Ausdauersport

12.06.2015

Der Wille kann Berge versetzen

40 Stunden am Stück strampelte Günter Haas 888 Kilometer durch die majestätische Bergwelt des Großglockner-Gebietes. 15116 Höhenmeter waren dabei zu absolvieren.
Bild: Günter Haas

Wie sich Günter Haas aus Adelsried an der Grenze des körperlich Machbaren zur Vizeweltmeisterschaft im Ultraradmarathon strampelt

Bereits zum 11. Mal wurde die Weltmeisterschaft im Ultraradmarathon ausgerichtet. Das Rennen geht von Graz aus über etliche Berge und Schleifen bis zum imposanten Großglockner, dort bis auf 2571 Meter Höhe und wieder zurück. Die Gesamtstrecke summiert sich so auf beachtliche 868 Kilometer und 15116 Höhenmeter mit Steigungen von bis zu 16 Prozent. Die Teilnehmer starten im Abstand von 30 Sekunden, wer als Erster wieder ins Ziel kommt, hat gewonnen. Die Entscheidung ob und wie viel Pausen jemand macht, bleibt jedem selbst überlassen. Um die Startreihenfolge festzulegen, fand bereits am Vortag der Prolog, ein kurzer, aber harter Bergsprint statt.

Im Gegensatz zu dem Transkontinentalrennen Race Across Amerika, das Günter Haas 2013 mit einer Streckenlänge von 5000 Kilometern bestritt und bei dem es vor allem um das Ankommen innerhalb des Zeitlimits ging, wollte der Adelsrieder dieses Mal aufs Podest. Dies kommunizierte er schon vorab seinem Team, das aus seiner Frau Margot, Oliver Hein als Teamchef, Klaus Wenk und Matthias Brenner bestand. „Alles erfahrene Betreuer und Sportler, die mich bereits beim Race Across America grandios unterstützt hatten“, so Haas, „meist konnten sie schon anhand von Geschwindigkeit und Fahrstil erkennen, in welchem Zustand ich mich befand.“

Seit über einem halben Jahr hatte sich der 56-Jährige, der für den TSV Gersthofen startet, intensiv auf das Rennen vorbereitet. Vielseitiges Training mit Kraft- und Kampfsport, im Winter Skaten und Skitouren. Mit dem Rad trainierte er meist in heimatlichen Gefilden, westliche Wälder, Stauden, Donau-Ries, Altmühltal und Allgäu. „Ein ausgewogenes Training mit notwendigen Regenerationsphasen stellt das Fundament des Hochleistungs-Radsports dar“, so Haas.

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So stand Günter Haas am Start, mit dem Bewusstsein, circa 40 Stunden auf dem Rad, am Limit des Leistungsvermögens, zu verbringen. „Das heißt, unter anderem zwei komplette Nächte ohne Schlaf, Pausen maximal im Minutenbereich und die Verpflegung fast ausschließlich aus dem fahrenden Begleitauto“, erzählt Haas, der aufgrund starker Konkurrenz von vorne weg Druck machte. In der kühlen Nacht konnte er die erste Teilstrecke bis zum Fuße des Großglockners mit 300 Kilometer und über 4000 Höhenmeter mit einem Schnitt von knapp 30 km/h zurücklegen. Immer hinter ihm: Das Pacecar mit den Betreuern, das zum Schutze des Fahrers die ganze Nacht mit Drehleuchten hinter dem Fahrer bleiben musste.

Nach einer 135-Kilometer-Schleife über den Kartitscher Sattel begann der 40 Kilometer lange Aufstieg zum Tourhöhepunkt, der Edelweißspitze auf 2551 Meter. An diesem wolkenlosen Sonnentag war auch auf der Großglockner-Hochalpenstraße viel los. „Da man mit dem Rennrad durch die Serpentinen gut und schnell abfahren konnte und ein Podestplatz im Fokus stand, waren die Autos und Motorräder schon fast ein Hindernis“, berichtet Haas. „Einmal musste ich sogar einen Ferrari-Cabrio-Fahrer von hinten wegschreien, damit er Platz macht.“

Aus seiner Vorstellung, sich talauswärts auf der Abfahrt zu erholen, wurde leider nichts. Der einsetzende Gegenwind wurde unerbittlich und immer stärker. Die Temperaturen stiegen auf über 30 Grad an. „Da mir Hitze schon immer zu schaffen machte, kam ich hier an meine Grenzen“, sagt Haas. Und es lagen immer noch über 300 Kilometer vor ihm. „Der Gegenwind war gnadenlos und die Hitze unerträglich. Die Kraft in Beinen und Körper schwand zunehmend.“

Aufblitzende Gedanken ans Aufgeben musste der Extremsportler im Keim ersticken. „Nur die Erfahrung aus vielen ähnlichen Situationen und meine Willensstärke haben mich noch angetrieben.“ Ein großes Problem war auch, dass er durch die Hitze und Anstrengung nicht mehr genügend Energie zu sich nehmen konnte. Der Bedarf ist enorm: Für das ganze Rennen war ein Energiebedarf von knapp 30000 kcal errechnet. Die Zufuhr fand hauptsächlich in Form von Flüssignahrung statt. Während des Rennens trank Günter Haas unter anderem 29 Fläschchen Trinknahrung, 4 Liter Cola und 4 Liter alkoholfreies Bier, verlor dabei aber immer noch ein Kilo an Körperfett. „Mit großer körperlicher und mentaler Anstrengung habe ich mich so in die kühleren Abendstunden gerettet. Von da an konnte ich dann auch wieder mehr essen und trinken und wieder Tempo aufnehmen.“ Dass hier die Grenzen des körperlich Machbaren fast überschritten werden, zeigt, dass die DNF (did not finish)-Quote bei 43 Prozent lag. So erreichte er am Ende der zweiten Nacht, in den kühlen Morgenstunden um 6 Uhr, mit einer benötigten Zeit von 37:55 Stunden das Ziel. Der letzte Finisher kam nach 54:28 Stunden an.

Nicht nur Günter Haas als Fahrer, sondern das ganze Team wurden mit dem zweiten Platz in der Altersklasse belohnt. „Wir sind dankbar dafür, dass wir unfall- und pannenfrei angekommen sind“, freut sich Haas, der jetzt erst mal ein bisschen die Beine hochlegen und die Erlebnisse verarbeiten will.

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