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Gesundheit

04.03.2018

Wie man mit pflanzlicher Kost die Gelenke unterstützt

Eine überwiegend pflanzliche Kost senkt die Risiken für viele schwere Erkrankungen. Der neue Ratgeber "Vegetarisch oder vegan - aber richtig!" hilft bei der richtigen Ernährung.
Bild: Daniela Karmann, dpa

Kann mit einer vegetarischen oder veganen Ernährung das Krebsrisiko gesenkt werden? Die Ärzte Irene Epple-Waigel und Udo Böhm helfen mit einem neuen Ratgeber.

Frau Dr. Epple-Waigel, Sie erklären in Ihrem neuen Buch „Vegetarisch oder vegan – aber richtig!“, dass Sie aufgrund Ihrer schweren Kniegelenkarthrose aufhörten, Fleisch zu essen. Gibt es Studien, dass Gelenkerkrankungen durch eine überwiegend pflanzliche Kost aufgehalten oder gar geheilt werden können?

Dr. Irene Epple-Waigel: Ja, dafür gibt es viele Belege. Eine fleischbetonte Kost heizt Entzündungsprozesse im Körper an. Dagegen kann ich mit bestimmten Mikronährstoffen sehr gut die Gelenke unterstützen.

Welche Mikronährstoffe sind das?

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Epple-Waigel: Ich brauche zum einen die Substanzen, die der Knorpel enthält. Das sind beispielsweise Glucosamin und Kieselsäure. Letzteres kann ich gut durch Braunhirse zufügen. Das ist aber nur der eine Part. Wichtig ist ja auch, gegen die Entzündungen vorzugehen, und hier habe ich für mich einen wunderbaren Entzündungs-Cocktail entdeckt, mein pflanzliches Cortison schlechthin: Ich nehme regelmäßig Kurkuma, Weihrauch in Form von Kapseln und Omega-3-Fettsäuren in Form von Mikroalgenöl zu mir. Aber auch Gewürze wie Zimt, Pfeffer, Koriander und Kräuter haben hier sehr positive Effekte. Und Ingwer und Chili helfen. Dr. Udo Böhm: Und dann gibt es die anti-entzündliche Salatsoße.

Das müssen Sie erklären.

Böhm: Olivenöl. Wir empfehlen ja, mehrere Öle zu verwenden, wie zum Beispiel Olivenöl, Hanföl und Rapsöl, um neben den Omega-3-Fettsäuren auch möglichst viele andere gesundheitsdienliche Fettsäuren zu erhalten. Und wichtig in diesem Zusammenhang ist Vitamin D.

Kann ich mit einer vegetarischen oder veganen Ernährung das Risiko für schwere Erkrankungen wie Krebs verringern?

Epple-Waigel: Ja, kann man. Dafür gibt es auch Zahlen. Und nicht nur das Risiko für Tumore kann ich verkleinern. Es sinkt beispielsweise auch das Erkrankungsrisiko für Diabetes mellitus Typ 2. Für Hypertonie, also für Bluthochdruck. Und die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit ist bei Vegetariern geringer. Böhm: Dies gilt aber nicht nur für vegetarische und vegane Ernährung, sondern generell für eine gesunde, traditionelle Kost. Das ist der Knackpunkt. Denn sowohl die vegetarische als auch die vegane Ernährung kann ungesund sein, wenn man es nicht richtig macht. Wichtig ist, vor allem darauf zu achten, alle Mikronährstoffe in ausreichendem Maße zu sich zu nehmen, also Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente.

Zu welcher Ernährung raten Sie nun?

Epple-Waigel: Wir raten vor allem davon ab, sich von Zivilisationskost zu ernähren, also von stark verarbeiteten Lebensmitteln. Wir empfehlen eine überwiegend pflanzliche Kost, deren Lebensmittel nach Möglichkeit regional, saisonal und frisch sind. Vollwertig und abwechslungsreich sollte die Ernährung sein. Wenig Zucker, dafür aber gute Fette sollte die Nahrung enthalten.

Vegan ist sehr angesagt. Wenn ich Ihr Buch richtig verstehe, ist diese Ernährungsweise vor allem sinnvoll aus ethisch-moralischen Gründen, nicht aus medizinischen?

Epple-Waigel: Genau. Bei mir sind es, wie ich im Buch ja auch erkläre, ethisch-moralische Gründe, die mich dazu bewogen haben, auf Fleisch zu verzichten. Ich kann die Bilder und Berichte von Schlachthöfen, Massentierhaltung und Tiertransporten nicht mehr ertragen. Ich will so wenig wie möglich mitverantwortlich für das Leid unserer Mitgeschöpfe sein. Ginge es nach mir, sollten die Tiere artgerecht leben und eines natürlichen Todes sterben dürfen.

Auf was müssen Veganer achten?

