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Adelsried

02.04.2018

So verhindert ein Bio-Hof in der Region das Kükenschreddern

Auf dem Bio-Hühnerhof von Anna Ostermeier und ihrem Mann Jörg leben 6000 Hennen. Das Besondere: Auch ihre „Brüder“, also die männlichen Küken, dürfen aufwachsen und werden nicht wie üblich nach dem Schlüpfen getötet.
Bild: Andreas Lode

Weil sie keine Eier legen, werden jedes Jahr Millionen männliche Küken getötet. Anna und Jörg Ostermeier vom Hasenberghof gehen einen anderen Weg.

Seit Herbst leben 6000 Legehennen auf dem Bio-Hasenberghof bei Adelsried. Seit ein paar Tagen sind auch ihre Brüder, die Göckel, hergekommen. Sie picken und scharren allerdings nicht auf den großen Wiesen rund um den Stall, sondern liegen tiefgekühlt im Gefrierschrank. Viele Kunden hätten schon auf sie gewartet, erzählt Anna Ostermeier. Denn diese Bruderhähne darf es eigentlich gar nicht geben – so ist zumindest die weitverbreitete Ansicht in der Landwirtschaft. Anna und Jörg Ostermeier aus Adelsried gehen einen besonderen Weg: „Zweinutzung“ heißt das Konzept.

In der Regel werden Küken nach dem Schlüpfen sortiert: Die weiblichen werden als Legehennen aufgezogen, die männlichen geschreddert und entsorgt. Anna Ostermeier erklärt, warum das so ist: „Die Hochleistungszucht hat Hennen hervorgebracht, die viele Eier legen, dafür aber kaum Fleischansatz haben.“ Ihre männlichen Nachkommen sind deshalb für die Fleischindustrie uninteressant – und Eier legen sie ja auch nicht. Also sind sie überflüssig. Stattdessen gibt es hochgezüchtete Mastgockel, die schnell und viel Fleisch ansetzen.

Anna und Jörg Ostermeier gehen einen anderen Weg. Ihre Küken werden in Österreich geboren. „Die Mädels kommen erst in einen Aufwachsbetrieb und dann zu uns“, erklärt sie. „Die Buben ziehen in einen Maststall und werden dort groß. Dann werden sie geschlachtet und kommen auch zu uns.“ Ihre Bruderhähne werden also nicht gleich nach dem Schlüpfen getötet, sondern dürfen aufwachsen. Das sei zwar kostenintensiv und aufwendig, aber sie wollen es trotzdem versuchen, sagt die junge Landwirtin.

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"Die werden einfach nicht dick"

Die Bruderhähne werden bei ihrem Kooperationspartner in Österreich unter Bio-Standards aufgezogen und erst nach zehn bis zwölf Wochen geschlachtet – sie leben damit mindestens doppelt so lange wie ein konventioneller Mastgockel, der bereits nach nur fünf Wochen sein Schlachtgewicht erreicht hat.

Die Bruderhähne bleiben viel kleiner: Sie sind nur etwa so groß wie ein halbes „normales“ Hähnchen. Kein Wunder, sagt Anna Ostermeier: Mastgockel seien auf Fleischansatz gezüchtet; Legehennen seien dagegen wie Sportler: „Die werden einfach nicht dick.“ Die Bruderhähne seien sehr aktiv und richtig sportlich – „und so schmecken sie auch“, schwärmt Ostermeier: Das Fleisch sei zart und fein, überhaupt nicht trocken oder fett. Nach 45 bis 60 Minuten im Ofen sei es fertig – ob als Backhendl oder Coq au Vin.

„Es ist ein super Produkt, aber es entspricht halt nicht unserer Norm“, sagt Ostermeier. Auf dem Markt hat das Hähnchen deshalb kaum eine Chance. Anna Ostermeier hofft aber, dass ihre Kunden ihm trotzdem eine Chance geben. Gerade für Singlehaushalte oder die schnelle Küche sei es ideal.

Allein 6000 Bruderhähne haben dank des Hasenberghofs überlebt – und wenn die aktuellen Hennen in einigen Monaten zum Suppenhuhn werden und 6000 neue Hühner in den Stall ziehen, werden es wieder so viel sein.

Bruderhähne werden meist in Bio- oder Hofläden verkauft

6000 – das klingt viel. Im Vergleich zu den Massen an Küken, die geschreddert oder vergast werden, ist es allerdings wenig. Verschiedene Organisationen gehen davon aus, dass in Deutschland jedes Jahr mindestens 40 Millionen männliche Küken getötet werden. „Es sind unglaubliche Zahlen“, sagt der Abgeordnete Herbert Woerlein. Der Stadtberger ist tierschutzpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion und fordert schon lange ein Ende des Kükenschredderns. „Die gesetzlichen Bestimmungen erlauben das leider – auch wenn sie in eklatantem Widerspruch zum Tierschutzgesetz sehen.“ Die Forschung hat zwar eine neue Methode angekündigt, mit der man schon im befruchteten Ei erkennen kann, ob sich darin ein männliches oder weibliches Tier entwickelt. Für die Praxis sei das Gerät aber noch lange nicht geeignet, sagt Woerlein. „Und vor allem: Was macht man dann mit den Eiern? Die wirft man ja auch weg.“ Stattdessen müsse man bei der Zucht ansetzen. Eine Lösung wäre, weg von der Mast- und Lege-Spezialisierung zu gehen und wieder Tiere zu nutzen, die beides können – so wie die alten Haushuhnrassen eben auch. Aber das Wichtigste sei, dass die Menschen ihr Konsumverhalten überdenken. „Wir haben es ja auch geschafft, von der Käfighaltung wegzukommen.“

Mehrere Initiativen setzen sich mittlerweile gegen das nutzlose Töten männlicher Küken ein. Die „Bruderhahn Initiative Deutschland“ zum Beispiel verlangt für jedes Ei im Laden einen Zuschlag von vier Cent. Dieser Betrag wird für die Aufzucht der Brudertiere und ihre Vermarktung verwendet. In vielen Supermärkten gibt es schon solche Eier; die Göckel werden meist in Bio- und Hofläden verkauft. Mehr über die Bruderhähne und den Hasenberghof unter www.bio-hasenberghof.de.

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