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Augsburg

05.08.2016

Altenheime geraten in Not

Das Afraheim im Domviertel muss saniert werden. 45 Bewohner müssen deshalb umziehen.
Bild: Silvio Wyszengrad

Wegen einer neuen Verordnung mussten bereits zwei Altenheime in Augsburg schließen. Das Afraheim wagt sich jetzt auf einen ungewöhnlichen Weg.

Wer ins Pflegeheim geht, denkt meist, das wird der letzte Umzug. 45 Bewohner des Afraheims im Domviertel ziehen jedoch übergangsweise in ein anderes Seniorenzentrum. Ihr jetziges Zuhause muss zwei Jahre lang für 11 Millionen Euro renoviert werden. In dem fast 90 Jahre alten Gebäude sind Fenster undicht, es regnet durchs Dach. Mitauslöser für die große Sanierung ist nach Aussage von Martina Kobriger, Geschäftsführerin des Sozialverbandes katholischer Frauen (SKF), aber auch das Pflege- und Wohnqualitätsgesetz. Dieses legt bauliche Standards fest, die letztlich in allen älteren Häusern Renovierungen nötig machen. Es geht unter anderem um Barrierefreiheit, Zimmergrößen, Ausstattung und Einhaltung von DIN-Normen. Die Verordnung gilbt es seit fünf Jahren, jetzt laufen die Übergangsfristen ab – und das bringt viele Betreiber in Not.

Das Diakonische Werk Augsburg schloss deshalb vor einigen Jahren die stationäre Pflege der Hermann-Sohnle-Siedlung Hochzoll und wandelte den Bau in eine Pflege-Wohngemeinschaft um, weil sie nötigen Renovierungsarbeiten nicht hätte stemmen können. Die städtische Altenhilfe macht aus dem selben Grund das Jakobsstift in der Innenstadt zu. Dort werden im Oktober die letzten Bewohner ausziehen. Auch das Servatiusstift im Antonsviertel kann nicht umgebaut werden. Ein Ersatzbau ist nötig. Auch kleinere Häuser stehen vor riesigen Herausforderungen: "Mein Haus wird in zehn Jahren nicht mehr so aussehen können wie jetzt", sagt ein Heimbetreiber. Wie er den Umbau meistern soll, weiß er noch nicht.

Sozialreferent Stefan Kiefer kennt die Not der Heimbetreiber. Seiner Ansicht nach hätte die Staatsregierung einen Unterschied zwischen Bestandschutz und Neubauten machen müssen. Susanne Greger, Leiterin der städtischen Altenhilfe sagt: "Das Zentimetermaß wird in Bayern besonders hochgehalten." Und das Gesetz hat laut Kiefer in Augsburg schon nicht geplante Folgen. Es herrschte lange ein Überangebot an stationären Plätzen; das ändere sich. Von 3200 seien über 3000 belegt – Tendenz steigend. Zu dieser Entwicklung hätten – neben dem Wachstum und dem demografischen Wandel in der Stadt – auch die Schließungen beigetragen.

Das Afraheim für immer zuzumachen, sei für den SKF als Träger und die Diözese Augsburg als Inhaber nie Thema gewesen, sagt Kobriger. Um den Senioren ein Heim bieten und die Mitarbeiterinnen halten zu können, suchte der SkF ein Ausweichquartier. Dieses fand er im Seniorenzentrum Lechrain der städtischen Altenhilfe. Das Haus in Lechhausen ist zwar inzwischen ebenfalls zu 75 Prozent belegt, hat aber noch eine Etage frei, die es nun vermietet. Im Februar sollen 45 Senioren umziehen; im März 2019 ist die Wiedereröffnung im Domviertel geplant.

Betreiber unter Druck

Auch andere Altenheimbetreiber sind wegen des Pflege- und Wohnqualitätsgesetzes unter Druck. Es liefen Begehungen, Gutachten wurden erstellt, Anträge eingereicht. Diakonisches Werk und Caritas zeigen sich beide zuversichtlich, alle Belastungen stemmen zu können. Fritz Graßmann, Sprecher des DWA, sagt allerdings: „Es ist sinnvoll, auf Standards zu achten, aber die Frage stellt sich, ob wir uns noch alles leisten können, was an Forderungen erhoben wird.“

Thomas Reichardt, Bereichsleiter Finanzen der Caritas-Tochter CAB, meint, man suche zusammen mit der Heimaufsicht konstruktive Lösungen. Wenn etwas baulich nicht machbar ist, könne man es oft durch mehr Assistenz regeln. Die CAB habe mit dem Haus St. Raphael in der Stadtmitte ein 50 Jahre altes Gebäude, das sich nicht mehr wirtschaftlich an die geforderten Standards anpassen lässt. Hier werde es gelten, neue Wege bzw. Konzepte zu entwickeln, allerdings erst im Lauf einiger Jahre. Und auch im Hinblick auf das ebenfalls neue Pflegestärkungsgesetz. Dieses stellt den ambulanten Ansatz in den Mittelpunkt, stationäre Pflege wird teilweise teurer. Wie sich das auswirkt, wird die nächste Herausforderung für die Pflegebranche sein.

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