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05.05.2017

An wen erinnern die Stolpersteine und Bänder?

In Augsburg wird seit Donnerstag im Straßenbild unter anderem mit Stolpersteinen Opfern der Nationalsozialisten gedacht. Ein Blick auf die Menschen, die Unrecht erlitten.
Bild: Silvio Wyszengrad

In Augsburg wird seit Donnerstag im Straßenbild Opfern der Nationalsozialisten gedacht. Ein Blick auf die Menschen, die Unrecht erlitten.

Zwölf Stolpersteine und zwei Erinnerungsbänder wurden am Donnerstag angebracht angebracht. Sie erinnern an diese Augsburger NS-Opfer:

Emma und Eugen Oberdorfer. Im Haus der heutigen Maximilianstraße 17, in der Burger King eine Filiale hat, befand sich über Jahrzehnte hinweg die Niederlassung der Schirmfabrik von Jakob Oberdorfer. 1910 übernahm Eugen Oberdorfer mit Frau Emma den Betrieb. In den 1930er-Jahren wurde der Laden enteignet. Eugen Oberdorfer und Ehefrau Emma wurden 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Vor dem Haus wurden jetzt die Stolpersteine verlegt.

Selma und Ludwig Friedmann sowie Jenny Schell (geborene Friedmann) Ludwig (geb. 1880) und Selma Friedmann (geb. 1890) besaßen in dem Haus am heutigen Martin-Luther-Platz 5 in der Fußgängerzone eine Wäschefabrik. Heute befindet sich darin eine Filiale der Kreissparkasse. Unter dem nationalsozialistischen Regime kam es 1939 zum Zwangsverkauf. Das Ehepaar wurde zwangsweise in das sogenannte Judenhaus in der Bahnhofstraße umgesiedelt. Es ist der 7. März 1943. Am nächsten Tag sollten Selma und Ludwig Friedmann deportiert werden. Sie begehen Selbstmord. Jenny Schell floh 1939 nach Holland. Vier Jahre später wurde sie dort aus einem Altersheim deportiert. Sechs Tage später starb sie im KZ-Sammellager Westerbork.

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Karl Nolan (geb. 1891) wurde durch seine Erfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg zum Kriegsgegner. Der Webmeister aus Pfersee trat 1919 der Textilarbeitergewerkschaft bei. Er engagierte sich zunächst in der Roten Hilfe gegen den Krieg, ab 1931 als Mitglied der KPD. Karl Nolan war einer der ersten Hitlergegner aus Augsburg, die im KZ Dachau ermordet wurden. Er starb am 31. Oktober 1937.

Christian Lossa und sein Sohn Ernst Lossa. Die Lossas gehörten den Jenischen an, ein Bevölkerungsteil, der von den Nazis verfolgt wurde. Christian Lossa (geb. 1906) verdiente sein Geld als Hausierer und Gürtler. Mit seiner Frau Anna wohnte er in der Wertachstraße 1. Die Ehefrau starb mit 23 Jahren an Lungentuberkulose. Die vier Kinder, darunter der kleine Ernst, wurden in Heime eingewiesen. Wegen Bettelns wurde Christian Lossa immer wieder festgenommen und inhaftiert. Er war mehrfach im KZ, 1941 wurde er in das KZ Flossenbürg überstellt. Dort wurde er ermordet – mit 36 Jahren. Sohn Ernst wuchs nach dem frühen Tod der Mutter im Heim auf. Die Schwestern beklagten, sie kämen mit ihm nicht zurecht. Lossa stahl Brot, das er mit anderen teilte. Als „Unerziehbarer“ wurde er 1940 von seinen Schwestern getrennt. 1944 wurde er in der Heilanstalt Irsee getötet.

Widerstand gegen Hitler

Josef und Anna Weichenberger. Anna Weichenberger arbeitete als Spinnerin. Sie war aber auch Widerstandskämpferin gegen Hitler. Weichenberger engagierte sich für die Untergrundorganisation Rote Hilfe. 1936 wurden ihre 70 Helfer verhaftet, darunter auch ihr Mann. Josef Weichenberger war 26 Jahre alt, als er 1937 im Zuchthaus Amberg ermordet wurde. Anna wurde 1936 zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt und in den folgenden Jahren von der Gestapo durch die NS-Gefängnisse geschleppt. Sie war 33 Jahre alt, als sie am 26. Juli 1942 im Konzentrationslager Ravensbrück ermordet wurde. Die Gedenksteine sind in der Mittelstraße 2 verlegt.

Fritz und Alois Pröll. Der Leidensweg von Fritz Pröll (geb. 1915) dauerte zehn Jahre. Im Alter von 19 Jahren wurde der Metallarbeiter verhaftet, weil er für die Untergrundorganisation Rote Hilfe Geld sammelte: drei Jahre Einzelhaft im Zuchthaus Landsberg. Danach kehrte er nach Augsburg zurück. Nur für einen Tag. Schon stand die Gestapo vor der Tür. Fritz Pröll kam erst ins KZ Dachau, später in das KZ Mittelbau/Dora, wohin Wernher von Braun seine Raketenproduktion verlegt hatte. Fritz Pröll wurde ein wichtiges Mitglied in der Widerstandsorganisation. Durch Sabotage gelang es den Häftlingen, einen Teil der Raketen funktionsunfähig zu machen. Ein Spitzel verriet sie. Die Mitglieder wurden gefoltert. Aus Angst, unter Folter andere zu verraten, brachte sich Fritz Pröll 1944 um. Sein Bruder Alois Pröll (geb. 1913) war als Widerstandskämpfer und KPD-Mitglied den Nazis ebenfalls ein Dorn im Auge. Er wurde zwei Jahre zuvor, 1942, im KZ Dachau ermordet.

Erinnerungsbänder für zwei Augsburger

Für diese Opfer der Nazis wurden Erinnerungsbänder angebracht: Josef Prantl musste wegen einer Äußerung sterben. Der 30-jährige führte 1943 ein Gespräch über die politische Lage. Er sprach aus, was viele dachten: „Der Krieg ist verloren.“ Er soll hinzugefügt haben, dass die Soldaten belogen werden.“ Prantl wurde denunziert. Am 17. April 1944 wurde Josef Prantl hingerichtet. Das Erinnerungsband ist in der Stadtbachstraße 9 angebracht. Für die Sinti-Familie Reinhardt gibt es ein Erinnerungsband in der Donauwörther Straße 90.

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