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Landkreis Augsburg

02.02.2019

Mordsgeschichten: Der schlimmste Tag des Lebens

Die Braut trug früher bei der Hochzeit nicht weiß, sondern schwarz: Das hatte nichts mit Trauer zu tun. Schwarz war traditionell am spanischen Hofe angesagt.
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Die Braut trug früher bei der Hochzeit nicht weiß, sondern schwarz: Das hatte nichts mit Trauer zu tun. Schwarz war traditionell am spanischen Hofe angesagt.
Foto: Gustav Baader, Sammlung Czysz

Plus Die Hochzeit im Jahr 1905 sollte der schönste Tag im Leben des jungen Paars werden. Doch plötzlich sinkt in Langenneufnach ein Mädchen tot zu Boden.

Ein Bild, das jeder aus den Vereinigten Staaten kennt: Waffengeschäfte, die an Süßwarenläden erinnern. Schießereien auf offener Straße. Amokläufe in Schulen und bei Großveranstaltungen. Jeder kann sich Waffen kaufen, weil das Recht auf den privaten Besitz in der Verfassung verankert ist. Heute hat der freie Umgang schlimme Folgen. Wenn Colt und Co. in die falschen Hände geraten, sind schwere Unfälle vorprogrammiert. Zur Zeit der bayerischen Monarchen war das übrigens nicht anders.

In Dinkelscherben putzte im Juli 1910 der Gehilfe eines Schneidermeisters seinen Revolver. Um das vierjährige Söhnchen des Schneiders zu unterhalten, ließ er die vermeintlich nicht geladene Waffe mehrmals schnappen. Dabei krachte ein Schuss und das Unglück war geschehen: Die Kugel drang dem Kleinen in die rechte Schläfe. Im Jahr darauf hantierte in Ingstetten ein Landwirtssohn mit einer Pistole herum. Er dachte, dass der Hahn nicht mehr richtig funktioniert. Als er die Pistole vorne am Lauf hielt, löste sich ein Schuss: Die ganze Hand wurde ihm förmlich zerrissen und musste amputiert werden. Wenigstens kam er mit dem Leben davon.

Der Dienstknecht spielte mit einem geladenem Jagdgewehr

Anders die Dienstmagd Theresia Bertele aus Unterbleichen. Sie wurde im September 1897 vom Dienstknecht Friedrich Ruß aus Schlehbuch im Haus von Thomas Mayer in der Einöde Waldhausen, Gemeinde Breitenthal, erschossen. Ruß spielte mit einem geladenen Jagdgewehr in der Mägdekammer. Ein Schuss drang der 17-jährigen Magd, die im Bett lag, in den Unterleib.

Auch in Habertsweiler entlud sich ungewollt ein Gewehr: Im Januar 1908 nahm eine „Oekonomensfrau“ ein Tuch von einem Nagel, an dem auch ein geladenes Gewehr hing. Die Flinte fiel auf den Boden, wodurch sich ein Schuss löste. Die Bleiladung tötete die Frau auf der Stelle.

Aus dem Spaß auf dem Rad wird bitterer Ernst

Den leichtfertigen Umgang mit Waffen dokumentiert auch ein Bericht aus dem Jahr 1905: Der Maler Hans Strobel aus Ziemetshausen war mit seinem Freund, dem Gastwirt Matthäus Baumann aus Uttenhofen, auf die Jagd gegangen. Auf dem Heimweg sagte Baumann, dass er mit seinem Fahrrad vorausfährt. Strobel scherzte daraufhin: „Du kannst schon aufsitzen, ich schieße dir dann die Kugel schön nach!“ Als Baumann auf sein Rad stieg und davon fuhr, lud Strobel tatsächlich schnell sein Jagdgewehr und schoss. Statt des ins Visier genommenen Fahrradreifens traf er allerdings seinen Freund. Und der starb zwölf Stunden später. Wie tragisch: Sieben Kinder wurden zu Halbwaisen. Strobel bekam anschließend genügend Zeit, um über den vermeintlichen Spaß nachzudenken: Er musste nämlich für eineinhalb Jahre ins Gefängnis.

Auch bei Festlichkeiten krachte es immer wieder. Aus dem schönsten Tag im Leben wurde plötzlich unfassbares Unglück. Zu einer Brautwagenfahrt in Waldstetten im Juli 1894 feuerte der 43-jährige Josef Kempfle laut Zeitung mehrere Schüsse ab. Plötzlich zersprang seine Pistole und die umherfliegenden Trümmer trafen ihn am Kopf. In Langenneufnach starb im September 1905 ein Mädchen, während ein Hochzeitszug unter den Klängen einer Blaskapelle von der Kirche zum Gasthaus zog. Ein Hilfslehrer aus Marktoffingen hatte in die Luft geschossen. Danach sank die Elfjährige tot zu Boden – sie war an der linken Schläfe getroffen. Die Staatsanwaltschaft konnte nicht klären, ob der Lehrer tatsächlich der Täter war. Es sollen während des Hochzeitszugs weitere Schüsse von Unbekannten gefallen sein. Den Brauch des Brautweckens mit Böllerschüssen gibt es übrigens vereinzelt immer noch. Mit den Schüssen sollen böse Geister von der zu vermählenden Braut ferngehalten werden.

Die rechte Hand an der Böllerkanone verloren

Schwere Verletzungen im Gesicht zog sich im Juni 1895 Anton Rauch aus Wettenhausen beim Böllerschießen zu. Ein sechs Pfund schweres Stück traf ihn direkt am Kopf. Bewusstlos wurde Rauch in seine Wohnung gebracht. Die Zeitung schilderte: „Den Bemühungen des anwesenden Baders gelang es, den Verletzten zum Bewusstsein zu bringen, so dass derselbe die heiligen Sterbesakramente empfangen konnte.“ Nur mit einer Amputation wurde der Schmiedssohn Alois Wimmer aus Haselbach gerettet: Er verlor im September 1894 beim Gründungsfest des Veteranen- und Kriegervereins seine rechte Hand, weil sich vorzeitig ein Schuss der Böllerkanone gelöst hatte.

Schwer verletzt kam auch der 19 Jahre alte Sohn eines Landwirts aus Mindelzell davon: Er schoss sich während der Jahreswende 1901/1902 beim Böllern die beiden Vorderfinger der linken Hand gänzlich weg.

Die Realität ist grausam: Das beweist die Auswahl von über 200 Kriminal-, Unglücks- und Un-fällen aus dem Augsburger Land, Mittelschwaben und dem angrenzenden Unterallgäu. Die kleinen und großen Sünden unserer Vorfahren in den letzten Jahren von Kini und Co. hat Redakteur Maximilian Czysz nacherzählt und mit einem Augenzwinkern aufbereitet. Die „Mordsgeschichten“ sind online unter www.augsburger-allgemeine.de/shop sowie bei den Medienpartnern der Augsburger Allgemeinen erhältlich.

Mordgeschichten: Bisher erschienen in unserer Serie


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