höhe von 175.000 Euro.

Wie viele Ötzi-Nachbildungen es inzwischen gibt, weiß niemand genau. Doppelgänger sind beispielsweise im Schnalstaler Talmuseum und im Prähistorischen Museum in Alpes-de-Haute-Provence (Frankreich) zu finden. Im Oberallgäuer Sonthofen ist Ötzi ebenfalls ein Thema. Noch bis 16. Oktober läuft dort die Ausstellung „Mann aus dem Eis“.

Der Original-Ötzi wird seit März 1998 im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen aufbewahrt. Die Mumie liegt in einer Kühlzelle, in der Bedingungen wie in einem Gletscher herrschen. Dieses Verfahren gilt weltweit als einzigartig. Das Thermometer darin zeigt konstant sechseinhalb Grad unter null, die Luftfeuchtigkeit liegt zwischen 97 und 99 Prozent. Dennoch verliert die Mumie jeden Tag vier bis sechs Gramm Wasser. Deshalb wird in regelmäßigen Abständen im Kühlbehälter warmes Wasser als Nebel versprüht. Dieser legt sich auf Ötzis Haut und gefriert zu einer dünnen Eisschicht. Die Wissenschaftler arbeiten derzeit an dem Plan, die Kühlzelle mit reinem Stickstoff zu füllen. Das soll die Gletschermumie noch besser vor einem Bakterienbefall schützen.

4,5 Millionen Menschen aus aller Welt haben Ötzi bisher in Bozen besucht. Inzwischen kommen jährlich 250000 Gäste. Besonders an regnerischen Tagen drängen viele Südtirol-Urlauber ins Museum. Deshalb ist man seit geraumer Zeit auf der Suche nach einem Ersatzquartier. Bozens Bürgermeister Renzo Caramaschi ist optimistisch, dass eine Lösung gefunden wird. Im Gespräch sind das Stadtmuseum und eine angrenzende Immobilie, deren Erwerb aber noch nicht gesichert ist. Auf jeden Fall aber wäre das neue Museum sechs Mal so groß wie das bestehende. Mitte September sollen erste Gespräche über den Immobilienerwerb stattfinden.

An der Ötzi-Fundstelle hat die Wanderin aus Köln ihren Rucksack wieder geschultert. Zusammen mit ihrem Begleiter läuft sie weiter in Richtung Similaun-Hütte. Der Rucksack ist jetzt ein klein bisschen schwerer als zuvor. Die Frau hat einen Stein vom Tisenjoch mitgenommen. „Eine Erinnerung an einen besonderen Ort“, sagt sie.

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