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Prozess in Augsburg

12.07.2010

Achtjähriger Bub konsumiert Heroin

Heroin ist eine schlimme Droge. In Berlin verticken die Drogen im mehr Minderjährige. Bild: dpa
Bild: dpa

Ein Vater hat sein Kind regelmäßig zu Drogendeals mitgenommen. Er tarnte sich offenbar mit seinem Bub. In der Schule fiel das Kind durch Entzugserscheinungen auf. Von Stefan Krog

Für Justus (Name geändert) haben schon Dinge zu seinem Alltag gehört, mit denen die meisten Menschen ihr Lebtag nichts zu tun hatten: Der Bub weiß, was eine Plombe Heroin kostet und dass der Hauptumschlagplatz für Drogen in den Niederlanden nicht Amster-, sondern Rotterdam ist.

Während andere Kinder Räuber und Gendarm spielen, spielt er lieber, wo man sich bei einer Wohnungsdurchsuchung vor der Polizei versteckt. Und das Schlimmste: Mit acht Jahren hat der Bub wohl über mehrere Monate hinweg Heroin bekommen. Gestern stand sein Vater vor Gericht.

Weil er alle zwei Wochen in den Niederlanden Heroin gekauft hatte, das er teils für sich selbst brauchte und teils weiterverkaufte, verurteilte die 1. Kammer des Landgerichts den 45-Jährigen zu achteinhalb Jahren Haft. "Uns hat nicht schockiert, dass Sie mit Heroin gehandelt haben. Das ist Tagesgeschäft für diese Kammer. Aber für das mit Ihrem Sohn fehlen einem eigentlich die Worte", so Richter Andreas Dobler.

Achtjähriger Bub konsumiert Heroin

Zwar kommt es gelegentlich vor, dass dem Jugendamt Kinder aus Drogenfamilien auffallen. Doch ein derartig krasser Fall ist in Augsburg bisher noch nicht bekannt geworden. Justus Mutter ist heroinabhängig, spritzte sich bald nach der Geburt des Buben vor mittlerweile neun Jahren in der Wohnung im Wertachviertel das Rauschgift. "Natürlich hat der Bub das mitbekommen. Er hat das durch einen Lüftungsschlitz in der Badtür gesehen", so der Vater gestern vor Gericht. Er nahm zunächst noch kein Heroin, verfiel der Droge aber, als Justus etwa drei Jahre alt war, und trennte sich von der Mutter.

Mit seinem Vater ging Justus abends dann regelmäßig auf Dealer-Tour im Bereich Wertach und Oberhauser Bahnhof. "Ich konnte ihn doch nicht daheim lassen", so der Angeklagte. Teils schob er den Buben - obwohl der damals acht Jahre alt war - im Kinderwagen mit. Ehemalige Nachbarinnen mutmaßten bei der Polizei, dass die Drogen im Kinderwagen oder gar am Körper des Buben versteckt waren. Konkrete Hinweise darauf ergaben sich vor Gericht aber nicht. Allerdings hatte der 45-Jährige möglicherweise im Sinn, sich auf diese Weise als Familienvater zu tarnen. Mehrmals habe sich der Bub gewehrt und dem Vater gesagt, er wolle keine Drogengeschäfte mehr mitmachen, so Zeugen.

In der Szene fiel der Dealer mit dem Kinderwagen auf

Ewig blieb das Treiben nicht unentdeckt. In der Drogenszene wurde immer häufiger über den Dealer mit Kinderwagen getuschelt, zudem flog ein Hintermann in Holland auf. Die Polizei wurde auf den 45-Jährigen aufmerksam. Seit Oktober 2009 sitzt er in U-Haft.

Im Dezember wurde eine Sozialpädagogin als Vormund für das Kind bestellt, Justus lebt inzwischen nach einer Zwischenstation in einer Pflegefamilie in einem Heim. Die Sozialpädagogin erzählte vor Gericht, wie seltsam ihr das Kind im ersten Gespräch vorkam. Der Bub sei intelligent, aber aggressiv und habe starke Stimmungsschwankungen gehabt. "Eigentlich wollte ich es nicht glauben, aber da ist mir der Gedanke an Entzugserscheinungen gekommen." Eine Haarprobe ergab schließlich, dass Justus wohl über acht Monate hinweg mehrmals Heroin bekommen hatte.

Nicht geklärt werden konnte, wer dem Buben Heroin gab. Der Angeklagte bestritt dies vehement. Sein Verteidiger Dietmar Geßler forderte sechseinhalb Jahre Haft, Staatsanwalt Michael Nißl wollte zehneinhalb Jahre. Doch die achteinhalb Jahre, so das Gericht in seiner Begründung, seien angemessen.

Die schlimmste Strafe sei für den Angeklagte, der der Verhandlung teils nur unter Tränen folgen konnte, dafür verantwortlich sein, seinen Sohn in die Nähe von Drogen gebracht zu haben. Justus' Vormund sieht die Lage düster. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus einer Drogen-Familie selbst süchtig werde, sei erhöht. Justus' Hirn dürfte sich zudem auch langfristig an das Heroin erinnern - ein Risikofaktor. "Vielleicht bekommt er es hin. Ich hoffe es, ich weiß es nicht." Von Stefan Krog

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