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Kulturtage

04.10.2019

Gute Geschichten schlecht erzählt?

Literarisches Quartett mit strengem Urteil (von links) : Angelika Ruf, Prof. Dr. Dieter Götz, Prof. Dr. Andrea Bartl, Dr. Martin Schnell. Foto: Tobias Karrer

Beim literarischen Quartett in Diedorf bemängeln Referenten einiges an neuen Büchern

Wer es nicht schon in der Schule mitbekommen hat, lernt spätestens im Literaturwissenschafts-Grundkurs an der Uni, dass man zwischen dem Erzähler und dem Autor einer Geschichte unterscheiden sollte. Diese Unterscheidung ist einer der roten Fäden, die sich durch das literarische Quartett in Diedorf ziehen. Vier Romane werden vorgestellt – und nicht alle Autoren wissen in den Augen der vier Rezensenten, wie man gut erzählt.

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Schon die erste Neuerscheinung, der Roman „Kleine Feuer überall“ von Celeste Ng, kam nicht bei allen gut an. Für Dr. Martin Schnell hat die Autorin mit ihrer Erzählung über ein „Spießerparadies“ in den Vereinigten Staaten der 1990er eine „gute Geschichte“ geschrieben. Das Buch sei zwar „konventionell erzählt“, aber „die Figuren überzeugen und es ist spannend gemacht“. Außerdem spürt er wie eine Art „Optimismus der Clinton-Ära“ in dem Buch mitschwingt. Den Titel könne man deshalb auch als „beißenden Kommentar zu Trumps Amerika verstehen“.

Für Prof. Andrea Bartl ist „Kleine Feuer überall“ Platz zwei der schönsten Bücher des Jahres. Andrea Ruf hat die Ausgangssituation des Buches zugesagt, aber sie bemängelt, dass die Geschichte zu wenig Leerstellen habe. Hier schaltete sich Prof. Dieter Götz ein. Er bemängelt „eine hemmungslose allwissende Erzählerin“. Obwohl gut geschrieben, folge das Buch der „Romantheorie von 1830“. Interessant mache das die Geschichte nicht.

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Ähnlich kritisch besprechen die Referenten den halb fiktiven, halb autobiografischen Roman „Der Apfelbaum“ von Christian Berkel. Sie vermissen eine klare Linie zwischen dem, was im Leben des Autors tatsächlich passiert ist und dem, was er erfunden hat. Der Erzähler sei nicht klar vom Autor zu trennen, maße sich aber trotzdem an, „über Dinge zu sprechen, von denen er gar nichts wissen kann“, so Götz. Für Bartl gibt es „bessere Romane über die Zeit in Berlin ab 1932 und bessere Autobiografien“. Außerdem kritisiert sie Stilbrüche und fragt: „Warum hat das Lektorat da nicht stärker drüber gebügelt?“

Während in der ersten Hälfte also viel kritisiert wird, kommt in der zweiten Hälfte des Quartetts das Lob. Mit „Die Einzige Geschichte“ habe Julian Barnes einen rührenden Roman über das Alter, den Wahrheitsgehalt von Erinnerungen und Alkoholsucht geschrieben. In drei Teilen erzählt der Autor „typisch melancholisch aber mit vielen lustigen Momenten“ (Schnell) von einem Liebespaar, das sich kennenlernt als sie 48 und er 19 Jahre alt ist. Der Erzähler ist der 70-jährige Liebhaber, der sich an die Beziehung und deren Entwicklung erinnert. Alles in allem stelle das Buch „viele Gemeinplätze in Frage, die man als älterer Mann so schlau daherredet“, sagt Götz. Für Schnell ist die Perspektive eines 70-Jährigen, der sich an sein 19-jähriges Ich zurückerinnert „meisterhaft“ erzählt.

Ein ähnliches Urteil fällen die Experten über „Herkunft“ von Saa Stanii. Der Autor, der mit seiner Familie während des Jugoslawienkrieges nach Deutschland fliehen musste, hier eine neue Sprache und Kultur kennenlernte und jetzt auf Deutsch Romane schreibt, ist sicher der richtige, um über „Herkunft“ zu schreiben. Für Andrea Bartl ist das Buch, das aus vielen kleinen Geschichten besteht, die teils autobiografisch, teils fantastisch anmuten, „gerade angesichts der Flüchtlingsfrage eines der wichtigsten literarischen Werke des Jahres“.

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