Epple-Waigel: Man muss auf ein ausgeglichenes Verhältnis aller Nährstoffe achten. Man braucht beispielsweise, wenn man gar kein Fleisch isst, hochwertige pflanzliche Proteinquellen. Hier sind an erster Stelle Hülsenfrüchte zu nennen, aber auch Nüsse. Soja eher in Maßen. Aber auch Vitamine, Spurenelemente und die ungesättigten Fettsäuren sind elementar. Zentral ist das Vitamin B12 – das muss ich ergänzen. Um sicher zu sein, mich als Veganer ausgewogen zu ernähren, empfehlen wir regelmäßige Laborkontrollen.

Wie gefährlich ist ein veganer Ernährungsstil für Kinder?

Epple-Waigel: Die Gefahr sind Nährstoffmängel, die zu bleibenden Schäden während der kindlichen Entwicklung führen können. Wer eine vegane Ernährung für seine Kinder will, sollte das unbedingt unter ärztlicher Aufsicht tun, da man sich wirklich sehr gut auskennen muss.

Böhm: Wichtig ist aber schon die Ernährung der Mutter. Sie ist entscheidend für die Entwicklung des Kindes. So kann es bei Müttern, die sich schlecht vegan ernähren, zu schweren Schäden bei den Kindern kommen.

Es wächst ja auch das Angebot an veganen Fertigprodukten. Wie beurteilen Sie die?

Böhm: Die braucht es gar nicht. Das ist Zivilisationskost.

Aber nicht alle haben Zeit zum Kochen.

Epple-Waigel: Wenn ich ein Fertigprodukt erhitze, brauche ich fünf Minuten. Wenn ich eine frische Gemüse-Pfanne zubereite – die Hülsenfrüchte beispielsweise kann ich gut vorbereiten – brauche ich vielleicht zehn Minuten. Das muss mir meine Gesundheit doch wert sein. Böhm: Und einen Schweinsbraten zuzubereiten, braucht wesentlich länger als ein frisches Gemüse aus dem Wok. Habe ich wirklich wenig oder gar keine Zeit, dann kaufe ich eben Tiefkühlgemüse.

Sie halten, wie Sie in Ihrem Buch schreiben, auch nichts von Superfood.

Epple-Waigel: Weil wir in der Region so viele Früchte und Pflanzen haben, die enorme Wirkung haben, aber vielleicht nicht so chic klingen.

Böhm: Dabei hat sich längst gezeigt, dass wir zum Beispiel das Getreide Quinoa, das sehr angesagt ist, gar nicht so gut vertragen, weil unser Organismus eben gar nicht darauf eingestellt ist. Doch beim Superfood wird immer wieder ein neues Produkt angepriesen und viele fallen drauf rein.

Nennen Sie doch Beispiele für regionales Powerfood, wie Sie es in Ihrem Buch bezeichnen.

Epple-Waigel: Für die exotischen Gojibeeren kann ich beispielsweise Heidelbeeren nehmen oder Schwarze Johannisbeeren. Aber auch die Berberitze enthält viel Vitamin C. Und für Chia-Samen nehme ich Hanf- oder Leinsamen.

Manche könnten mit Blick auf Makro- und Mikronährstoffe schon den Eindruck bekommen, dass eine gesunde Ernährung ziemlich kompliziert ist.

Böhm: Ist sie aber nicht. Man kann sich auch ganz einfach an den fünf Farben orientieren: Einfach darauf achten, dass man beim Einkaufen von jeder der fünf Farben etwas dabei hat. Wenn man dann noch täglich mindestens drei Portionen Gemüse und zwei Portionen Obst isst, ist man auf einem guten Weg. Und unter Portion verstehen wir einfach eine Handvoll. Die Essensfrage sollte nie zwanghaft sein. Wenn Sie sich mit dem gesunden Essen Stress machen, sind alle Ihre Bemühungen kontraproduktiv.

Was meinen Sie hier mit Stress?

Böhm: Wenn ich beispielsweise jede Kalorie zähle und aufpasse, dass ich ja keine Regel für eine gesunde Ernährung unberücksichtigt lasse.

Ich darf also nicht verbissen sein.

Epple-Waigel: So ist es. Essen sollte Genuss und Freude sein!

Sie haben einen neuen Ratgeber für alle geschrieben, die sich für vegetarische und vegane Ernährung interessieren: Dr. Irene Epple-Waigel und der erfahrene Arzt Dr. Udo Böhm.
Bild: Ulrich Wagner

Der neue Ratgeber: „Vegetarisch oder vegan – aber richtig! Vorteile und Risiken. Ernährungswissen für Vegetarier und Veganer sowie für die medizinische Ernährungsberatung“ heißt das neue Buch der Ärztin, ehemaligen Skirennläuferin und Silbermedaillengewinnerin bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen Dr. Irene Epple-Waigel und des Arztes Dr. Udo Böhm. Erschienen ist es im Becker Joest Volk Verlag und kostet 19,95 Euro.

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