1. Startseite
  2. Lokales (Aichach)
  3. Gewalt unter Partnern: Der Feind in meinem Bett

Kreis Aichach-Friedberg

29.07.2013

Gewalt unter Partnern: Der Feind in meinem Bett

Frauen und Männer werden Opfer häuslicher Gewalt. In Aichach-Friedberg gab es vergangenes Jahr mehr als 100 Fälle.
Bild: fotolia

Geschlagen und beschimpft von Menschen, die sie lieben: Für viele Frauen und Männer ist das Alltag. Auch im hier gibt es viele, die das erdulden. Eine Betroffene erzählt.

Es beginnt wie im Film. Susanne, zum Schutz schreiben wir nicht ihren wirklichen Namen, lernt im Urlaub ihren Traummann kennen. Sie verliebt sich in ihn, die beiden heiraten, bekommen Kinder. Doch es dauert nicht lange, bis der Film zum Horrorstreifen und Susanne zur Hauptdarstellerin wird, wie sie sagt. Ihr Mann schlägt sie, immer wieder, immer härter, ihre Buben bekommen alles mit. Sie aber kann sich lange nicht von ihm trennen, will nicht wahrhaben, was geschieht, sich nicht wehren. Heute kann sie ihre Geschichte erzählen, die viele Frauen und auch manche Männer im Wittelsbacher Land jeden Tag ganz ähnlich erleben.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

Dieser Inhalt ist älter als 30 Tage und steht daher nur Abonnenten mit einem Plus+ Abo zur Verfügung.
Jetzt ab 0,99 € testen

Mehr als 100 Fälle von Gewalt unter Partnern

Mehr als 100 Fälle von Gewalt unter Partnern hat die Polizei vergangenes Jahr im Kreis Aichach-Friedberg gezählt. In diesem Jahr waren es bislang schon 61. Diese Delikte sind ganz unterschiedlich, mal Bedrohung, mal Körperverletzung, sagt Polizeioberkommissar Wolfgang Schulz, der sich bei der Aichacher Polizei darum kümmert. Meist kommt die Gewalt immer wieder, gibt es immer neue Fälle.

Dass sie auch mal einer davon sein würde, hätte Susanne vor zehn Jahren nie geglaubt, als sie den Traummann kennenlernt – obwohl sie Freunde und Familie vor ihm warnen. Sie aber ist hin und weg, „total geflasht“, sagt Susanne. Anfangs redet sie sich noch selbst ein, es sei nur ein Urlaubsflirt. Er aber lässt nicht locker, ruft sie immer wieder in Deutschland an, nachdem sie nach Hause zurückgekehrt ist. Sie aber will sich Zeit nehmen, prüfen, ob es mehr ist als nur ein Abenteuer. Sie fliegt wieder zu ihm. Nach der ersten Woche steht fest: Ja, da ist mehr.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Nach der Hochzeit zeigt er sein wahres Gesicht

Sie lernt seine Familie kennen, die sie herzlich aufnimmt. Regelmäßig fliegt sie jetzt Jahr für Jahr mindestens für zwei Wochen immer wieder in sein Land, eine Fernbeziehung über Hunderte von Kilometern. Bis sie dort heiraten, sie schnell schwanger wird und zur Geburt des ersten Kindes in die eigene Heimat im Wittelsbacher Land zurückkehrt. Er bekommt ein Visum und kann miterleben, wie sein Sohn zur Welt kommt. Er bleibt in Deutschland – und zeigt bald sein wahres Gesicht.

Sieben Mal müssen Opfer Gewalt erleben, bis sie sich von ihrem Partner lösen können, weiß Rechtsanwältin Beatrix Sixta. Jahre kann das dauern. In fast allen Fällen sind Opfer weiblich, selten sind es Männer. Sie kommen aus allen Schichten, sagt Kriminalhauptkommissarin Christine Bitter, die sich beim Polizeipräsidium in Augsburg um die Prävention und Beratung kümmert. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, das Dunkelfeld ist groß. Viele Opfer schämen sich, suchen keine Hilfe. Auch damit trotz eigener Qualen das Kind keinen Elternteil verliert.

Gewissensbisse, den Mann zu verlassen

Das geht Susanne nicht anders. „Ich hatte Gewissensbisse, den Papa wegzunehmen“, erzählt sie. Anfangs hat sie noch die Hoffnung, mit der Zeit werde sich alles wieder einrenken, doch die erfüllt sich nicht. Auch nicht, als sie das zweite Kind zur Welt bringt. Die Schläge und Tritte erduldet sie, immer wieder verzeiht sie ihm, wenn er sich entschuldigt für das, was er ihr antut. Es schleicht sich so etwas wie Normalität ein, dabei ist ihr ganzer Körper mit blauen Flecken übersät, nur das Gesicht lässt er aus. „Das hätten andere ja sehen können“, sagt Susanne. „Man tut das alles einfach ab, weil man den Menschen ja eigentlich liebt. Und wenn man irgendwann doch realisiert, was er einem da antut, schämt man sich so sehr, dass man nicht darüber spricht.“

