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16.12.2019

Gutes Einkommen, aber keine Wohnung: Familie auseinandergerissen

Das Thema Wohnungsmangel bleibt für viele Menschen ein theoretisches Problem, das sie höchstens am Rande betrifft. Eine 49-jährige Diedorferin hat die Auswirkungen am eigenen Leib erfahren.
Bild: Andreas Lode (Symbolfoto)

Plus Die Mutter übernachtet auf der Couch, die Töchter bei Freunden. Drei Frauen erleben, dass nicht einmal ein ausreichendes Einkommen vor Obdachlosigkeit schützt.

Das Thema Wohnungsmangel bleibt für viele Menschen ein theoretisches Problem, das sie höchstens am Rande betrifft. Eine 49-jährige Diedorferin hat die Auswirkungen am eigenen Leib erfahren und hätte gerne darauf verzichtet.

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Trotz ausreichender Einkünfte fand sie keine Bleibe und stand kurz vor der Obdachlosigkeit, ehe ein glücklicher Umstand doch noch alles zum Guten wendete. Den Anfang nimmt ihre Wohnungssuch-Odyssee im August: Sie lebt im Haus ihres damaligen Lebensgefährten, doch in der Beziehung stimmt es nicht mehr. Sie beschließt, sich mit ihren beiden Töchtern eine neue Bleibe zu suchen: „Wir wollten in der Gegend bleiben, uns gefällt es hier. Anfangs haben wir noch nicht mit so großem Druck gesucht.“ Die 49-Jährige ist Hauswirtschaftsmeisterin, aber wegen einer Erkrankung derzeit verrentet, ihre Töchter sind 21 und 23 und besuchen Berufsfachschulen. Geld für angemessenen Wohnraum sei ausreichend vorhanden, sie bekomme neben der Rente keine Sozialleistungen.

"Wir kommen zu dritt notfalls mit 60 Quadratmetern aus"

Eine Wohnung bekommt sie aber nicht, trotz einiger guter Besichtigungstermine und Gespräche mit den Vermietern, sagt sie: „Einige haben sich meine Unterlagen angeschaut und mir gesagt, dass ich mir die Wohnung nicht leisten könne.“ Dabei sei alles durchgerechnet gewesen, und eine Tochter könne aus ihrer Ausbildungsvergütung noch etwas beisteuern. Auch habe die Familie keine überhöhten Ansprüche: „Wir kommen zu dritt notfalls mit 60 Quadratmetern aus.“

Gutes Einkommen, aber keine Wohnung: Familie auseinandergerissen

Sie meldet sich auf Anzeigen bei Online-Anbietern, spricht bei Ämtern in der Stadt Augsburg vor, bewirbt sich bei mehreren Wohnungsbaugenossenschaften. Dort sieht die Lage aber auch düster aus. Denn die Menschen, die eine Wohnung haben, gäben sie derzeit nur selten auf, sagt Josef Hartmann, Geschäftsführer der Wohnungsbau-GmbH für den Landkreis Augsburg (WBL): „Im Jahr 2018 hatten wir eine Fluktuationsrate von 6,2 Prozent. Das ist ziemlich niedrig, wir hatten schon Jahre mit über zehn Prozent.“ Für die knapp 5000 Wohnungen gibt es eine lange Bewerberliste. Knapp 3000 Menschen haben derzeit ihr Interesse bekundet und bleiben damit ein Jahr auf der Liste der WBL.

Als sie innerhalb einer Woche aus der Wohnung müssen, wird die Suche höchst akut. Am Ende antwortet die 49-Jährige auf mehr als 30 Anzeigen an einem Wochenende: „Aber es kamen insgesamt nur zwei Reaktionen.“ Überhaupt hat sie sich oft geärgert, weil Vermieter sich nicht mehr meldeten. Auf Nachfragen sei sie mehrmals vertröstet worden, habe dann aber trotzdem nichts mehr gehört.

In Diedorf zeigt man sich hilfsbereiter

Schließlich ging es nur noch darum, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Ein Pensionszimmer war finanziell langfristig nicht drin, zumal viele Herbergen in Wohnortnähe keine freien Zimmer hatten. Sie wandte sich an die Augsburger Unterkunft für obdachlose Frauen und die Gemeinde Diedorf. In Augsburg wurde ihr gesagt, dass man ihr als Landkreisbürgerin nur helfen könne, wenn sie nachts mit einem Rucksack vor der Tür stünde. In Diedorf zeigt man sich hilfsbereiter. Sie freut sich, dass Bürgermeister Peter Högg sogar bei der Eröffnung des Anhauser Weihnachtsmarkts ihren Fall in seine Rede eingebaut hatte.

Nach fünf Tagen Wartezeit fand sich ein Unterschlupf: Die Gemeinde bot eine leer stehende Wohnung an. „Es wenden sich häufiger Menschen an uns, die Wohnungen suchen. Die versuchen wir, mit Vermietern in Kontakt zu bringen, die sich bei uns melden“, sagt Bürgermeister Högg. Im akuten Fall gab es das Problem, dass die gemeindliche Obdachlosenunterkunft in Biburg ziemlich voll war. Man habe kurzfristig Platz geschaffen und das Appartement so hergerichtet, dass es als Notunterkunft bewohnbar war. Die 49-Jährige sah dagegen Schimmel an den Wänden, Schmutz und durchdringenden Toilettengeruch und zog gar nicht ein.

16 Stunden auf Achse, um alles zu organisieren

Mittlerweile hat sich ihre Familie aufgeteilt. Eine Tochter wohnt wechselweise bei ihrem Freund und beim Vater, die andere in der WG einer Freundin, die Mutter schläft bei einer Freundin auf der Couch: „Ich war die letzten Tage ohnehin immer 16 Stunden auf Achse, um alles zu organisieren.“ Gefreut hat sie sich über viel Hilfsbereitschaft: Bekannte halfen Kisten schleppen oder stellten Lagerräume für den Hausrat der Familie zur Verfügung.

Und in diese emotionale Berg-und-Tal-Bahn kam doch noch ein rettender Anruf: „Mittlerweile haben wir eine Wohnung in Aussicht.“ Die Mutter hatte sich auf eine Anzeige für eine Zweizimmerwohnung gemeldet: „Kurz darauf rief mich eine Frau von einer Wohnungsbaugenossenschaft an, dass die Wohnung schon weg sei, sie aber eine Dreizimmerwohnung habe, die für uns passen könnte. Das war wie ein Goldregen.“ Mitte Januar hat das aufgeteilte Familienleben wieder ein Ende.

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