Mit der Zeit und noch mehr psychischem Druck realisiert sie langsam, was er mit ihr macht, will versuchen, sich endlich von ihm loszusagen. Sie schafft den ersten Schritt, schafft es zusammen mit ihren Kindern, an einen anderen Ort zu gehen. Doch er lässt nicht locker, will sie zurückhaben. Ihre Gewissensbisse und sein Versprechen, nach einem Umzug in eine andere Stadt werde alles besser, lassen sie es doch noch einmal versuchen. Aber sie sagt sich selbst: Schlägt er sie das nächste Mal, geht sie. Dieses Mal endgültig. Eine Zeit lang scheint es tatsächlich zu funktionieren, doch dann wird er wieder gewalttätig, die Türen in der Wohnung gehen zu Bruch. Sie nimmt ihre Kinder, packt ihre Sachen – und geht.

Enge Zusammenarbeit mit dem Frauenhaus

Im Jahr 2012 gab es 180 Opfer aus dem Wittelsbacher Land, die sich bei Via haben beraten lassen. Die Anlaufstelle bei häuslicher und sexueller Gewalt der Arbeiterwohlfahrt Augsburg arbeitet eng mit dem Frauenhaus zusammen. Es ist ein Zufluchtsort – und doch reichen die Plätze fast nie aus, bedauern die Leiterin Birgit Geile und Monika Neidhard von Via.

Ohne die Beratungsstelle, sagt Susanne, hätte sie das nicht überstanden. Sie hatte das Glück, dort eine Frau zu treffen, die ihr sympathisch war, bei der sie sich „auskotzen“ konnte. Und die ihr geholfen hat, auf ihren Körper zu hören, sich selbst wiederzufinden. Das hatte sie verlernt, denn ihr Mann gab ihr das Gefühl, selbst an ihrem Leid schuld zu sein. Seit mittlerweile einem Jahr lebt sie nun von ihm getrennt, erst vor wenigen Monaten hat sie alles einer Freundin erzählt.

Den Sohn geschlagen, um sie unter Druck zu setzen

Den Kontakt ganz abbrechen will Susanne aber nicht, trotz allem, was passiert ist. Ihren Kindern zuliebe. Sie will ihnen eben nicht den Vater nehmen, auch wenn er vor der Trennung noch einen ihrer Söhne geschlagen hat, um sie unter Druck zu setzen. Anfangs wollten die Jungs gar nicht zu ihm, erzählt Susanne, der Älteste hat alle Streitereien mitbekommen, war mittendrin. Erst recht spät sei er sauber geworden, eine Folge des psychischen Stresses, dem auch er ausgesetzt war. Jetzt laufe es ganz gut zwischen dem Vater und den zwei Söhnen, beide im Kindergartenalter, auch wenn sie nicht wüssten, dass die Eltern inzwischen getrennt sind. „Papa ist arbeiten“, erklärt ihnen die Mutter.

Wenn der Vater sie sehen darf, dann nur in der Öffentlichkeit. Die Angst, dass er sie entführen könnte, ist zu groß. Seine neue Freundin, mittlerweile seine Ex, hatte mitbekommen, dass er so etwas vorhabe, und Susanne ausfindig gemacht, um sie zu warnen. Daraufhin hat diese den Entschluss gefasst, ihn doch noch anzuzeigen. Das Aichacher Gericht handelte sofort und verbot, dass er die Kinder allein sehen darf.

Gericht kann Verfügungen erlassen

In Fällen häuslicher Gewalt kann das Gericht den Kontakt untersagen und anordnen, dass sich der Täter von der Wohnung fernhalten muss. „Wer dagegen verstößt, kann mit einem Ordnungsgeld belegt werden oder gar in Haft kommen“, erklärt Lars Baumann, Vize-Leiter des Gerichts Aichach. Was der Gesetzgeber der Justiz ermögliche, helfe in den meisten Fällen, auch bei Stalking. „Doch alles können wir nicht verhindern, egal mit welchen Instrumenten“, sagt Baumann.

Ohne selbst etwas ändern zu wollen geht es nicht, findet auch Susanne, ohne einen starken Willen bleibe alles wie es ist. Sie hat wieder ins Leben zurückgefunden, hat wieder soziale Kontakte, die sie für den Mann abbrechen musste, arbeitet. Eine neue Beziehung kann sie sich aber noch nicht vorstellen. „Ein Mann hätte es schwer bei mir.“ Die Kinder kommen für sie an erster Stelle.

Kämpfen für ein normales Leben

Den Partner zu verlassen muss gut vorbereitet sein, rät Beate Oswald-Huber, Gleichstellungsbeauftragte des Landratsamtes Aichach-Friedberg. Dokumente, Bankunterlagen, Kuscheltiere der Kinder: An vieles ist zu denken. Zwar haben Opfer die Hoffnung, dass wieder alles normal wird, doch das wird es meist nicht, weiß Daniela Schwab vom Weißen Ring.

Dessen ist sich Susanne jetzt auch bewusst. Doch sie will darum kämpfen, dass zumindest die Kinder wieder ein normales Leben haben. Und auch durch Rückschläge die Hoffnung nicht mehr verlieren.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren